ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2013„Hair“: Mal blond, mal brünett

KULTUR

„Hair“: Mal blond, mal brünett

Dtsch Arztebl 2013; 110(46): A-2217 / B-1949 / C-1891

Jaeschke, Helmut

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Eine faszinierende Ausstellung in Oberhausen beschäftigt sich mit dem Haar in der Kunst.

Die Haut ist das größte Organ des Menschen, und die Haare als Hautanhangsgebilde bedecken mit wenigen Ausnahmen die gesamte äußere Haut des Menschen. Kopfhaar, Barthaar und die übrige Körperbehaarung bis hin zur Schambehaarung haben folglich zu allen Zeiten im Blickfeld gestanden, sind seit Jahrhunderten in der Kunst thematisiert worden. Erstaunlicherweise ist bisher noch nie in einer Ausstellung versucht worden, diesem besonderen körpereigenen Schmuck aus künstlerischer Sicht nachzuspüren.

Christine Vogt, Direktorin der Ludwiggalerie, Schloss Oberhausen, hat sich an diese Sisyphusaufgabe herangetraut und die Kunstwerke verschiedenen Sammelbegriffen wie „Haar und Kult“ oder „Haar und Macht“ zugeordnet. Das klingt zunächst einmal trocken akademisch, doch daraus ist eine faszinierende Ausstellung geworden. Allein schon das großformatige, magische Bild auf dem Flyer und dem Katalogtitel „Hair Partition (Scheitel)“, 1968, von Domenico Gnoli lohnt die Fahrt nach Oberhausen, denn sonst ist es nur in St. Petersburg zu besichtigen.

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Demut vor Gott und Kritik am höfischen Zeremoniell

Der Untertitel der Ausstellung „Meisterwerke der Sammlung Ludwig von der Antike bis Warhol, von Tilman Riemenschneider bis Cindy Sherman“ verweist einerseits auf die reichen Bestände der Stiftung Ludwig, die für dieses Ausstellungsprojekt zur Verfügung standen, andererseits umreißt er den großen zeitlichen Rahmen. Eines der frühesten Objekte ist ein attischer Krug von 490 bis 470 v. Chr., ein sogenanntes Kopfgefäß, bei dem aus dem hochaufragenden Haarschmuck einer jungen Frau die einem stilisierten Kleeblatt nachempfundene Öffnung herausragt. Die Lindenholzgruppe „Abt mit vier Mönchen“ aus dem 17. Jahrhundert symbolisiert mit der Tonsur die Demut vor Gott und die sexuelle Enthaltsamkeit, bei dem Dirigenten der Affenkapelle aus Meissener Porzellan wurden die überdimensionierte Perücke und die affektierte Haltung von J. J. Kaendler (1706– 1775) dagegen als bewusste Kritik an oberflächlichem höfischem Zeremoniell verstanden.

Diesen kritischen Ansatz nimmt Cindy Sherman in ihrer Farbfotografie „Society Lady“ von 2008 auf, wobei sie sich wie immer selbst inszeniert, diesmal mit maskenhaftem Gesichtsausdruck und abschreckender Kostümierung mit unechter Perücke. Die jüngeren Künstler gehen eher spielerisch mit dem Thema um, dann ist das sprichwörtliche „Haar in der Suppe“ gleich ein ganzes tellerfüllendes Haarteil oder es ersetzt, tadellos gekämmt, mal blond, mal brünett, die Borsten eines Schrubbers. Der Titel „Der Frauen Glück“, 2005 von Claudia Schumacher ironisiert das nicht mehr zeitgemäße, aber nach wie vor präsente Rollenverständnis. Es gibt noch viel mehr in der Ausstellung zu entdecken, Zeit ist dazu bis zum 12. Januar 2014.

Dr. med. Helmut Jaeschke

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