ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2013Von schräg unten: Magermedizin – Wasserflaschentest

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Magermedizin – Wasserflaschentest

Dtsch Arztebl 2013; 110(48): [60]

Böhmeke, Thomas

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Wenn wir könnten, wie wir wollten, käme es sicher zu Revolten. So pflege ich das kassenärztliche Paradoxon zu umschreiben, dass wir pro forma zwar alle Segnungen der modernen Medizin für unsere gesetzlich versicherten Schutzbefohlenen vorhalten müssen, diese aber in Anbetracht von Restriktion und Regulierung, von Budgetierung und Banalisierung kaum zur Anwendung bringen können. Ich bin mir sicher, dass Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, auch schon ernsthaft darüber nachgedacht haben, ein einziges Ganzkörper-MRT gleich an fünf Kassenpatienten durchzuführen, um Kosten zu sparen. Man darf dann nur nicht die einzelnen Schichten durcheinanderbringen.

Aber der Knebel der Kostenersparnis hat ebenso seine guten Seiten, spornt er doch die Fantasie an. Wie auch bei mir, heute diagnostiziere ich bei einer Patientin eine 80-prozentige Subklaviastenose mit beginnendem vertebrobasilärem Anzapfsyndrom. Die Patientin ist asymptomatisch, das Geschwindigkeitszeitintegral des Vertebralarterienflusses ist mit fünf Zentimetern erniedrigt, aber sollte ich meine Befunde nicht durch eine neurologische Diagnostik, gar ein Angio-MRT validieren? Und überhaupt, wie sieht es unter Belastung aus, wie sind die Verlaufskontrollen zu gestalten? Sollte ich die Patientin jedes Quartal zum MRT, auch zum Neurologen schicken? Das ist unmöglich, der neurologische Kollege hat verzweifelt lange Wartezeiten, die Kassen würden mir eins auf die Glatze geben.

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Da fällt mein Blick auf eine Flasche, die ich zwecks Erhaltung der Wasserhomöostase auf dem Tisch vor mir stehen habe. Das ist es, im Wasser liegt die Wahrheit, sage ich mir, nehme die Flasche und bitte die Patientin, diese für eine Minute mit der Hand der betroffenen Seite zu stemmen, während ich den Vertebralarterienfluss im Duplex kontrolliere. Und siehe da: Der Fluss in der Vertebralarterie bleibt konstant, eine neurologische Symptomatik tritt nicht auf, die Patientin und ich sind glücklich, eine neue Untersuchungsmethode ist geboren, die alle Bedingungen der Wissenschaft in der modernen kassenärztlichen Diagnostik erfüllt: Die Methode kommt ohne Einsatz medizinischer Großgeräte aus, eine Flasche Wasser dürfte in jeder Ambulanz, in jeder Praxis zu finden sein. Spezialisiertes zertifiziertes Personal ist nicht erforderlich, es reicht ein kundiger Doktor, der für die Kassen billig bereitsteht. Umwelt- und CO2-neutral ist meine neue Methode auch, bakteriologisch und strahlenhygienisch völlig unbedenklich. Verbrauchsmaterialien fallen nicht an, wenn man seinen Durst anderen Ortes stillt.

Ich bin mir sicher, liebe Kolleginnen und Kollegen, auch Sie haben bereits entsprechende Methoden entwickelt, um unseren Schutzbefohlenen trotz Kastration durch klamme Kassen medizinisch umfassend weiterzuhelfen. Daher darf ich für uns alle sagen: Wir wollen nicht nur, wir können es!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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