ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2013Suchtbehandlung: Wie viel Psychotherapie soll es sein?

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Suchtbehandlung: Wie viel Psychotherapie soll es sein?

PP 12, Ausgabe Dezember 2013, Seite 543

Gerst, Thomas

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Insbesondere um die Erfahrungen mit der stationären Versorgung Suchtkranker ging es bei einer Fachtagung der Psychotherapeutenkammer NRW.

Sehr groß war das Interesse an der Veranstaltung „Psychotherapie trifft Sucht“ der Psychotherapeutenkammern Nordrhein-Westfalen (NRW) und Rheinland-Pfalz; vielen Interessenten musste abgesagt werden. Gleichwohl zähle die substanzgebundene Abhängigkeit, bemerkte Günter Garbrecht (SPD), Vorsitzender des NRW-Landtagsausschusses Arbeit, Gesundheit, Soziales, ein wenig provozierend, nicht zu den 20 häufigsten Diagnosen, die von den niedergelassenen Psychotherapeuten abgerechnet würden. „Sie sind also herzlich willkommen. Sie müssen sich allerdings auf eine Klientel einstellen, die nicht unbedingt termintreu ist, die nicht so leicht zu handhaben ist.“

Derzeit befasse sich eine Fachkommission der Psychotherapeutenkammer NRW mit der Frage, wie der Zugang zu einer qualitätsgesicherten ambulanten psychotherapeutischen Behandlung von Suchtkranken erleichtert werden könne, merkte Kammerpräsidentin Monika Konitzer in ihrem Eingangsstatement an. Sucht, insbesondere die Alkoholabhängigkeit, sei eine der häufigsten psychischen Störungen in Europa, betonte sie. Die Komorbidität anderer psychischer Erkrankungen sei sehr hoch. Gerade die Gefährdung durch Alkoholabhängigkeit werde nach wie vor unterschätzt.

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Ohne Motivation gibt es keine Veränderung

Konitzer verwies auf eine aktuelle Studie, wonach alkoholabhängige Frauen 22 Jahre früher, alkoholabhängige Männer 19 Jahre früher als die entsprechende Durchschnittsbevölkerung sterben – „das sind alarmierende Zahlen“. Bei vergleichbaren Daten zu somatischen Erkrankungen würde es wahrscheinlich zu einem öffentlichen Aufschrei kommen, vermutet die Kammerpräsidentin; dagegen sei es nach Veröffentlichung der Studie doch relativ ruhig geblieben. Der Behandlungsbedarf sei also immens. Der Umgang mit dem Suchtkranken bedarf des ausgewiesenen Experten. „Die Komplexität der Symptomatik erfordert vom Behandler ein umfassendes Wissen über Ätiologie, Diagnostik und Therapie des Störungsbildes“, sagte Konitzer. Um eine ambulante Psychotherapie nicht abstinenter Suchtkranker zu ermöglichen, müsse aber die Psychotherapierichtlinie geändert werden.

Folgerichtig stand bei dieser Veranstaltung nicht die ambulante Therapie im Vordergrund, sondern es ging um Erfahrungen mit der stationären Versorgung suchtkranker Menschen. Prof. Dr. Harald Rau von den Zieglerschen Anstalten hob die Bedeutung psychologischer und psychotherapeutischer Kompetenzen in diesem Bereich hervor. Psychologie und Psychotherapie seien „die Kerndisziplinen hinsichtlich Entstehung, Verlauf, Therapie und Prävention von Abhängigkeitserkrankungen“. Psychotherapeuten stellen für ihn die entscheidenden Ansprechpartner bei der Therapie Suchtkranker dar, weil es dabei ganz zentral um Motivationserzeugung gehe. „Am Anfang muss die intrinsische Motivation zur Verhaltensänderung stehen, ohne Motivation gibt es keine Veränderung“, betonte Rau. Er kritisierte die Deutsche Rentenversicherung (DRV), bei der die Rehabilitationseinrichtungen stets unter ärztlicher Führung stünden.

Psychotherapeutische Kompetenz in der Reha

Dr. Arthur Günthner, Leitender Medizinaldirektor der DRV Rheinland-Pfalz, betrachtet die Psychotherapie als Teil einer Gesamtstrategie bei der Suchtbehandlung. Dass die darauf spezialisierten Rehaeinrichtungen unter ärztlicher Leitung stehen müssen, erscheint ihm unproblematisch, muss dieser ärztliche Leiter doch eine Weiterbildung zum zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder zum Facharzt für Psychotherapeutische Medizin vorweisen beziehungsweise eine andere Facharztqualifikation mit der Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ oder „Psychoanalyse“ besitzen.

Zudem sei im Anforderungsprofil der DRV für die medizinische Rehabilitation von Abhängigkeitserkrankungen vorgegeben, dass die psychotherapeutische Kompetenz im Leitungsteam der stationären Einrichtung sicherzustellen sei. Klinische Psychologie und Sozialarbeit müssten personell im Leitungsteam vertreten sein. Für Günthner stellen Suchttherapie in der DRV-Reha und Psychotherapie allerdings eine eingeschränkte Wunschbeziehung dar, sei doch die Reha laut gesetzlichen Auftrag primär darauf ausgerichtet, dem Erkrankten eine Teilhabe am Leben der Gemeinschaft, insbesondere am Arbeitsleben zu ermöglichen.

Thomas Gerst

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