ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2013Retinoblastom: Die Enukleation ist durch Chemoreduktion vermeidbar

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Retinoblastom: Die Enukleation ist durch Chemoreduktion vermeidbar

Dtsch Arztebl 2013; 110(47): A-2271 / B-1997 / C-1933

Gerste, Ronald D.

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Mit einer Inzidenz von eins auf circa 20 000 Lebendgeburten ist das Retinoblastom der häufigste intraokulare Tumor bei Kindern. Bei einem Drittel der Erkrankung sind beide Augen betroffen. Der natürliche Verlauf des Tumors führt – sieht man von seltenen Spontanremissionen ab – zum Tode. Mit lokaler Behandlung, Strahlentherapie, Chemotherapie und/oder Enukleation lassen sich Überlebensraten von bis zu 95 % erzielen. Außerdem sollen sekundäre Neoplasmen verhindert und Bulbus und Visus möglichst erhalten werden.

An der Augen- und Kinderklinik der Universität Essen ist ein von bekannten Protokollen abweichendes Chemotherapieregime etabliert und getestet worden. Es besteht aus Cyclophosphamid, Vincristin und Etoposid, Carboplatin wird in der Dosis reduziert. In die Studie eingeschlossen wurden 40 Patienten mit 56 retinoblastombefallenen Augen. Die Kinder waren bei der Diagnose im Durchschnitt 8 Monate alt und wurden median sechseinhalb Jahre nachbeobachtet. Die Therapie galt als fehlgeschlagen, wenn enukleiert werden musste oder eine externe Strahlentherapie notwendig wurde.

Ein primärer Therapieerfolg der Chemoreduktion wurde bei 75 % der Augen erreicht. Der Erfolg hing vom Tumorstadium ab: Während Tumoren der Kategorie A und B in 75 % bzw. 85 % mit der Chemotherapie kontrollierbar waren, waren solche der Kategorien D/E (große Tumoren, teilweise mit Ausbreitung unter die Netzhaut und in den Glaskörper) in 83 % nicht erfolgreich mit der Chemoreduktion allein zu behandeln. Nur 4 Augen mussten entfernt werden. Es gab keinen retinoblastombedingten Todesfall.

Erfolg der Chemotherapie in Abhängigkeit vom Tumorstadium nach der ICRB-Klassifikation (International Classification of Retinoblastoma)
Erfolg der Chemotherapie in Abhängigkeit vom Tumorstadium nach der ICRB-Klassifikation (International Classification of Retinoblastoma)
Grafik
Erfolg der Chemotherapie in Abhängigkeit vom Tumorstadium nach der ICRB-Klassifikation (International Classification of Retinoblastoma)

Fazit: Bei einer Therapie nach dem sogenannten Essener Protokoll bleiben die erkrankten Augen bei den meisten Patienten erhalten, die unerwünschten Wirkungen sind akzeptabel (Neutropenie bei 22,5 % der Patienten war die häufigste Komplikation). Das Essener Protokoll müsse nun in Studien mit zwischenzeitlich neu hinzugekommenen Behandlungsmodalitäten wie der intraarteriellen Chemotherapie verglichen werden, meinen die Autoren. Dr. med. Ronald D. Gerste

Künkele A, et al.: Chemoreduction improves eye retention in patients with retinoblastoma: a report from the German retinoblastoma reference centre. Br J Ophthalmol 2013; 97: 1277–83. MEDLINE

Erfolg der Chemotherapie in Abhängigkeit vom Tumorstadium nach der ICRB-Klassifikation (International Classification of Retinoblastoma)
Erfolg der Chemotherapie in Abhängigkeit vom Tumorstadium nach der ICRB-Klassifikation (International Classification of Retinoblastoma)
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