ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2013Die sieben Todsünden: Ohne Wollust keine Lust

KUNST + PSYCHE

Die sieben Todsünden: Ohne Wollust keine Lust

PP 12, Ausgabe Dezember 2013, Seite 530

Kraft, Hartmut

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Zusammen mit der Völlerei („Gula“) gehört die Wollust („Luxuria“) zu den „fleischlichen Todsünden“, die den restlichen fünf geistigen gegenübergestellt werden. Die Stunde der Wollust sei der frühe Morgen, verkündete Evagrios Pontikos bereits im vierten Jahrhundert. Als Wochentag war ihr der Samstag zugeordnet, als Gestirn die Venus.

Klaus Süß, Wollust. Mehrfarbiger Holzschnitt. 21,5 × 30,3 × 22 cm (Pop-up-Grafik). Auflage 60 Exemplare, hier Ex. 47. Foto: Eberhard Hahne
Klaus Süß, Wollust. Mehrfarbiger Holzschnitt. 21,5 × 30,3 × 22 cm (Pop-up-Grafik). Auflage 60 Exemplare, hier Ex. 47. Foto: Eberhard Hahne

Die katholische Moraltheologie duldet Geschlechtsverkehr nur zwischen Eheleuten, und dann auch nur mit dem Ziel der Fortpflanzung. Selbst sinnliche Lust, die ein Ehepaar zusammenhält, Spannungen und Stress abbauen und überwinden hilft, gilt als sündig. Für eine selbstbezogene Lust wie die Selbstbefriedigung wurde sogar „Rückenmarksschwund“ drohend behauptet – woran zumindest Ältere sich noch werden erinnern können.

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Es gibt wenigstens zwei wesentliche Funktionen für eine derartig restriktive Sexualmoral. Zum einen werden sich Gläubige, die die Wollust als Todsünde anerkennen, zwangsläufig immer und immer wieder schuldig fühlen. Beichte und Buße bieten den kurzfristig wirksamen Ausweg. Das Doktor spielende Mädchen, der onanierende Junge, das lustvoll seine Sexualität lebende und empfängnisverhütende Paar waren dann zwar nicht mehr dem „ewigen Tod“ verfallen, wohl aber der kirchlichen Institution. Eine restriktive Sexualmoral ist die beste Garantie für Schuldgefühle, die den Gläubigen an das Institut der Sündenvergebung durch die Priester der katholischen Kirchen banden und zum Teil immer noch binden.

Historisch betrachtet hatte der Versuch einer Eingrenzung der Sexualität auf die Ehe allerdings auch eine gesellschaftlich relevante Funktion. In manchen Gegenden im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts soll die Zahl der unehelichen Geburten die Zahl der ehelichen zeitweise überstiegen haben. Uneheliche Geburten waren aber ein schwerwiegendes Problem für die von Kirche und Gesellschaft geächteten Mütter und ihre Kinder, was nicht selten in Selbst- oder Kindstötungen endete. Den unehelich geborenen Kindern fehlte darüber hinaus der Schutz durch eine Familie, durch verwandtschaftliche Beziehungen, die in Zeiten der Not überlebensnotwendig waren.

Unter heutigen Bedingungen haben die kirchlichen Keuschheitsnormen ihre gesellschaftliche funktionale Bedeutung verloren. Trotzdem gibt es immer wieder junge Menschen, die „unberührt“ in die Ehe gehen wollen und dies als ihr Ideal verkünden. Eine solche „Selbstbeherrschung“ kann – wie alle Formen der Selbstkontrolle – eine positive Entwicklung der Ich-Funktionen vorantreiben – aber auch über das Ziel hinausschießen. Dies ist zum Beispiel bei der Anorexie als Überkompensation der anderen „körperlichen Todsünde“, der Völlerei, der Fall.

Beides scheint Klaus Süß nicht zu schrecken. Auf seiner Darstellung lassen ein Mann und eine Frau es sich gut gehen. Drinks stehen auf dem gedeckten Tisch, die hinderliche Kleidung wird gerade abgestreift. Und all das tritt dem Betrachter in den kraftvollen Primärfarben Rot, Gelb und Blau entgegen. Die Wollust ist in der lebensfrohen, lebensbejahenden Welt angekommen, oder wie Klaus Süß sagt: „Ohne Wollust keine Lust!“

Dr. med. Hartmut Kraft

Biografie Klaus Süß

Geboren 1951 in Crottendorf/Erzgebirge. Ausbildung zum Heizungsmonteur sowie zum Ingenieur für Luft- und Kältetechnik. Als Künstler Autodidakt, seit 1986 freischaffend tätig. Kennzeichnend für ihn sind starkfarbige Grafiken mit expressiv dargestellten Figuren. 1988 Wilhelm-Höpfner-Grafikpreis. Zahlreiche Buchillustrationen und Unikatbücher. Klaus Süß lebt in Chemnitz.

1.
Kraft H: TABU – Magie und soziale Wirklichkeit. Walter/Patmos, Düsseldorf 2004.
2.
Süß K: Werkverzeichnis der Graphikmappen 1984–2001. Hg. von Grätz W und Langer ET. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M. 2002.
3.
Vaskovics L: Beschädigung des Körpers. Völlerei und Unkeuschheit. In: Bellebaum A und Herbers D (Hg.): Die sieben Todsünden. Aschendorff, Münster 2007: 87–103.
1.Kraft H: TABU – Magie und soziale Wirklichkeit. Walter/Patmos, Düsseldorf 2004.
2.Süß K: Werkverzeichnis der Graphikmappen 1984–2001. Hg. von Grätz W und Langer ET. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M. 2002.
3.Vaskovics L: Beschädigung des Körpers. Völlerei und Unkeuschheit. In: Bellebaum A und Herbers D (Hg.): Die sieben Todsünden. Aschendorff, Münster 2007: 87–103.

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