ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2013Kardiales Monitoring nach Stromunfall

MEDIZIN: Originalarbeit

Kardiales Monitoring nach Stromunfall

Analyse von 268 Patienten an der Charité

Cardiac monitoring in patients with electrical injuries—an analysis of 268 patients at the Charité hospital

Dtsch Arztebl Int 2013; 110(50): 847-53; DOI: 10.3238/arztebl.2013.0847

Searle, Julia; Slagman, Anna; Maaß, Wibke; Möckel, Martin

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Hintergrund: Für das Management von Patienten mit Stromunfall gibt es bisher in Deutschland kein einheitliches, standardisiertes Vorgehen. Häufig werden Patienten, auch beim Fehlen von Risikofaktoren aus Furcht vor verzögert auftretenden kardialen Arrhythmien, aufgenommen und intensivmedizinisch überwacht. Die vorliegende Sekundärdatenanalyse wurde durchgeführt, um die Häufigkeit kardialer Rhythmusstörungen nach überlebtem Stromunfall zu ermitteln.

Methode: Für einen Zeitraum von 2001–2008 wurden alle stationären Patienten mit der Diagnose T 75.4 (Schäden durch elektrischen Strom) der Charité Berlin, Campus Virchow Klinikum im Krankenhausinformationssystem identifiziert. Die Erfassung der fallbezogenen Daten erfolgte aus den Patientenakten.

Ergebnisse: In dem Analysezeitraum wurden 268 Kinder und Erwachsene mit Stromunfall aufgenommen. Bei allen Patienten wurde ein kardiales Rhythmus-Monitoring durchgeführt, bei der Mehrzahl der Patienten über einen Zeitraum von > 12 Stunden. Bei Krankenhausaufnahme hatten 28,7 % (n = 33) der Kinder und 24,2 % (n = 33) der Erwachsenen leichtgradige kardiale Rhythmusstörungen (Sinustachykardien, Sinusbradykardien, vereinzelte Extrasystolen). Bei keinem Patienten kam es im Verlauf des stationären Kranken­haus­auf­enthaltes zu interventionsbedürftigen kardialen Arrhythmien.

Schlussfolgerung: Obgleich die vorliegende Arbeit keine ausreichende Fallzahl für eine abschließende Bewertung liefert, ergänzt sie eine Reihe von Studien mit ähnlichen Ergebnissen. Die Daten dieser Untersuchung deuten darauf hin, dass asymptomatische, unverletzte Patienten ohne EKG-Veränderungen nicht stationär überwacht werden müssen. Für eine kosteneffiziente und sichere Patientenversorgung sollte eine evidenzbasierte, standardisierte Vorgehensweise bei Stromunfällen etabliert werden.

LNSLNS

Zu der Häufigkeit überlebter Stromunfälle liegen für Deutschland praktisch keine Zahlen vor. In der CHARITEM-Studie, einer Analyse der Charité Berlin, bei der die Daten aller 34 333 internistischen, erwachsenen Patienten, die sich in einem Zeitraum von einem Jahr (2/2009 bis 2/2010) in der Notaufnahme des Campus-Virchow-Klinikums oder der Rettungsstelle des Campus Benjamin Franklin vorstellten, hatten 58 Patienten einen Stromunfall als Aufnahmediagnose, das sind 0,17 % aller Notaufnahmepatienten (1).

In vielen klinischen Einrichtungen in Deutschland ist es, nach Erfahrung der Autoren, üblich, Patienten nach Stromunfällen, auch bei fehlender Begleitsymptomatik und fehlenden Begleitbefunden, stationär aufzunehmen und auf Überwachungseinheiten das Auftreten verzögerter Arrhythmien auszuschließen. Die Leitlinien des Europäischen Rates für Wiederbelebung (European Resuscitation Council [ERC]) zu Reanimationen von 2010 empfehlen, dass „Diejenigen Patienten, die einen Stromschlag überleben, (…) im Krankenhaus überwacht werden (sollen), wenn sie bewusstlos waren, einen Kreislaufstillstand hatten, ein pathologisches EKG haben oder Weichteilverletzungen und Verbrennungen aufweisen“ (2).

Die Leitlinien werden in dieser Form in den wenigsten Krankenhäusern umgesetzt. Die Angst vor verzögert auftretenden kardialen Arrhythmien wird hauptsächlich durch Fallberichte (36) genährt, anhand derer ein kausaler Zusammenhang zwischen Stromschlag und Rhythmusstörung jedoch nicht zu belegen ist.

In einer Reihe klinischer Studien, die jedoch zumeist mit relativ kleinen Fallzahlen durchgeführt wurden, konnte für Kinder und Erwachsene gezeigt werden, dass Stromunfälle nicht mit dem Auftreten später Arrhythmien assoziiert waren (710) (Fallzahlen in diesen Studien n = 145, 151, 212 und 31). Dies gilt selbst dann, wenn ausschließlich Hochrisikopatienten eingeschlossen wurden (11, 12) (n = 48 und 134).

In dieser Studie wurden retrospektiv die klinischen Daten aller Patienten, die innerhalb eines Zeitraums von acht Jahren mit der ICD-Diagnose T 75.4 (Schäden durch elektrischen Strom) in ein Berliner Universitätsklinikum aufgenommen wurden, auf das Auftreten verzögerter kardialer Arrhythmien hin untersucht.

Material und Methoden

Die vorliegende Studie ist eine Sekundärdatenanalyse aus dem Krankenhausinformationssystem (KIS) und aus Patientenakten. Analysiert wurden die klinischen Daten aller Patienten, die zwischen Januar 2001 und Dezember 2008 mit der Diagnose ICD T 75.4 (Schäden durch elektrischen Strom) am Campus-Virchow-Klinikum der Charité Berlin stationär aufgenommen wurden. Für den Einschluss in die Analyse gab es keine Altersbeschränkungen. Die Identifikation der Patienten erfolgte anhand des ICD-Codes aus dem KIS, der mit Hilfe der IT-Abteilung automatisiert für den genannten Zeitraum abgefragt wurde. Dabei wurden sowohl Haupt- als auch Nebendiagnosen abgefragt.

Der primäre Endpunkt der Studie, das Auftreten verzögerter kardialer Arrhythmien, wurde aus den Patientenakten erhoben. Verzögerte kardiale Arrhythmien wurden definiert als behandlungsbedürftige Herzrhythmusstörungen bei Patienten, die nach dem Unfall keine Herzrhythmusstörungen aufweisen, beziehungsweise die ohne Herzrhythmusstörungen nach ihrem Stromunfall vorstellig werden. Da bei vielen Patienten ein kontinuierliches kardiales Rhythmus-Monitoring durchgeführt wurde, das nicht beziehungsweise nicht kontinuierlich dokumentiert wurde, wurde ein fehlender Hinweis auf Herzrhythmusstörungen in der Patientenakte als ein Nichtauftreten gewertet. Die Patienten wurden im Rahmen der Studie nicht kontaktiert oder befragt, es wurden keine zusätzlichen studienbezogenen Maßnahmen am Patienten durchgeführt.

Der Studienzeitraum ergab sich, weil erst seit Januar 2001 eine elektronische Erfassung der Diagnosen im KIS durchgeführt wird.

Statistische Analyse

Die statistischen Auswertungen wurden mit Hilfe des Softwarepakets IBM SPSS Statistics Packages, Versionen 19.0 und 20.0 durchgeführt. Die Häufigkeiten kategorialer Variablen werden als absolute Zahlen beziehungsweise als Prozentwerte angeführt. Kontinuierliche Variablen werden als Mediane und Interquartilsabstände (25. und 75. Perzentile) dargestellt.

Ergebnisse

Patientencharakteristika

In dem Studienzeitraum wurden 268 Patienten mit der Diagnose ICD T 75.4 (Schäden durch elektrischen Strom) stationär aufgenommen. Das mediane Alter der Patienten war 23 Jahre (Interquartilsabstände: 6–35 Jahre), der jüngste Patient war zehn Monate und der älteste 92 Jahre alt. Die Mehrzahl der Patienten war männlichen Geschlechts (Grafik 1).

Alters- und Geschlechtsverteilung aller Patienten mit Stromunfall
Alters- und Geschlechtsverteilung aller Patienten mit Stromunfall
Grafik 1
Alters- und Geschlechtsverteilung aller Patienten mit Stromunfall

Die wesentlichen Patientencharakteristika der Patienten mit einer Unterteilung in Kinder (0–17 Jahre) und Erwachsene (ab 18 Jahre) finden sich in der Tabelle.

Patientencharakteristika aller Patienten mit Stromunfall, sowie unterteilt in Subgruppen der Altersklassen 0–17 (Kinder) und über 18 Jahre (Erwachsene)
Patientencharakteristika aller Patienten mit Stromunfall, sowie unterteilt in Subgruppen der Altersklassen 0–17 (Kinder) und über 18 Jahre (Erwachsene)
Tabelle
Patientencharakteristika aller Patienten mit Stromunfall, sowie unterteilt in Subgruppen der Altersklassen 0–17 (Kinder) und über 18 Jahre (Erwachsene)

Stromunfall

Die Mehrzahl der Stromunfälle ereignete sich im privaten Umfeld (63,1 %; n = 169). Allerdings war bei den erwachsenen Patienten der Anteil der Berufsunfälle deutlich höher als der Anteil häuslicher Unfälle (61,4 %; n = 94). Nur bei 10,4 % (Kinder 13,0 %; n = 15; Erwachsene 8,5 %; n = 13) der Fälle war ein defektes Gerät, beziehungsweise ein Materialfehler ursächlich für den Unfall, in allen anderen Fällen waren unsachgemäße Benutzung und menschliches Versagen die Unfallursache. Bei 99,6 % der Patienten wurde der Unfall durch Wechselstrom verursacht.

Die meisten Patienten kamen zu Fuß, beziehungsweise mit eigenem Transportmittel in die Rettungsstelle: 47,8 % (n = 55) der Kinder und 48,4 % (n = 74) der Erwachsenen. 20 % (n = 23) der Kinder und 38,6 % (n = 59) der Erwachsenen wurden mit dem Rettungswagen, beziehungsweise Notarztwagen in die Klinik gebracht. Der Eintritt des Stroms erfolgte bei der Mehrzahl der Patienten (94,0 %; n = 252) über die obere Extremität, selten über die untere Extremität (1,5 %; n = 4), Gesicht (0,7 %; n = 2), Genital (0,4 %) oder Hals (0,4 %).

Bei 32,5 % (n = 87) der Patienten waren Strommarken und bei 9,8 % (n = 26) Verbrennungen an der Eintrittstelle sichtbar. An der Austrittstelle waren bei 6,7 % (n = 18) der Patienten Strommarken und bei 1,5 % (n = 4) der Patienten Verbrennungen sichtbar. Insgesamt kam es bei 14,8 % (n = 15) der Kinder und 6,5 % (n = 10) der Erwachsenen infolge der Stromeinwirkung zu Verbrennungen (Kinder 2,6 % I°, 10,4 % II° und 1,7 % III°; Erwachsene 1,3 % I°, 4,6 % II° und 0,7 % IV°).

Zwei der Kinder und neun der Erwachsenen hatten Begleitverletzungen. Ein Kind erlitt eine Schulterluxation, das andere eine Wirbelkörper- und Rippenfraktur mit Pneumothorax. Bei den Erwachsenen handelte es sich um

  • eine Schulterluxation
  • eine Wirbelfraktur
  • eine Calcaneusfraktur
  • ein Schädel-Hirntrauma I°
  • 3 Prellungen oder Verstauchungen
  • eine Keratitis photoelectrica
  • ein Schädel-Hirntrauma I° mit Distorsion der Halswirbelsäule.

Risikoprofil und klinischer Verlauf

Bei 2,6 % (n = 7) der Patienten wurde eine positive kardiovaskuläre Familienanamnese dokumentiert (65,3 % ohne Angabe). Vorerkrankungen der Patienten sind in der Tabelle angeführt. Fünf Patientinnen waren zum Zeitpunkt des Unfalls schwanger.

Die mediane Dauer des Kranken­haus­auf­enthaltes war bei Kindern 18,4 (15,3/23,5) Stunden mit einem Minimum von sechs Stunden und einer maximalen Aufenthaltsdauer von 430:18 Stunden (circa 18 Tage) und bei Erwachsenen 20,3 (16,1/23,3) Stunden mit einem Minimum von 2:25 Stunden und einer maximalen Liegedauer von 406:55 Stunden (circa 17 Tage).

Die Mehrzahl der Patienten verbrachte mehr als zwölf Stunden unter stationärer Überwachung, bei drei Patienten konnte wegen fehlender Dokumentation der Entlassungszeit keine Berechnung erfolgen. 17 Patienten verbrachten weniger als 12 Stunden im Krankenhaus (Minimum 2:25 h / Maximum 11:47 h), davon wurden sieben gegen ärztlichen Rat entlassen (fünf Patienten mit den kürzesten Liegezeiten von 2:25 bis 6:34 h).

Kardiale Variablen und kontinuierliches kardiales Monitoring

Bei 97,8 % der Patienten war ein Aufnahme-EKG verfügbar. Bei Krankenhausaufnahme zeigten 28,7 % (n = 33) der Kinder und 24,2 % (n = 27) der Erwachsenen leichtgradige kardiale Rhythmusstörungen, zumeist Sinustachykardien (> 100 Schläge/min, 12,7 %; n = 34), Sinusbradykardien (< 60 Schläge/min, 7,8 %; n = 21), vereinzelte supraventrikuläre (2,2 %; n = 6) und ventrikuläre (1,1 %; n = 3) Extrasystolen. Ein Kind und zwei Erwachsene hatten vereinzelt ventrikuläre Extrasystolen und bei drei Erwachsenen zeigte das EKG einen AV-Block I°, 11,2 % der Patienten hatten einen inkompletten Rechtsschenkelblock.

61,2 % (n = 164) der Patienten erhielten ein Kontroll-EKG, hier zeigten sich an pathologischen Befunden:

  • ein neu aufgetretener inkompletter Rechtsschenkelblock
  • ein neu aufgetretener inkompletter Rechtsschenkelblock mit vereinzelten supraventrikulären Extrasystolen
  • bei einem Kind mit komplexem Herzfehler ein inkompletter Rechtsschenkelblock mit vereinzelten supraventrikulären Extrasystolen und ventrikulären Couplets, die jedoch vorbeschrieben waren.

Bei Aufnahme wurden Troponin, Creatininkinase (CK), Creatininkinase-Myokardtyp (CK-MB) und Myoglobin bei 55,7 % (n = 64) der Kinder und bei 94 % (n = 144) der Erwachsenen angefordert. Die Troponinwerte waren bei allen Kindern im Normbereich und lediglich bei zwei Erwachsenen erhöht. Die CK war bei 8,7 % (n = 10) der Kinder und 26,1 % (n = 40) der Erwachsenen erhöht mit einem CK-MB-Anteil > 10 % bei 2,6 % der Kinder und 2 % der Erwachsenen. Die CK-Erhöhungen waren mit dem Vorhandensein von Begleitverletzungen assoziiert.

Bei insgesamt 16 Patienten wurde nach der Aufnahme eine Echokardiographie durchgeführt, bei fünf dieser Patienten zeigten sich pathologische Befunde wie ein schmaler Perikarderguss, Flüssigkeitssaum vor dem rechten Ventrikel, vorbestehendes Vitium oder eine leichte Aortenisthmusstenose.

Alle Patienten wurden während ihres Aufenthaltes durch ein kontinuierliches kardiales Monitoring überwacht.

Bei einem Kind mit vielfältigen kardialen Vorerkrankungen wurde während des Monitorings eine nächtliche Sinusbradykardie von 51 Schlägen/Minute beobachtet, die keiner Therapie bedurfte. Bei keinem Patienten kam es zu höhergradigen oder behandlungsbedürftigen Herzrhythmusstörungen.

Risikopatienten

Bei 3 % der Patienten (n = 8) wurde der Unfall durch Starkstrom (> 500 V) verursacht.

Nach den Kriterien der ERC, die ein kardiales Monitoring erfordern, wies die Kohorte der Autoren folgende Risikofaktoren auf:

  • initiale Bewusstlosigkeit in drei Fällen, einer davon mit Kreislaufstillstand
  • 70 Patienten mit leichten EKG-Veränderungen oder Rhythmusstörungen
  • 25 Patienten mit Weichteilverletzungen und Verbrennungen
  • zusätzlich zwei Patienten mit erhöhten Troponinwerten bei Aufnahme.

Die komplizierenden Faktoren für alle Patienten, sowie aufgeteilt nach Erwachsenen und Kindern, sind in der eTabelle dargestellt. In der Fallvignette ist exemplarisch ein typischer Risikopatient nach Stromunfall dargestellt.

Ein typischer Patient nach Stromunfall
Ein typischer Patient nach Stromunfall
Fallvignette
Ein typischer Patient nach Stromunfall
Komplizierende Faktoren bei allen Patienten nach Stromunfall, sowie aufgeteilt nach Erwachsenen (> 18 Jahre) und Kindern nach Stromunfall
Komplizierende Faktoren bei allen Patienten nach Stromunfall, sowie aufgeteilt nach Erwachsenen (> 18 Jahre) und Kindern nach Stromunfall
eTabelle
Komplizierende Faktoren bei allen Patienten nach Stromunfall, sowie aufgeteilt nach Erwachsenen (> 18 Jahre) und Kindern nach Stromunfall

Diskussion

In dieser Sekundärdatenanalyse an den Krankenhausdaten aller 268 Patienten, die innerhalb des Studienzeitraumes von acht Jahren wegen eines Stromunfalls stationär aufgenommen wurden, kam es bei keinem Patienten während des Aufenthaltes zu behandlungsbedürftigen kardialen Arrhythmien. Dabei waren in unserer Kohorte alle von der ERC definierten Risikofaktoren, die ein kardiales Monitoring erfordern, vorhanden.

Bei allen Patienten erfolgte nach der Aufnahme in einen intensiv- beziehungsweise überwachungsmedizinischen Kontext ein kontinuierliches EKG-Monitoring.

Es gibt eine kleine Reihe publizierter Fallberichte zu verzögerten Arrhythmien nach Stromunfällen. Bailey beschreibt eine Patientin, die nach einem Stromunfall nach Hause entlassen und 10 h später tot aufgefunden wurde und bei der man, trotz fehlendem EKG, von einer kardialen Arrhythmie ausgeht (13).

In einer Fallserie von Jensen et al. wurden drei Patienten mit verzögert auftretenden schweren ventrikulären Arrhythmien nach einem Zeitfenster zwischen Unfall und Arrhythmien von zwischen 8 und 12 Stunden beschrieben. Alle drei Patienten zeigen im Verlauf über Monate und zum Teil Jahre rezidivierende ventrikuläre Arrhythmien (3). In einem weiteren Fallbericht wird einem acht Jahre zurückliegendem Hochspannungsunfall ein neu diagnostiziertes, jedoch wohl seit dem Unfall symptomatisches Sick-Sinus-Syndrom zugeschrieben (6).

Sharma et al. beschreiben einen Patienten, der nach einem häuslichen Elektrounfall mit einem AV-Block I° und Niedervoltage im EKG aufgenommen wurde und bei dem es während des 24-Stunden-Monitorings zwei Stunden nach der Aufnahme zunächst zu wechselnden AV-Blockierungen und schließlich am nächsten Tag zu Kammerflimmern kam (4). Dieser letzte Fall ist der einzige der insgesamt sechs hier beschriebenen Patienten, bei dem ein initiales EKG vorlag, bei allen anderen Patienten gibt es kein, beziehungsweise nur EKGs, die mit den verzögert auftretenden Arrhythmien in direktem Zusammenhang stehen (5).

Die Ergebnisse unserer Studie bestätigen eine Vielzahl zumeist kleinerer klinischer Studien, die bislang zu dieser Fragestellung publiziert wurden:

Arrowsmith et al. veröffentlichten 1997 eine retrospektive Analyse, in die Daten aller 145 Patienten eingingen, die über einen Studienzeitraum von 5 Jahren nach Elektrounfällen aufgenommen wurden; 75 % ihrer Patienten wurden über mindestens 24 Stunden kardiopulmonal überwacht. In dieser Kohorte zeigten vier Patienten kardiale Auffälligkeiten, davon drei Patienten mit vereinzelten supraventrikulären Extrasystolen, die keiner Therapie bedurften. Ein Patient zeigte nach einem Hochspannungsunfall bereits bei der Krankenhausaufnahme Vorhofflimmern, das mit Digoxin therapiert wurde. Von den vier Patienten mit EKG-Veränderungen hatten zwei einen Hochspannungsunfall, alle vier Patienten erlitten durch den Unfall Verbrennungen. Keiner der hier analysierten Patienten entwickelte während des Monitorings höhergradige Arrhythmien (7). Bailey et al. führten 2007 eine prospektive Studie durch, in die 134 Hochrisikopatienten nach Stromschlag eingeschlossen wurden. Als Risikofaktoren wurden hier ein transthorakaler Stromfluss, Tetanie, Bewusstlosigkeit und Hochspannungsunfälle (> 1 000 V) gewertet. Obgleich 11 % der Patienten (n = 15) bei ihrer Aufnahme leichte EKG-Veränderungen aufwiesen, kam es bei keinem Patienten im Verlauf zu potenziell lebensbedrohlichen, verzögerten Arrhythmien. Keine der EKG-Veränderungen war behandlungsbedürftig (11). Die selben Autoren dokumentierten die Ergebnisse des kardialen Monitorings bei 141 Kindern nach Haushaltsunfällen – auch hier traten keine verzögerten Arrhythmien auf (8).

Zu dem gleichen Ergebnis kam eine Studie von Claudet et al., die eine retrospektive Analyse aller pädiatrischen Fälle (< 15 Jahre) eines 7-jährigen Studienzeitraums mit Stromunfall durchführten. Hier zeigten acht Kinder bei der Aufnahme EKG-Veränderungen (Sinustachykardien, inkompletter Rechtsschenkelblock und T-Wellen-Negativierungen), außerdem wurden zehn Kinder als Risikopatienten (nasse Haut, Brustschmerz bei Aufnahme) eingestuft (14).

Eine weitere Fallserie von Gokdemir et al. analysierte die Daten von 36 Kindern (< 18 Jahre) nach Stromunfall. Von diesen starben fünf Kinder im Krankenhaus, diese hatten häufiger als die überlebenden Kinder Zeichen eines Schocks, eine Sinustachykardie, Bewusstlosigkeit und erhöhte LDH-Werte. Verzögerte Arrhythmien werden nicht beschrieben (15).

Interessant ist außerdem eine Studie von Blackwell et al., die im Rahmen einer prospektiven Analyse von Notfallpatienten nach Niederspannungs-Stromunfall ein Management-Protokoll entwickelten, um eine standardisierte Betreuung betroffener Patienten zu ermöglichen. In einer dreijährigen Beobachtungsstudie wurden dabei, nach Implementation eines neuen Management-Protokolls, 212 Patienten eingeschlossen und über vier Jahre nachbeobachtet, das heißt, es erfolgte sowohl eine Erfassung eventuell auftretender kardialer Arrhythmien als auch eine Evaluation des neuen Algorithmus. Bei asymptomatischen Patienten ohne EKG-Veränderungen wurde dabei auf eine Krankenhausaufnahme und kardiales Monitoring verzichtet. Die Autoren konnten durch das neue Protokoll die Zahl der Krankenhausaufnahmen drastisch senken, ohne dass dies negative Auswirkungen auf die Patienten gehabt hätte (9). In Anlehnung an diese Studie ist ein standardisiertes Vorgehen vorstellbar, das die Empfehlungen der ERC mit den von Blackwell et al. evaluierten Kriterien verbindet (Grafik 2). Hiernach würden Patienten mit mindestens einem der ERC-Risikofaktoren (initialer Kreislaufstillstand, initiale Bewusstlosigkeit, Weichteilverletzungen, Verbrennungen) sofort stationär aufgenommen werden. Ausgenommen hiervon wäre das ERC-Kriterium EKG-Veränderungen, das, wie bei Blackwell et al., einen eigenen Algorithmus in Gang setzt: Bei Patienten mit EKG-Veränderungen würde zunächst eine sechsstündige Überwachung erfolgen. Bei Rückbildung der EKG-Veränderungen und weiterbestehendem Wohlbefinden könnte der Patient entlassen werden, ansonsten würde eine stationäre Aufnahme zur weiteren kardialen Überwachung erfolgen.

Flowchart für ein standardisiertes Vorgehen bei Patienten nach Stromunfall
Flowchart für ein standardisiertes Vorgehen bei Patienten nach Stromunfall
Grafik 2
Flowchart für ein standardisiertes Vorgehen bei Patienten nach Stromunfall

Asymptomatische Patienten ohne ERC-Risikofaktoren und ohne EKG-Veränderungen werden dagegen direkt aus dem Krankenhaus entlassen, es erfolgt kein kardiales Monitoring.

Schlussfolgerung

Für eine kosteneffiziente und sichere Patientenversorgung sollte eine evidenzbasierte standardisierte Vorgehensweise bei Stromunfällen etabliert werden. Bisher hat keine der systematischen Analysen größerer Fallzahlen von Patienten nach Stromunfällen einen Fall mit verzögert auftretenden Arrhythmien belegen können. Unsere Studie ergänzt dabei die bisher zu diesem Thema verfügbare Evidenz, die darauf hindeutet, dass asymptomatische, unverletzte Patienten ohne EKG-Veränderungen nicht stationär überwacht werden müssen.

Limitationen

Bei den vorliegenden Daten handelt es sich um Sekundärdaten der Routineversorgung, die nicht für Studienzwecke erhoben wurden. Obwohl die Patientenzahlen der Autoren, gemessen an anderen Studien zu diesem Thema relativ groß sind, reicht die Fallzahl nicht aus, um eine verlässliche Aussage zu verzögert auftretenden Arrhythmien nach Stromunfall treffen zu können, insbesondere weil mit einer extrem niedrigen Inzidenz solcher Ereignisse zu rechnen wäre. Die Studie muss daher als ein Beitrag zur Erfassung der Evidenz gewertet werden.

Interessenkonflikt

Frau Maaß ist Angestellt bei der Streit GmbH.

Dr. Searle, Frau Slagmann und Prof. Möckel erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 5. 3. 2013, revidierte Fassung angenommen: 26. 6. 2013

Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Julia Searle
Charité Universitätsmedizin Berlin
Notfallmedizin/Rettungsstellen
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin
julia.searle@charite.de

Zitierweise
Searle J, Slagman A, Maaß W, Möckel M: Cardiac monitoring in patients with electrical injuries—an analysis of 268 patients at the Charité hospital. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(50): 847–53.
DOI: 10.3238/arztebl.2013.0847

@eTabelle:
www.aerzteblatt.de/13m0847

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

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Ein typischer Patient nach Stromunfall
Ein typischer Patient nach Stromunfall
Fallvignette
Ein typischer Patient nach Stromunfall
Alters- und Geschlechtsverteilung aller Patienten mit Stromunfall
Alters- und Geschlechtsverteilung aller Patienten mit Stromunfall
Grafik 1
Alters- und Geschlechtsverteilung aller Patienten mit Stromunfall
Flowchart für ein standardisiertes Vorgehen bei Patienten nach Stromunfall
Flowchart für ein standardisiertes Vorgehen bei Patienten nach Stromunfall
Grafik 2
Flowchart für ein standardisiertes Vorgehen bei Patienten nach Stromunfall
Patientencharakteristika aller Patienten mit Stromunfall, sowie unterteilt in Subgruppen der Altersklassen 0–17 (Kinder) und über 18 Jahre (Erwachsene)
Patientencharakteristika aller Patienten mit Stromunfall, sowie unterteilt in Subgruppen der Altersklassen 0–17 (Kinder) und über 18 Jahre (Erwachsene)
Tabelle
Patientencharakteristika aller Patienten mit Stromunfall, sowie unterteilt in Subgruppen der Altersklassen 0–17 (Kinder) und über 18 Jahre (Erwachsene)
Komplizierende Faktoren bei allen Patienten nach Stromunfall, sowie aufgeteilt nach Erwachsenen (> 18 Jahre) und Kindern nach Stromunfall
Komplizierende Faktoren bei allen Patienten nach Stromunfall, sowie aufgeteilt nach Erwachsenen (> 18 Jahre) und Kindern nach Stromunfall
eTabelle
Komplizierende Faktoren bei allen Patienten nach Stromunfall, sowie aufgeteilt nach Erwachsenen (> 18 Jahre) und Kindern nach Stromunfall
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