ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2013Börsebius: Die große Flatter

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Börsebius: Die große Flatter

Dtsch Arztebl 2013; 110(47): A-2286 / B-2010 / C-1946

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So als hätte es die Finanzmarktkrise nie gegeben und als hätten wir noch keinen fehlgeschlagenen Internethype erlebt, ist der jüngste Börsengang von Twitter über die Menschheit gekommen. In einem unfassbaren Nachfrage-Run versuchten unzählige Anleger beim letzten Börsengang des Internetkonzerns an Aktien zu kommen.

Der im Vorfeld des Börsengangs mehrfach angehobene Emissionspreis belief sich am Ende auf 26 Dollar je Aktie, und damit war die Aktie des Kurznachrichtendienstes mit etwa 18 Milliarden US-Dollar schon vor der ersten Notiz mehr wert als beispielsweise Harley Davidson. Doch selbst zu diesem bereits üppigen Preis war der Titel 30-fach überzeichnet. Und so kam es, wie immer, wenn alle zur gleichen Zeit durch eine enge Tür wollen, zu einem fulminanten Kurssprung am ersten Börsentag. Der Emissionspreis verdoppelte sich nicht ganz, aber mit 45,10 Dollar fehlt nicht viel dazu. Ein kompletter Wahnsinn nahm seinen Lauf.

Was, um alles in der Welt, rechtfertigte diese horrende Börsenbewertung eines offensichtlich wildgewordenen Börsenpiepmatzes? Verdient hat Twitter seit seiner Gründung im Jahr 2006 nämlich noch keinen Penny, alleine in den vergangenen drei Jahren häufte das Unternehmen einen Verlust in Höhe von 300 Millionen Dollar an. In solchen Fällen verweisen Analysten gerne auf enorme Wachstumsraten, vor denen ein Unternehmen dieser Art eben stünde. In dieses Horn blies auch Konzernchef Dick Costolo, die Möglichkeiten seiner Plattform seien „grenzenlos“.

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Das heißt alles, und doch gar nichts. Bis jetzt ist überhaupt noch nicht richtig ausgemacht, wie und womit Twitter eigentlich wirklich Geld verdienen will. Wer dann zudem auf das Verhältnis von Kurs zu Umsatz schaut, mag sich nur noch richtig gruseln. Bezogen auf den ersten Börsenkurs wird Twitter mit dem 20-fachen seines eigenen Umsatzes bewertet. Das ist nie im Leben eine faire und ausgewogene Größenordnung, sondern schlichtweg verrückt.

Normalerweise gelten Firmen, die an der Börse mit dem 20-fachen des Gewinnes (nicht des Umsatzes!) bewertet werden, schon als ziemlich teurer Wachstumswert, wenn nicht sogar schon überteuert.

Schauspieler George Clooney brachte es auf den Punkt. „Ich verstehe nicht, warum berühmte Persönlichkeiten Twitter nutzen. All’ die Dinge, die Du vielleicht in betrunkenem Zustand denkst, sind dann plötzlich in der Welt, bevor Du wieder aufwachst.“ Der Mann hat so Recht. Twittern mag ja für den einen oder anderen ganz putzig sein, ist aber mangels tragfähigem Geschäftsmodell wirklich nicht zur Geldanlage geeignet. Die große Flatter steht zwar noch aus. Aber sie kommt bestimmt.

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