ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2013Umweltnoxen: Feinstaubbelastung stört Reifung des Kindes in utero

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Umweltnoxen: Feinstaubbelastung stört Reifung des Kindes in utero

Dtsch Arztebl 2013; 110(48): A-2320 / B-2040 / C-1974

Leinmüller, Renate

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Ein erheblicher Teil der termingerecht geborenen Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht könnte in Europa vermieden werden, wenn die Luftverschmutzung reduziert würde. Die Senkung des derzeitigen Grenzwertes für Feinstaub (Durchmesser < 2,5 µm) von 25 auf 10 µg/m3 allein würde eine Abnahme der Fälle um 22 % bewirken.

Diese populationsbasierte Risikoabschätzung geben die Autoren der europäischen Kohortenstudie ESCAPE. Grundlage der umfangreichen Auswertung bildeten 14 populations-basierte Mutter-Kind-Kohortenstudien in zwölf europäischen Ländern. Die Belastung durch Grob- und Feinstaub, Stickoxide und Verkehrsdichte wurde standardisiert in 14 städtischen Studienorten gemessen. Berücksichtigt wurden ausschließlich termingerecht geborene Kinder. Bei der Auswertung erfolgte eine Adjustierung nach Parität, aktivem Rauchen, BMI, sozioökonomischem Status und weiteren bekannten maternalen Einflussfaktoren. Erfasst wurden 74 178 Einlingsschwangerschaften mit reif geborenen Kindern in den Jahren 1994 bis 2011. Davon kamen 1,8 % mit einem Geburtsgewicht von unter 2 500 Gramm nach der 37. SSW zur Welt.

Bei diesem primären Endpunkt der Studie wirkte sich Feinstaub während der Schwangerschaft stärker aus als Grobstaub: Eine Zunahme von 0,5 µg/m3 erhöhte die Wahrscheinlichkeit um 18 % (adjustierte Odds Ratio [OR] 1,18; 95-%-Konfidenzintervall [KI] 1,06–1,33). Beim Grobstaub (OR für Zunahme um 10 µg/m3 1,16; 95-%-KI 1,00–1,35) war die Zunahme des Risikos knapp signifikant, ebenso bei den Stickoxiden (OR für Zunahme um 10 µg/m3 1,09; 95-%-KI 1,00–1,19) und der Verkehrsdichte (OR für Zunahme um 5 000 Autos täglich 1,06; 95-%-KI 1,01–1,11).

Anzahl der antihypertensiven Medikamente in der Interventions- und in der Kontrollgruppe (Ausgangswerte und Follow-up)
Anzahl der antihypertensiven Medikamente in der Interventions- und in der Kontrollgruppe (Ausgangswerte und Follow-up)
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Anzahl der antihypertensiven Medikamente in der Interventions- und in der Kontrollgruppe (Ausgangswerte und Follow-up)

Fazit: Die Auswirkungen der Feinstaubbelastung in der Schwangerschaft auf das Gewicht reif geborener Kinder sind einer großen Kohortenstudie zufolge in einer vergleichbaren Größenordnung wie Schäden durch Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft. „Angesichts der gesundheitlichen Folgen sollte die Luftverschmutzung reduziert werden, unter anderem durch eine Verminderung der Emissionen im Straßenverkehr“, meint Prof. Dr. med. Claudia Klümper vom Institut für umweltmedizinische Forschung der Universität Düsseldorf. Klümper ist eine Koautorin der Studie.

Eine Assoziation zwischen Luftverschmutzung und Geburtsgewicht sei in verschiedenen Studien gefunden worden, auch wenn es sich meist um geringe Differenzen im Geburtsgewicht gehandelt habe, kommentiert Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. Friedrich Hofmann vom Fachgebiet Arbeitsphysiologie, Arbeitsmedizin und Infektionsschutz der Universität Wuppertal.

Ein kausaler Zusammenhang zur Belastung durch Emissionen von Kraftfahrzeugen liege nahe. „Dass sich die Umweltverschmutzung auf das Geburtsgewicht auswirkt, halte ich für höchst wahrscheinlich“, meint der Arbeitsmediziner. Und sozial schlechter gestellte Menschen lebten mit höherer Wahrscheinlichkeit an vielbefahrenen Straßen als Menschen mit hohem sozioökonomischen Status.

In Deutschland sind im Jahr 2012 bei insgesamt 673 544 Lebendgeburten circa acht Prozent der Kinder mit einem Geburtsgewicht von unter 2 500 g – überwiegend als Frühgeborene – entbunden worden. Zur Häufigkeit termingerecht entbundener Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht gibt es weder beim Statistischen Bundesamt, noch über die Gesundheitsberichterstattung des Bundes Zahlen. In der Studie wird der Anteil termingerecht geborener Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 2,5 kg mit 1,8 Prozent angegeben.  Dr. rer. nat. Renate Leinmüller

Pedersen M, et al.: Ambient air pollution and low birthweight: a european cohort study
(ESCAPE). Lancet 2013 http://dx.doi.org/10.1016/S2213-2600(13)70192-9

Anzahl der antihypertensiven Medikamente in der Interventions- und in der Kontrollgruppe (Ausgangswerte und Follow-up)
Anzahl der antihypertensiven Medikamente in der Interventions- und in der Kontrollgruppe (Ausgangswerte und Follow-up)
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Anzahl der antihypertensiven Medikamente in der Interventions- und in der Kontrollgruppe (Ausgangswerte und Follow-up)

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