ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2013Kreditvergabe: Nicht mehr „auf Zuruf“

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Kreditvergabe: Nicht mehr „auf Zuruf“

Dtsch Arztebl 2013; 110(48): A-2335 / B-2055 / C-1987

Vetter, Michael

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Die internen Rollenverteilungen im Kreditgeschäft der Banken sind für Ärzte nicht immer leicht zu verstehen. Dies zeigt ein Fall aus der Praxis.

Keine Begründung, nur ein lapidarer Ausdruck des Bedauerns: So liest sich die Ablehnung der Bitte von Sebastian P. an seine langjährige Hausbank, seinen Überziehungskredit auf dem Praxiskonto für drei Monate von 20 000 auf 35 000 Euro zu erhöhen. P. benötigt diesen zusätzlichen Finanzierungsspielraum für die vor allem durch Sonderzahlungen an seine Mitarbeiterinnen und durch größere Praxisrechnungen verursachte erhöhte Inanspruchnahme seines Überziehungskredites.

Geänderte Zuständigkeit

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In den vergangenen Jahren hat es diesbezüglich kein einziges Mal Probleme mit dem seit dieser Zeit für ihn zuständigen Bankmitarbeiter gegeben. Nachdem die befriedigende Bonität von P. zu Beginn der Geschäftsverbindung zunächst anhand der wirtschaftlichen Zahlen der Praxis und der folgenden, im Monatsrhythmus erstellten betriebswirtschaftlichen Auswertungen festgestellt und immer wieder bestätigt wurde, erfolgten die weiteren vorübergehenden Erhöhungen des Kreditrahmens fast wie ein „Dauerauftrag“. Einmal im Jahr vom Steuerberater angefertigte Liquiditäts- und Rentabilitätsprognosen unterstützten die Bankeinschätzung.

Das Ablehnungsschreiben endet mit dem Allgemeinplatz, „. . . dass sich das Kreditmanagement derzeit nicht in der Lage sieht, einer erneuten Ausweitung der Kreditverbindlichkeiten zuzustimmen“.

Abgesehen davon, dass es zwischen P. und seinem Ansprechpartner in der Bank bisher üblich war, Probleme zunächst telefonisch zu bereden, wundert sich P. über die offenbar geänderte Zuständigkeit: Während sein Kundenberater nach eigener Aussage zum Bankenvertrieb gehört, ist gemäß dem Schreiben nun offenbar das Kreditmanagement zuständig. Dies wäre für P. noch hinnehmbar, wenn sich an der Finanzierungspraxis nichts änderte. Danach sieht es aber nicht aus: In einem Telefonat mit einem anderen Bankmitarbeiter (der eigentlich zuständige Kundenberater befindet sich im Urlaub) werden P. die internen Zusammenhänge im Kreditgeschäft seiner Bank verdeutlicht. Danach wird das Kreditgeschäft von zwei Bereichen, dem Vertrieb und dem Kreditmanagement, getragen. Während der Vertrieb in erster Linie für Kreditumsatz und Kreditwachstum verantwortlich ist, liegt der wesentliche Aufgabenbereich des Kreditmanagements „im Erkennen und Verringern von Bonitätsrisiken“. Beide Bereiche sind für die Kreditvergabe gemeinsam zuständig, allerdings mit den genannten unterschiedlichen Schwerpunkten.

Diese „unterschiedlichen Schwerpunkte“ sind für P. nun auch im persönlichen Bereich klar nachvollziehbar: Während der Vertriebsmitarbeiter den Kunden auch als unmittelbaren Gesprächspartner kennt und die persönliche Zuverlässigkeit nicht nur durch die Auswertung betriebswirtschaftlicher Zahlen herleitet, orientiert sich der zuständige Mitarbeiter des Kreditmanagements ausschließlich an den ihm vorliegenden Unterlagen. Persönliche Kontakte zum Kreditnehmer sind nach wie vor die Ausnahme. Vor dem Hintergrund dieser bankinternen Rollenverteilung ist es aus Sicht von P. also durchaus verständlich, dass es im Vorfeld einer Kreditentscheidung oft zu intensiven Diskussionen der jeweiligen Bankmitarbeiter kommt, bevor eine Zusage oder Ablehnung des Kreditwunsches erfolgt.

Kontakt zur Zweitbank

Bei P. liegt der Fall offensichtlich ähnlich: Gab es während der vergangenen Jahre keinerlei Probleme in der Abstimmung zwischen Vertrieb und Kreditmanagement, scheint sich das Blatt nun zu wenden. Wie P. im Verlauf des erwähnten Telefongesprächs weiter erfuhr, ist der Kreditsachbearbeiter des Kreditmanagements nicht mehr bereit, Krediterhöhungen „quasi auf Zuruf“ zu genehmigen. Ab sofort muss jedes Mal ein neuer Kreditantrag gestellt und entsprechend vorbereitet werden. Für das eher unpersönliche Schreiben entschuldigt sich der Bankmitarbeiter. Er führt dies vor allem auf die urlaubsbedingte Abwesenheit seines Kollegen zurück, der den Versand dieses Schreibens „wohl verhindert hätte und stattdessen mit dem Kunden telefoniert hätte“. Einer Krediterhöhung steht für ihn nach der Urlaubsrückkehr seines Kollegen übrigens nichts im Wege.

P. wird die Konsequenzen aus der Situation ziehen. Dazu gehören ein persönliches Gespräch mit seinem bisherigen Ansprechpartner über die künftigen Anforderungen an die weiterhin erforderlichen Krediterhöhungen und eine Intensivierung der Geschäftsverbindung mit seiner Zweitbank. Diese führt bisher, im Vergleich zur Hausbank von P., eher ein finanzielles Schattendasein. Dies dürfte sich nun ändern.

Michael Vetter

Checkliste

  • Der Arzt sollte zunächst versuchen, sich die möglichen Interessenkonflikte zwischen dem Bankvertrieb und dem Kreditmanagement zu verdeutlichen, um Verständnis für beide Positionen zu gewinnen.
  • Es kann vor diesem Hintergrund sinnvoll sein, nicht nur den Vertriebsmitarbeiter als unmittelbaren Ansprechpartner, sondern auch den zuständigen Mitarbeiter des Kreditmanagements persönlich kennenzulernen.
  • Der Praxisinhaber sollte sich grundsätzlich nicht auf bisher möglicherweise unbürokratische Finanzierungszusagen verlassen. Vielmehr sollte er Wert auf verbindliche und nachvollziehbare Regelungen legen.
  • Darüber hinaus ist sicherzustellen, dass auch während der Abwesenheit des regelmäßigen Ansprechpartners in der Bank dessen Vertreter in der Lage ist, dem Arzt zu helfen.

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