ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2013Zunahme chronischer Erkrankungen in Indien: Im Dickicht der Daten

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Zunahme chronischer Erkrankungen in Indien: Im Dickicht der Daten

Dtsch Arztebl 2013; 110(48): A-2316 / B-2036 / C-1970

Merten, Martina

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In Indien stirbt der Welt­gesund­heits­organi­sation zufolge inzwischen jeder Zweite an einer nicht übertragbaren Krankheit. Für den Umgang damit fehlt aber vor allem eines: verlässliche Daten.

Fotos (3): laif
Fotos (3): laif

Wenn es um chronische Erkrankungen und deren rasante Zunahme in Indien geht, ist Prof. Prabhakaran Dorairaj Experte. Innerhalb weniger Minuten rattert der Geschäftsführer des Centre for Chronic Disease Control in Neu-Delhi die wichtigsten Zahlen für das ganze Land herunter: Die Prävalenz koronarer Herzerkrankungen liegt bei acht bis zehn Prozent in der Stadt und bei fünf Prozent auf dem Land. Die Häufigkeit von Diabetes liegt ebenfalls bei etwa zehn Prozent in der Stadt und bei fünf Prozent auf dem Land. Ungefähr zehn Prozent der weltweiten Raucher leben auf dem Subkontinent – ihre Zahl wird nur übertroffen von
denen in China. 60 Prozent der Menschen in Indien, die an den Folgen nicht übertragbarer Erkrankungen (Non-Communicable Diseases, NCDs) sterben, sind jünger als 70 Jahre.

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Die Gründe, die der Kardiologe für diese Entwicklung nennt, folgen ebenso prompt: Die Bevölkerung beginne zu altern, die Ernährung eines Großteils der Inder sei ungesund, die Strategie der Nahrungsmittelindustrie schwer zu durchbrechen und – die Menschen bewegten sich immer weniger, auch auf dem Land. Dabei liegen Dorairaj zufolge Lösungen auf der Hand: eine Kran­ken­ver­siche­rung für alle Inder, vernünftige Prävention, die Fortbildung von Ärzten zum richtigen Umgang mit chronischen Erkrankungen sowie eine bessere Koordination der bestehenden Maßnahmen auf allen Ebenen.

Experte für chronische Erkrankungen: Der Kardiologe Prabhakaran Dorairaj fordert eine Kran­ken­ver­siche­rung für alle und mehr Prävention, um die neue Epidemie einzudämmen. Foto: Martina Merten
Experte für chronische Erkrankungen: Der Kardiologe Prabhakaran Dorairaj fordert eine Kran­ken­ver­siche­rung für alle und mehr Prävention, um die neue Epidemie einzudämmen. Foto: Martina Merten

Nach einer knappen Stunde im klimatisierten Büro des Geschäftsführers scheint es, als seien viele Fragen rund um die Zunahme von NCDs in Indien beantwortet. Es stellt sich sogar die Frage, warum die Weltgemeinschaft, die seit 2011 regelmäßig über den richtigen Umgang mit der drastischen Steigerung von NCDs vor allem in Entwicklungsländern berät, so lange braucht, um wirkungsvoll gegensteuern.

Eine erste Ahnung davon, wie viel Theorie hinter den Ausführungen des Wissenschaftlers steckt, gewinnt man im Indian Council of Medical Research. Die Abteilung für Gesundheitsforschung, die dem Ge­sund­heits­mi­nis­terium unterstellt ist, beschäftigt sich seit den 70er Jahren mit NCDs. Allerdings, erklärt Abteilungsleiter Dr. D. K. Shukla, habe erst die „Burden of Disease-Studie“ der Welt­gesund­heits­organi­sation aus dem Jahr 2000 den Wissenschaftlern die Augen für die drastische Zunahme nicht übertragbarer Erkrankungen geöffnet. Seit einigen Jahren stehe seiner Abteilung endlich ein wenig mehr Geld für die Forschung zu Verfügung. Das Problem: „Es gibt keine Kohortenstudien, und gemeindebasierte Studien sind aufgrund der schlechten Verhältnisse auf dem Land nahezu unmöglich“, sagt Shukla. Das einzige, was er und sein Team machen könnten, seien interventionelle Studien. Prävalenz- oder Inzidenzstudien fänden nicht statt. Denn: „Ärzte auf dem Land sind an der Behandlung der Patienten interessiert, nicht dar- an, Daten zu erfassen.“

Eineinhalb Flugstunden von der indischen Hauptstadt entfernt, in Lucknow, befindet sich das Vivekanada Polyclinic & Institute of Medical Sciences. 16 Millionen Menschen leben im Großraum der Hauptstadt des Bundesstaates Uttar Pradesh. Die Poliklinik zählt zu den größeren staatlichen Krankenhäusern der Stadt. Mehr als eineinhalb Tausend Menschen suchen täglich die Ambulanz der Klinik auf, Hunderte von ihnen sitzen, kauern und liegen entweder auf dem Boden oder den wenigen Bänken. Weitere 350 Patienten werden hier stationär versorgt. Dr. R. N. Rastogi ist für die Verwaltung der Poliklinik zuständig. Das Telefon in seinem dunklen Zimmer im dritten Stockwerk klingelt alle zwei Minuten. Chronische Erkrankungen, sagt er, nehmen überall zu, in der Stadt ebenso wie auf dem Land. Nach Daten gefragt, die diese Aussage belegen könnten, antwortet er nichts. Das einzige Dokument, das Aufschluss über das Vorkommen bestimmter Erkrankungen gibt, ist der Jahresbericht der Klinik. Einen Bericht vom Vorjahr zum Vergleich gibt es nicht. Der Chief Medical Officer der Stadt, der für das Sammeln der Daten aller medizinischen Einrichtungen in Lucknow zuständig sei, komme ohnehin nicht regelmäßig, sagt Rastogi.

Dr. Anil Kumar Shukla will zum Sammeln von Daten nicht viel sagen. Der ehemalige Chief Medical Officer hat genug Geld verdient, um eine Privatklinik zu eröffnen, das SC Trivedi Memorial Mother and Child Care Trust Hospital in Lucknow. Immerhin, die Beobachtung, dass NCDs hier in seiner Stadt zugenommen haben, teilt er: „Viele Leute, die vom Land zu uns in die Stadt kommen, leiden unter großem Stress, der wiederum führt zu Bluthochdruck und Depressionen.“

Land der Gegensätze: Wartende in einem Krankenhaus in Mumbai (l.) und Besucher im Herzforschungszentrum in Neu-Delhi. Foto: picture alliance
Land der Gegensätze: Wartende in einem Krankenhaus in Mumbai (l.) und Besucher im Herzforschungszentrum in Neu-Delhi. Foto: picture alliance

30 Kilometer von Lucknow entfernt, im Barabanki Distrikt, liegt das Dorf Museypur. Zum Ortseingang geht es über etliche unbetonierte Straßen. 900 Menschen leben hier in einfachen Hütten. Die meisten sind spärlich bekleidet. Keiner verfügt über mehr als einen US-Dollar am Tag zum Leben.

In der Mitte des Dorfes befindet sich eine kleine Krankenstation. Einfache Holzpritschen mit Bastmatten dienen als Krankenbetten. Zurzeit, berichtet Dr. Pankay Kumar, der gelegentlich hier Sprechstunden abhält, litten die meisten Patienten unter Infektionskrankheiten. Malaria und Dengue seien in der Monsunzeit sehr verbreitet. Chronisch krank seien eher wenige Patienten, ab und an habe mal jemand Herzprobleme. „Aber wir haben auch gar nicht die Möglichkeit, einen Diabetestest oder andere Tests durchzuführen“, erklärt Kumar. Auf das Thema Datenerfassung und Dokumentation angesprochen schütteln die Dorfbewohner nur ungläubig die Köpfe. „Wir Ärzte erinnern uns daran, woran bestimmte Patienten leiden oder gelitten haben. Daten dokumentieren wir nicht.“

Bei Dr. Derendra Verma, Inhaber einer kleinen Krankenstation in der benachbarten Kleinstadt Safdarganj, ist das zwar anders. Er dokumentiert nach eigenen Angaben seit vielen Jahren die Patientendaten. Auch, sagt Verma, sei ihm aufgefallen, dass viele seiner Patienten an Diabetes oder Bluthochdruck litten. „Zum Einsammeln meiner Daten ist aber noch niemand hierhergekommen“, versichert er.

François Decaillet ist Programm-koordinator im Länderbüro Indien der Welt­gesund­heits­organi­sation. Auf das Thema NCDs angesprochen hat er – wie Dorairaj – eine Menge zu sagen. Allerdings beendet Decaillet seine Ausführungen zum Vorkommen von und zum Umgang mit chronischen Erkrankungen mit einem Satz, der die Lage weitaus treffender beschreibt: „Der öffentliche Gesundheitsdienst Indiens ist noch nicht in der Lage, mit chronischen Erkrankungen umzugehen.“

Martina Merten

Die Recherche zu diesem Artikel wurde ermöglicht durch ein Forschungsstipendium des US Pulitzer Center on Crisis Reporting, Washington.

Indien in zahlen

  • 1,2 Milliarden Menschen leben in Indien.
  • Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt pro Kopf
    3 408 US-Dollar.
  • Die Ausgaben für Gesundheit liegen gemessen am BIP bei 4,2 Prozent.
  • Die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit betragen
    132 US-Dollar.
  • Die öffentlichen Ausgaben für Gesundheit betragen pro Kopf 45 US-Dollar.
  • Die Selbstzahlerleistungen für Gesundheit liegen bei 74,4 Prozent. Elf Prozent der Bevölkerung verfügen über eine Kran­ken­ver­siche­rung.

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