ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2013Transition: Appelle verhallen ungehört
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. . . Das Problem der Transition stellte sich für die „Herzkinder“, der weitaus größten Gruppe mit chronischen Krankheiten, die aus der Kindheit in das Erwachsenenalter gelangt, bereits in den frühen Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Dank früher Diagnostik durch die Kinderkardiologen und großer Erfolge der Kardiochirurgie überlebten seit den Siebzigerjahren bereits mehr als 70 Prozent der früher fast allen todgeweihten Säuglinge und Kinder mit häufig sehr komplexen Herzfehlern. Unterdessen haben sich die Ergebnisse weiter verbessert, so dass jetzt circa 90 bis 95 Prozent der Patienten das Erwachsenenalter erreichen.

Nachdem seit etwa 20 bis 25 Jahren jährlich 5 000 bis 7 000 meist operierte Patienten, häufig mit Restdefekten oder Folgeschäden, das 18. Lebensjahr überschreiten, ist mittlerweile deren Zahl auf circa 200 000 angestiegen und somit höher als die Zahl der Kinder. Damit ist eine neue Gruppe von Kranken mit bis dahin unbekannten und unerwarteten Problemen entstanden, auf die weder die Kinder- noch die Erwachsenenkardiologen ausreichend vorbereitet waren. Angesichts dieser Entwicklung wurde seit Beginn der Neunzigerjahre vonseiten der pädiatrischen Kardiologen versucht, die Kardiologen mit dieser Entwicklung zu befassen. Das führte 2003 zur Gründung der EMAH-Task-Force (Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern) der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, in der sich Kardiologen, Kinderkardiologen, Kardiochirurgen mit Schwerpunkt angeborene Herzfehler, Vertreter von Patienten- und Elternverbänden zusammenfanden. Innerhalb kurzer Zeit wurden Leitlinien für die Betreuung dieser Patienten erstellt, Empfehlungen für die Weiterbildung auf diesem Gebiet erarbeitet und die Voraussetzungen für Weiterbildungskliniken in personeller, apparativer und diagnostisch-therapeutischer Hinsicht festgelegt.

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Die drei Fachgesellschaften Kardiologie, Kinderkardiologie und Kardiochirurgie verleihen seit 2008 an Kardiologen und Kinderkardiologen bei Nachweis entsprechender Qualifikation und nach einer Prüfung vor einem aus fünf Fachvertretern bestehenden Gremium ein Zeugnis über eine Qualifikation als EMAH-Arzt/Ärztin. Mehr als 250 Kollegen, überwiegend Kinderkardiologen, haben sich zwischenzeitlich qualifiziert.

In einem zweiten Schritt wurden die Voraussetzungen definiert, die klinische Einheiten erfüllen müssen, um als überregionale EMAH-Zentren zertifiziert werden zu können. Hier müssen qualifizierte EMAH-Ärzte der drei Fachgebiete eng zusammenarbeiten und einen Schwerpunkt auf die entsprechende Weiterbildung des Nachwuchses legen. Zwölf überregionale Zentren haben mittlerweile den Zertifizierungsprozess erfolgreich abgeschlossen.

Diese Entwicklung wird wesentlich zu einer besseren Versorgung der EMAHs beitragen und zeigt, dass eine von ärztlicher Seite angestoßene Initiative im Interesse ihrer Patienten zum Erfolg geführt werden konnte. Allerdings scheitert in der Praxis eine wirkliche Verbesserung der Betreuungssituation weitgehend an anachronistischen Hürden im Arzt- und analog dazu im Versicherungsrecht. Die tatsächlich mit der Komplexität der Herzfehler, den Operationsmethoden und -folgen vertrauten Kinderkardiologen werden weitestgehend von der Betreuung der EMAHs ausgeschlossen, da seit den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts für Pädiater ein Versorgungsverbot für Patienten über 18 Jahre besteht . . .

Diesbezügliche Appelle des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und auch der Bundes­ärzte­kammer sowie einzelner Fachgesellschaften verhallten bislang ungehört . . .

Prof. em. Dr. med. Hans Carlo Kallfelz,
30916 Isernhagen

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