ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2013Therapie Typ-2-Diabetes: Komorbiditäten berücksichtigen

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Therapie Typ-2-Diabetes: Komorbiditäten berücksichtigen

Dtsch Arztebl 2013; 110(49): A-2386

Wiehl, Martin

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Pleiotrope Effekte Inkretin-basierter Therapieformen könnten geeignet sein, altersassoziierte Komorbiditäten der Patienten positiv zu beeinflussen.

Die Prävalenz und Inzidenz des Typ-2-Diabetes nehmen weiterhin kontinuierlich zu. Der parallele Anstieg altersassoziierter Komorbiditäten, insbesondere von kardiovaskulären Erkrankungen, aber auch von Hirnleistungsstörungen wie Morbus Alzheimer, stellt die Diabetologie der Zukunft vor enorme Herausforderungen. Pleiotrope Effekte Inkretin-basierter Therapieansätze des Typ-2-Diabetes könnten geeignet sein, diesen Herausforderungen wirksam zu begegnen. Diese Vision wurde jetzt auf der 48. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Leipzig mit aktuellen Daten und Ergebnissen experimenteller Untersuchungen untermauert.

Die Anzahl der Menschen mit Typ-2-Diabetes im Alter von 55 bis 74 Jahren wird sich in Deutschland gegenüber dem Jahr 2010 bis zum Jahr 2030 um 64 Prozent erhöhen. Nach diesem Gipfel wird die Erkrankungshäufigkeit bis zum Jahr 2040 etwas zurückgehen. Diese Hochrechnung präsentierte Priv.-Doz. Dr. med. Wolfgang Rathmann vom Deutschen Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Da es kein zentrales Register zur einheitlichen Erfassung und Auswertung epidemiologischer Daten gebe, sei es auch nicht verwunderlich, dass die Angaben zur Gesamtprävalenz des Diabetes Typ 2 von 7,2 bis elf Prozent differieren.

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Hinweise auf neuroprotektive Wirkungen von GLP-1

Als die drei wichtigsten epidemiologischen Datensätze nannte der Epidemiologe die vom Robert-Koch-Institut initiierte Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS), eine Versichertenstichprobe der AOK Hessen und die Daten aus dem German Metabolic and Cardiovascular Risk Project von allgemeinärztlichen Praxen. Dabei zeigen die DEGS-Daten laut Rathmann eine starke Altersabhängigkeit der Lebenszeitprävalenz des Typ-2-Diabetes. So seien im Alter von 70 bis 79 Jahren bereits 22 Prozent aller Menschen betroffen.

Therapieansätze, die nicht nur den Blutzucker normalisieren, sondern auch die mit dem höheren Lebensalter einhergehenden Folge- und Begleiterkrankungen des Diabetes mellitus günstig beeinflussen, wären vor dem Hintergrund der epidemiologischen Vorhersage ideal. Das legten Ausführungen von Prof. Dr. med. Werner Kern, Ulm, nahe, in denen er von einem mindestens verdoppelten Risiko kognitiver Beeinträchtigung bei gestörtem Glukosestoffwechsel ausging. Er berichtete von neueren Untersuchungsergebnissen, die auf nicht-insulinotrope Effekte des Inkretinhormons Glukagon-like-Peptide-1 (GLP-1) insbesondere im ZNS hinweisen.

Die Lokalisation von GLP-1-Rezeptoren in verschiedenen Hirnregionen und die zentrale Wirkung des Inkretinhormons auf Appetit und Sättigung seien zwar bereits lange bekannt. Im Tierversuch ergab sich aber auch, dass GLP-1 die räumliche Merkfähigkeit zu steigern vermag. Ferner konnte gezeigt werden, dass GLP-1-Neuronen vor Glutamat-induzierter Apoptose schützen und Amyloidspiegel absenken. Degenerativen Hirnerkrankungen wie der Alzheimer-Demenz könne somit durch den Schutz von Neuronen vor toxischer Schädigung entgegengewirkt werden. Auch bei experimentell herbeigeführten Schlaganfällen erwies sich GLP-1 im Tiermodell als neuroprotektiv. Kern berichtete von einem verringerten Infarktvolumen.

Auch in Endothelzellen von Blutgefäßen beim Menschen sind GLP-1-Rezeptoren exprimiert. So lässt sich die flussvermittelte Dilatation der A. brachialis durch Gabe von GLP-1 im Vergleich zu Natriumchlorid verdoppeln. Kern berichtete von Mausmodellen, bei denen sich die Infarktgröße durch GLP-1 im Verlauf von 28 Tagen um etwa ein Viertel reduziert. Bei Hunden gelang eine schnellere Regeneration nach myokardialem Schock.

Positive Effekte auf mehrere kardiovaskuläre Faktoren

Auch beim Menschen wurden in der jüngsten Vergangenheit positive Effekte von GLP-1 beziehungsweise Inkretin-basierten Therapien gesehen. So zählte Kern folgende Beobachtungen auf:

  • GLP-1 verbessert die linksventrikuläre Funktion nach Myokardinfarkt und PTCA
  • GLP-1 verbessert die linksventrikuläre Funktion bei Patienten mit dekompensierter Herzinsuffizienz
  • Sitagliptin verbessert die Ejektionsfraktion im Dobutamin-Stressecho bei Patienten mit KHK vor geplanter Revaskularisierung
  • Exenatide mindert die Infarktgröße – insbesondere bei anteriorer Lokalisation
  • Sitagliptin mindert die Rate schwerer kardiovaskulärer Ereignisse nach akutem Koronarsyndrom in den folgenden 30 Tagen.

Insgesamt, so resümierte Kern, ergeben sich durch die Therapie von Typ-2-Diabetikern mit GLP-1 Perspektiven hinsichtlich neuroprotektiver und kardioprotektiver Effekte, welche in prospektiven, randomisierten, kontrollierten klinischen Studien untermauert werden müssen.

Martin Wiehl

Symposium „Typ-2-Diabetes: Individuelle Therapie in Zeiten einer Epidemie“ von Berlin Chemie im Rahmen der 48. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Leipzig

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