ArchivDeutsches Ärzteblatt20/1996Arbeitsunfähigkeit: Deplazierter Vorstoß

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Arbeitsunfähigkeit: Deplazierter Vorstoß

Clade, Harald

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LNSLNS Die neu aufgeflammte Diskussion um die Änderung der Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, die Reduzierung des Krankengeldes und des Krankenstandes wird immer grotesker. So sprang Bundesarbeitsminister Dr. Norbert Blüm (CDU) in die Bresche, um flankierende Maßnahmen aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich aufzulisten, die dem 50 Milliarden DM schweren Sparprogramm der Koalition zum Erfolg verhelfen sollen.
Kassenärzten werden schärfere Sanktionen angedroht, wenn deren "Krankschreibungspraxis" zu beanstanden ist. Blüm will ihnen zeitweise die Erlaubnis entziehen, Patienten krank zu schreiben, wenn sie "auffällig" werden. Um "verdächtige" AU-Testate besser überprüfen zu können, sollen die Krankenkassen verpflichtet werden, eine bestimmte Anzahl der AU-Bescheinigungen an den Medizinischen Dienst (MDK) weiterzuleiten, damit dieser unverzüglich und rigoros zur Tat schreitet. Der Arbeitgeber soll ermächtigt werden, den MDK direkt mit der Überprüfung der Arbeitsunfähigkeit zu beauftragen, also ohne förmliche Einschaltung der Krankenkasse. Im Gegenzug soll der krankfeiernde Arbeitnehmer verpflichtet werden, sich durch die Ärzte des MDK (früher: Vertrauensärzte) untersuchen zu lassen.
Blüms Vorpreschen hat inzwischen auch bei Politikern Kopfschütteln ausgelöst. So hat der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Lohmann, im Gleichklang mit seinem Pendant von der SPD, Klaus Kirschner, solche "populistische" Aktionen als überflüssig abgelehnt. FDP-Politiker Jürgen W. Möllemann nannte das Ganze mit Recht einen unnützen Show-Effekt. Der Vorstoß passe nicht in eine Zeit, in der man gemeinsame Lösungen mit Ärzten und Krankenkassen anstrebe. In der Tat: Mißtrauen und eine ständige Verunglimpfung von Patienten und Ärzten bereiten kein gutes Klima für eine sinnvolle, von Sachverstand und Mitarbeit der Selbstverwaltung geprägte Reform.
Ohnedies gibt es in Gesetzen und Richtlinien Vorkehrungen, um die AU zu überprüfen und eine Begutachtung durch den Medizinischen Dienst häufiger als heute zu veranlassen. Auch das Instrument der Teilarbeitsunfähigkeit und einer gestuften Wiedereingliederung in den Arbeitsprozeß könnte in den indizierten Fällen genutzt werden. Patienten und Ärzte aus ökonomischen Gründen zu potentiellen Manipulateuren zu erklären muß das zur schnellen Genesung notwendige Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient belasten. Jedenfalls sind Mißtrauen und Drohgebärden keine probaten Mittel, eventuelle Mißstände abzustellen.
HC
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