ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2013Börsebius: Tal der Tränen

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Börsebius: Tal der Tränen

Dtsch Arztebl 2013; 110(46): A-2225 / B-1953 / C-1893

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EU-Kommissar Olli Rehn trat dieser Tage vor die Presse, um Gutes zu verkünden. Seine Botschaft: Die Volkswirtschaften des europäischen Wirtschaftsraumes kehren langsam auf den lange entbehrten Wachstumspfad zurück. Für die zweite Jahreshälfte 2013 erwartet die EU für die gesamte Staatengemeinschaft der Eurozone ein Wachstum von 0,5 Prozent. Üppig ist allerdings anders, zumal für das Gesamtjahr noch nicht einmal eine schwarze Null erreichbar sein wird. Allerdings soll die Konjunktur im nächsten Jahr anspringen. Die Experten prognostizieren für die EU immerhin ein Wachstum von 1,4 Prozent.

Olli Rehn rudert denn auch ein wenig durch die Gegend. „Es mehren sich die Anzeichen, dass die europäische Wirtschaft einen Wendepunkt erreicht hat. Es wäre verfrüht, bereits jetzt den Sieg zu verkünden.“ Ein wunderbarer Satz, der alles sagt und doch nichts.

Es stimmt ja vordergründig, und auf den ersten Blick ist die aktuelle Prognose der Kommission durchaus erfreulich. Das Wachstum nimmt insgesamt zu, und – noch wichtiger – die Haushaltdefizite sinken unter die Damokles-Marke von drei Prozent.

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Doch schon beim zweiten Hinsehen relativiert sich vieles, und es wird klar, dass der Weg aus der Krise nach wie vor ziemlich beschwerlich ist und bleibt. Zwar ist Deutschland Konjunkturlokomotive, doch dann ist schon Schluss mit lustig. Die Volkswirtschaften Spanien, Italien und Frankreich wachsen deutlich langsamer, und die ökonomische Kraft etwa von Zypern und Slowenien wird sogar schrumpfen. Griechenland dürfte ja wohl noch für Jahrzehnte am Tropf hängen. Ein weiteres gravierendes Übel ist die hohe Arbeitslosigkeit im Euroland von durchschnittlich zwölf Prozent.

Ganz nebenbei ist es ein heikles diplomatisches Thema, wenn die EU-Kommission zu sehr auf die Optimistenpauke haut. Dann werden nämlich einige Partnerländer in ihren Sparanstrengungen nachlassen und es mit der Haushaltsdisziplin nicht mehr so ernst nehmen. Außerdem könnten die Amerikaner dann noch lautstarker fordern, dass die Europäer doch bitteschön den Konsum mehr ankurbeln sollen.

Also: Ob wir schon aus dem Tal der Tränen heraus sind oder nicht, ist mit ziemlich vielen Unwägbarkeiten behaftet. Da können die Politiker reden, was sie wollen. Schön wär es ja. Wer aber heute vollmundige Konjunkturprognosen abgibt, möge bitte auch bedenken, dass in Deutschland gerade Koalitionsverhandlungen stattfinden, bei denen höchst bedenkliche Pakete zulasten der Wirtschaft geschnürt werden könnten. Und das in der wichtigsten Volkswirtschaft Europas. Wehe, wenn andere dem deutschen Beispiel folgen sollten. Nicht, dass wir noch vom Regen in die Traufe kommen. Und am Ende wie begossene Pudel dastehen. Allesamt.

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