EDITORIAL

Psychotherapeutische Versorgung: Die Kassen wollen rationieren

PP 12, Ausgabe Dezember 2013, Seite 529

Bühring, Petra

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Die ambulante Psychotherapie sei ein Versorgungsbereich, der mit dem Trinken einer Flasche Bier nicht zu lösen sei – es habe sich gelohnt ein Positionspapier zur Reform zu erarbeiten, hieß es bei der Sitzung des Verwaltungsrates des GKV-Spitzenverbandes Ende November in Berlin. Inzwischen scheint auch der G-BA-Vorsitzende Josef Hecken eines Besseren belehrt, der mit der Bemerkung, man brauche nicht für jeden eine Therapie, eine Flasche warmes Bier tue es manchmal auch, für Entrüstung gesorgt hatte.

Besagtes Positionspapier zur „Reform des Angebots an ambulanter Psychotherapie“ geht auch tatsächlich differenzierter an das Problem des steigenden Bedarfs an Behandlungskapazitäten für psychisch Kranke heran. Neben einigen sinnvollen Vorschlägen schlägt der GKV-Spitzenverband jedoch im wesentlichen die Verkürzung von Behandlungszeiten vor, und das erscheint für eine langfristig bessere Versorgung, die auch zum Abbau der zunehmenden Fehlzeiten und Frühberentungen aufgrund psychischer Erkrankungen beiträgt, recht fragwürdig. Grundsätzlich wollen die Krankenkassen nämlich „ausgabenneutral“ handeln.

Zu den allgemein konsentierten Vorschlägen gehört neben der weiteren Förderung der Gruppenpsychotherapie die Einführung von obligatorischen Sprechstunden bei Psychotherapeuten für Basisdiagnostik und Krisenintervention vor den probatorischen Sitzungen. Beides fordert auch die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK). Nach Ansicht der Kassen sollen diese Sprechstunden (maximal zwei pro Fall) auch der Beratung der Patienten zu den verschiedenen Versorgungsangeboten dienen und somit „Steuerungswirkung“ entfachen, etwa das Anraten einer stationären Behandlung oder auch Angebote der Selbsthilfe. Dann sollen, wenn erforderlich, drei probatorische Sitzungen folgen und zwölf Stunden Therapie – für alle Richtlinien-Verfahren. Anschließend ist eine Wartezeit von sechs Wochen vorgesehen, um zum zweiten Behandlungskontingent von weiteren zehn Stunden durchzudringen. In schweren Ausnahmefällen soll eine „Bypassmöglichkeit“ zur mittels Gutachterverfahren (GV) begründeten Langzeittherapie möglich sein. Die ersten 25 Stunden sind ansonsten nicht genehmigungspflichtig, das aufwendige GV entfällt – kurze Therapien werden somit besonders attraktiv. Statt Vorschläge für eine Entschlackung des GV zu machen, schlagen die Kassen den zusätzlichen Einsatz von psychometrischen Instrumenten nach jedem Behandlungskontingent vor.

Eine grundsätzliche Wartezeit von sechs Wochen komme „einer therapeutischen Katastrophe gleich“, kritisiert die BPtK. Dass eine kontinuierliche Behandlung nur noch in Ausnahmefällen möglich sein soll, sei „fachlich und ethisch nicht zu verantworten“. Eine solche Rationierung sei bei körperlich kranken Menschen undenkbar und deshalb eine Diskriminierung psychisch Kranker.

Das Positionspapier der Kassen ist ein Anfang zur – notwendigen – Veränderung der psychotherapeutischen Versorgung, die sich auch die nächste Bundesregierung in den Koalitionsvertrag geschrieben hat: Wartezeiten reduzieren, zeitnahe Angebote für Kurzzeittherapie, Entbürokratisierung des Gutachterverfahrens, Überarbeitung der Psychotherapie-Richtlinie in einer definierten Frist, Überprüfung der Befugnisbeschränkungen für Psychotherapeuten. Es ist noch viel zu tun.

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