ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2013„Praxiswelten“: Eine Kulturgeschichte der Medizin

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„Praxiswelten“: Eine Kulturgeschichte der Medizin

Dtsch Arztebl 2013; 110(49): A-2385 / B-2099 / C-2025

Meisner, Judith

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Die Patientenakte steht im Mittelpunkt der Ausstellung über die Geschichte der Begegnung zwischen Patient und Arzt.

Pockenschutzimpfung auf dem Lande. Holzstich aus der Zeitschrift „Die Gartenlaube“, 19. Jahrhundert. Foto: Hans-Peter Theurich
Pockenschutzimpfung auf dem Lande. Holzstich aus der Zeitschrift „Die Gartenlaube“, 19. Jahrhundert. Foto: Hans-Peter Theurich

Die Arztpraxis halten viele Menschen für den Arbeitsplatz des Mediziners. Doch der Begriff umfasst weit mehr. Wie spannend der Alltag eines Mediziners in der Vergangenheit war, das zeigt die aktuelle Ausstellung „Praxiswelten – Zur Geschichte der Begegnung von Patient und Arzt“ im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité (BMM). Der sogenannte Praxisaufschrieb, die Patientenakte, steht im Mittelpunkt der Schau. Nirgendwo sonst wird die Beziehung zwischen Arzt und Patient so deutlich. Acht Praxisjournale werden präsentiert: aus Berlin, Thüringen, der Schweiz und Südtirol, entstanden in der Zeit vom 17. bis 19. Jahrhundert.

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Am Anfang stehen die Notizen von Johannes Magirus, verfasst von 1647 bis 1656 in Zerbst bei Berlin. Da der Mediziner auch als Mathematik-Professor lehrte, zog er bei wohlhabenden Patienten die Astronomie zurate. Eine Druckgrafik stellt unter dem Titel „Der reiche Kranke“ dar, wie sich damals gleich zwei Ärzte um einen Patienten in einem vornehmen Palast bemühen. Die Texte der Praxisjournale werden anschaulich begleitet von zeitgenössischen Darstellungen der praktischen Medizin. Damit wird jene Basis lebendig, auf der die Beziehung zwischen Arzt und Patient stattfand. So kann die Schau auch als eine Kulturgeschichte der Medizin betrachtet werden.

Genaue Beobachtung der Leidensphänomene

„Die ärztliche Meinung fand nicht bedingungslos Gehör. Auch überliefertes medizinisches Volkswissen und der Glaube an magische oder religiöse Praktiken hatten oft eine große Bedeutung für die Kranken“, sagte Prof. Dr. med. Thomas Schnalke, Direktor des BMM. Tagelöhner und Dienstmädchen schützten sich vor Krankheiten mit Schutzamuletten. Hatten die magischen Kräfte nicht den erwünschten Erfolg gezeitigt, ließen sie sich im Rahmen von „Kranken-Besuchsanstalten“ behandeln. Der Pathologe Conrad H. Fuchs leitete ein solches Institut im 19. Jahrhundert in Göttingen. Statt in Kliniken therapierten Ärzte mit Medizinstudenten im Schlepptau die Patienten in deren Wohnungen. Genaue Beobachtung der Leidensphänomene gehörte zur Ausbildung. So entstanden Krankenporträts von Patienten mit Lungentuberkulose oder Magenkrebs, die den ärztlichen Blick schulten.

Der Konkurrenzkampf zwischen Schulmedizinern und Homöopathen ist nicht neu. Ein Holzstich stellt den Ärztekrieg im 18. und 19. Jahrhundert dar. Buchstäblich auf dem Rücken des Patienten tragen die Mediziner ihre Rangelei aus. Der Allopath als Vertreter der Tradition trägt noch die altmodische Kniehose, während sein junger Widersacher bereits die langen Beinkleider bevorzugt, die „Sansculotten“ der französischen Revolutionäre. Der Homöopath stützt sich auf Samuel Hahnemanns Methode, 1810 im „Organon der rationellen Heilkunde“ veröffentlicht.

Obduziert wurde sogar in den Häusern der Toten. Um den immer größer werdenden Bedarf an Leichen zu decken, gab es staatliche Regelungen, Verstorbene aus Zuchthäusern und Kliniken für die Pathologie zur Verfügung zu stellen.

Judith Meisner

@5 Fragen an Prof. Dr. med. Thomas Schnalke: www.aerzteblatt.de/56352

Informationen

Zur Ausstellung „Praxiswelten – Zur Geschichte der Begegnung von Patient und Arzt“ ist auch ein Katalog erschienen. Die Ausstellung läuft bis 21. September 2014 im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité, Charitéplatz 1, in Berlin-Mitte. Weitere Informationen im Internet unter www.bmm.charite.de.

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