ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2013Börsebius: Ein schräges Vermächtnis

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Börsebius: Ein schräges Vermächtnis

Dtsch Arztebl 2013; 110(49): A-2387 / B-2103 / C-2027

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Alan Greenspan ist ein sehr honoriger Mann. Und mächtig zumal. Zwar ist er nach seinem altersbedingten Ausscheiden als Chef der wichtigsten Notenbank der Welt nicht mehr ganz so in vorderster Front tätig, aber Gewicht hat das, was er sagt und schreibt, natürlich immer noch, zumal der Exboss der Federal Reserve (von 1987 bis 2006) nach wie vor in unzähligen Beratergremien tätig ist. Er hält die Zeit für gekommen, sein Wissen nachfolgenden Generationen zu übereignen, damit sie ordentlich was lernen. Kurzum: Alan Greenspan, 87-jährig und bekennender Merkel-Fan, hat ein Buch über seine Sicht der Zeitläufte geschrieben.

In seinem durchaus lesenswerten Werk mit dem eigentlich blöden Titel „The Map and the Territory” beschäftigt sich Greenspan (natürlich) mit der Finanzmarktkrise und postuliert, dass es zu akzeptieren sei, dass es immer wieder Phasen mit einem „irrationalen Überschwang“ gebe, in denen Investoren vom Herdentrieb erfasst würden. Dahinter stecke im Grunde eine positive menschliche Eigenschaft: der Optimismus. Ohne den scheuten Unternehmer das Risiko und brächten keine neuen Produkte auf den Markt. Mit anderen Worten, der Staat habe sich aus der Wirtschaft möglichst herauszuhalten.

Der Mann, der 19 Jahre an der Spitze der Fed stand und den die Finanzmärkte zuweilen „Maestro“ und „Orakel“ nannten, macht es sich in dem Buch unterm Strich wirklich zu leicht. Wenn er glaubt, die Ursachen der Finanzmarktkrise seien nicht in der (von ihm verantworteten) lockeren Geldpolitik zu sehen, dann mag das ja noch ein Streit unter Gelehrten sein. Allerdings ist seine Meinung, der Staat habe sich vom Finanzmarkt fernzuhalten und jede staatliche Regulierung sei von Übel, Ausdruck einer völligen Fehleinschätzung von Ursache und Wirkung.

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Gerade Greenspan hat durch aktives Tun mit seiner Nichteinmischungshaltung als Fed-Chef dafür gesorgt, dass es in der Derivatebranche noch nicht mal ein Minimum an Überwachung gab. Gerade diese Derivate, in denen Schrottimmobilien haufenweise verpackt waren, führten aber zum großen Knall. Alan Greenspan kann und darf sich also nicht als jemand aufführen, der im Nachhinein genau erklären kann, warum es zur Finanzmarktkrise kam und der sie im Grunde sogar als schicksalhaft bezeichnet. Sich als Kronzeuge (und quasi Mittäter) gegen den Staat aufzuspielen, geht schon mal gar nicht. Das ist einfach nur schräg. Und auch kein Vermächtnis.

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