ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2013Von schräg unten: Neue Krankheiten: Die Zentritis

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Neue Krankheiten: Die Zentritis

Dtsch Arztebl 2013; 110(46): [48]

Böhmeke, Thomas

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  • Definition: mentale Hyperplasie mit konsekutiver Umbenennung von medizinischen Facheinrichtungen. Hauptkriterien sind der Gebrauch von Superlativen und Konnotation der überregionalen Bedeutung.
  • Epidemiologie: Zentritis wird in den letzten Jahren mit zunehmender Häufung beobachtet. Nicht bestätigten Daten zufolge werden umso häufiger diejenigen medizinischen Facheinrichtungen befallen, die keine besondere regionale Bedeutung haben (vgl. Übersprunghandlung).
  • Krankheitsverlauf: Im Inkubationsstadium wird in Arztbriefen gehäuft der Pluralis majestatis gebraucht („Wir sahen einen Patienten . . ., wir diagnostizierten . . ., wir therapierten . . .“). Kennzeichnend ist zudem die Erwähnung von Veröffentlichungen aus dem zentritis-infizierten Institut im Arztbrief, auch wenn sie mit der Problematik des Patienten nichts zu tun haben. Charakteristisch für frühe Krankheitsstadien sind auf der ersten Seite des Arztbriefes ausgewiesene besondere Qualifikationen des Instituts (Zertifikate, Qualitätskontrollen, Kooperationen mit anderen Institutionen, Teilnahme an Netzwerken), und zwar so zahlreich, dass der geneigte Leser Mühe hat, den Namen des Patienten zu finden, von dem der Brief handeln sollte. Arztbriefen werden meist Informationszettel beigelegt, deren Inhalt die aktuellen Leitlinien längst überdauert hat. Zudem bekommen Kollegen unaufgefordert einen Jahresbericht des Institutes zugeschickt, typischerweise in Form einer Hochglanzbroschüre, die ausschließlich die alles überragende Bedeutung des infizierten Instituts hervorhebt. Bei manifester Zentritis erfolgt die Umbenennung in Deutsches oder Europäisches, Globales oder Universelles Zentrum für Herz oder Hirn, Harnblase oder Hühnerauge. In fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung werden Doktorwürden, bei gravierendem Befall auch Professuren an Personen vergeben, die dem Institut fiskalisch nahestehen.
  • Therapie: Für die betroffenen Institute scheint die Zentritis Vorteile bei Koinfektion mit DRGitis zu haben (Böhmeke, von schräg unten, DÄ 42/2013). Es existieren noch keine Medikamente, die kausal wirksam sind (realotrope Substanzen, Antinarzisstika). Ebenso liegen keine Daten dahingehend vor, dass niedergelassene Ärzte nach Zusendung von Hochglanzbroschüren vermehrt Patienten in die infizierten Institute einweisen. Unbestätigten Beobachtungen zufolge verlassen sich niedergelassene Ärzte vorzugsweise auf den Pappenheimer-Index und raten Patienten davon ab, sich in Instituten behandeln zu lassen, die überwiegend mit sich selbst beschäftigt sind.
  • Prognose: Selbstlimitierend beim nächsten Chefarztwechsel.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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