ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2013Fallpauschalen: Sterbenden Patienten nicht angemessen
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In seinem sehr nachdenklich stimmenden Beitrag über grundsätzliche Konstruktionsfehler des deutschen DRG-Systems weist Herr Simon darauf hin, dass Deutschland der einzige Staat ist, in dem „DRGs als striktes Preissystem“ eingesetzt werden. Zu ergänzen ist an dieser Stelle, dass Deutschland auch das einzige Land der Welt ist, welches die stationäre Palliativmedizin über das DRG-System abbilden möchte. So ist im neuen, am 14. Oktober 2013 veröffentlichten Fallpauschalenkatalog mit der ZE 145 erstmals ein Zusatzentgelt für die spezialisierte stationäre palliativmedizinische Komplexbehandlung vorgesehen. Zu befürchten ist, dass daher künftig auch diejenigen Palliativstationen, die bislang als „Besondere Einrichtungen“ anerkannt waren und daher über tagesgleiche Pflegesätze abrechnen konnten, mittels Fallpauschalen finanziert werden müssen.

Das große Vertrauen der politisch Verantwortlichen in die Anwendbarkeit des Fallpauschalensystems auf die stationäre Palliativversorgung beruht darauf, dass durch Zusatzentgelte dem „personal- und zuwendungsintensiven Aspekt der Versorgung von palliativ zu versorgenden Patientinnen und Patienten Rechnung getragen“ werde. Diese Zusatzentgelte seien auf der Grundlage der Ist-Kosten der Behandlungen kalkuliert, so dass die Leistungserbringer eine leistungsgerechte und kostendeckende Vergütung erhalten würden.

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So beruhigend diese Zusicherungen klingen mögen, so grundsätzlich sind die Fragen, die sich ergeben, wenn nun alle Palliativstationen, unabhängig von den spezifischen Versorgungsgegebenheiten, gezwungen werden sollen, die von ihnen betreuten Patienten über Fallpauschalen abzurechnen; ganz abgesehen einmal von der Frage, ob die vom InEK zugrunde gelegten Kalkulationsdaten tatsächlich die Wirklichkeit aller Palliativstationen abbilden – auch auf diese Problematik der Repräsentativität weist der Beitrag von Herrn Simon zutreffend hin!

Hat es unser Gesundheitssystem wirklich nötig, die Betreuung sterbender Menschen mit den prinzipiell gleichen Maßstäben zu messen wie die anhand medizinischer Prozeduren messbare Patientenbetreuung auf Akutstationen? Müssen künftig auf allen Palliativstationen Kodierer danach forschen, wie der Aufenthalt des sterbenden Patienten für die Klinik möglichst kostendeckend abgerechnet werden kann? Sind untere, mittlere und obere Verweildauer ein angemessener Maßstab, wenn es um das Sterben in Würde geht? Ist für die Vergütung der Leistungen auf Palliativstationen ein Entgeltsystem erstrebenswert, das letztlich durch Wettbewerb Effizienzreserven freisetzen soll? Natürlich kann man argumentieren, dass die Vergütung nach dem Fallpauschalensystem als Mischkalkulation doch empirisch abgesichert sei. Und doch muss die grundsätzliche Kritik erlaubt sein, dass dieses Abrechnungsmodell zu einer Sichtweise auf den sterbenden Patienten führen kann, die seiner Situation grundsätzlich nicht angemessen ist. Warum in aller Welt müssen wir einen so vulnerablen Bereich diesem Abrechnungssystem und seinen Leistungsanreizen aussetzen, dessen Schattenseiten in der letzten Zeit zunehmend in die öffentliche Diskussion geraten? Ist es nicht allseits konsentierter politischer Wille, in Deutschland die Rahmenbedingungen der Betreuung sterbenskranker Menschen so zu verbessern, dass der Ruf nach der aktiven Sterbehilfe oder dem ärztlich assistierten Suizid in den Hintergrund tritt? . . .

Vielleicht bietet die nach den Bundestagswahlen notwendige Neubesetzung des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums eine Chance für ein Moratorium, ein Innehalten, um die Konsequenzen einer zwangsweisen Einbeziehung aller Palliativstationen in das Fallpauschalensystem in Ruhe zu bedenken, statt unerschütterlich am einmal eingeschlagenen Weg festzuhalten – „koste es, was es wolle“!

Literatur beim Verfasser

Univ.-Prof. Dr. med. Martin Weber, Leiter der
Interdisziplinären Einrichtung für Palliativmedizin, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 55131 Mainz

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