ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2013Misshandlung und Missbrauch: Beim Kinderschutz ist viel passiert

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Misshandlung und Missbrauch: Beim Kinderschutz ist viel passiert

PP 12, Ausgabe Dezember 2013, Seite 544

Franke, Ingo

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Das Jahr 2013 war für den medizinischen Kinderschutz ein herausragendes: Die Basis eines strukturierten und dokumentierten Kinderschutzes ist gelegt. Es liegt nun an den Ärzten, die Instrumente auch anzuwenden

Misshandlungen in der Kindheit beeinträchtigen nachhaltig die Entwicklung. Foto: Fotolia/pegbes
Misshandlungen in der Kindheit beeinträchtigen nachhaltig die Entwicklung. Foto: Fotolia/pegbes

Seit den verhängnisvollen Ereignissen in Bremen 2006 – dem Tod des zweijährigen Kevin – und den Erkenntnissen über den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Institutionen ist das Thema Kindesmisshandlung in allen Facetten auch in Medizinerkreisen ausführlich diskutiert worden. In den Jahren 2006 bis 2013 haben sich an Kinderkliniken in Deutschland unabhängig voneinander sogenannte Kinderschutzgruppen gegründet, die mit einer multiprofessionellen Aufstellung Kinder und Jugendliche, die unter dem Verdacht einer Misshandlung, eines Missbrauchs oder Vernachlässigung vorgestellt werden, behandeln.

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Im Jahre 2008 wurde die Arbeitsgemeinschaft Kinderschutz in der Medizin gegründet. Dieses anerkannte Gremium der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin entwickelte für alle Gesellschaften der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin den ersten Leitfaden für medizinischen Kinderschutz in Kliniken, der in diesem Jahr bereits zum vierten Mal überarbeitet herausgegeben wurde. Aktuell gibt es bundesweit mehr als 50 Kliniken, in denen medizinischer Kinderschutz strukturiert nach Behandlungspfad durchgeführt wird. An mehreren universitären und anderen Kinderkliniken wurden Kinderschutzambulanzen eingerichtet, dies wurde im Abschlussbericht des Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch empfohlen.

In enger Kooperation mit weiteren Akteuren aus dem Gesundheitswesen, zum Beispiel der Gesellschaft für Kinderkliniken in Deutschland und Teilnehmern des Runden Tisches, dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs und den zuständigen Bundesministerien konnte Anfang 2013 die „Kinderschutz-OPS“ 1–945 in den OPS-Prozedurenkatalog aufgenommen werden. Fast zeitgleich erfolgte die Änderung der deutschen Kodierrichtlinie DKR 1915, die es nun ermöglicht, die ICD-Diagnosen T74 (körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch und andere) zu kodieren und somit erstmals eine medizinische Erfassung der Kindesmisshandlung erlaubt.

Im August dieses Jahres wurde der § 294 a SGB V insofern geändert, dass die Pflicht der „Mitteilung von Krankheitsursachen und drittverursachten Gesundheitsschäden“, die Folge einer Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung von Kindern und Jugendlichen sind, an die Krankenkassen aufgehoben wurde. Hierdurch erleichtert sich die „Fallarbeit“ enorm, dem Kind und seiner Familie wird unmittelbar geholfen, und es wird auch dem „Gesetz zur Stärkung des aktiven Schutzes von Kindern und Jugendlichen“, dem sogenannten Bundeskinderschutzgesetz (BKiSchG) vom Januar 2012, Rechnung getragen, das insbesondere im Artikel 1 die enge Verzahnung von Gesundheitshilfe und Jugendhilfe ermöglicht.

Für das Jahr 2014 plant die Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich Medizinischer Fachgesellschaften eine Neufassung der S2-Leitlinie Kindesmisshandlung, falls möglich gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auch dies erfolgt auf Anraten des Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch, der eine Anhebung der Leitlinie auf S3-Niveau empfiehlt. Der Umsetzung steht nichts im Wege, so denn der notwendige Wille der Politik auch die entsprechenden Mittel aus den Ministerien freigibt. Ob eine nationale Versorgungsleitlinie unter Einbeziehung der Jugendhilfe zustande kommt, hängt von vielen Faktoren ab, da sowohl auf Bundes- als auf Landesebene Ministerien, Ämter und Behörden involviert sind; die medizinische Fachgesellschaft ist dazu bereit.

In der Praxis sollten folgende Maßnahmen beachtet werden:

  • Verwendung des Leitfadens: Empfehlungen für Kinderschutz an Kliniken (www.ag-kim.de)
  • Kinderschutzgruppe in der Nähe kontaktieren
  • beim Jugendamt die „insofern erfahrene Fachkraft“, auch pseudoanonymisiert, kontaktieren
  • auch den Verdacht auf Misshandlung kodieren (im ambulanten Bereich)
  • OPS 1–945 in Kliniken kodieren.

Zusammengefasst ist das Jahr 2013 für den medizinischen Kinderschutz ein herausragendes: Viele Wünsche und Anregungen, die bereits im Jahr 2009 auf der 1. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Kinderschutz in der Medizin in Bonn formuliert wurden, konnten umgesetzt werden. Bei weitem nicht alles ist geregelt, gar nicht finanziert, insbesondere im ambulanten Bereich; doch zumindest die Basis eines strukturierten und dokumentierten medizinischen Kinderschutzes ist gelegt. Nun liegt es an den Ärzten, die entsprechenden Instrumente (Leitfaden, OPS, ICD-10, BKiSchG) zu nutzen, um misshandelten, missbrauchten und vernachlässigten Kindern die entsprechende Diagnostik und Therapie anzubieten und notwendige Hilfen zu initiieren.

Dr. med. Ingo Franke,
Arbeitsgemeinschaft Kinderschutz in der Medizin, Klinik und Poliklinik für Allgemeine Pädiatrie, Zentrum für Kinderheilkunde des Universitätsklinikums Bonn, i.franke@ag-kim.de

Kompetenzzentrum Kinderschutz

Als erstes Bundesland hat Baden-Württemberg am Universitätsklinikum Ulm Mitte November ein fächerübergreifendes überregionales „Kompetenzzentrum Kinderschutz in der Medizin“ gegründet. „Durch die Arbeit des Kompetenzzentrums können wir dafür sorgen, dass Ärzte, Psychotherapeuten und Mitarbeiter medizinischer Einrichtungen ihre Möglichkeiten und Aufgaben im Kinderschutz besser kennen und umsetzen“, sagt dessen Sprecher, Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, zugleich Ärztlicher Direktor der Ulmer Universitätsklinik für Kinder und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Man wolle das Thema Kinderschutz fest in der Aus-, Weiter- und Fortbildung und im gesamten medizinischen Bereich verankern. Das Kompetenzzentrum vernetzt das Wissen verschiedener medizinischer Fachgebiete aus Einrichtungen in Baden-Württemberg. Eine besondere Rolle spielt dabei die Rechtsmedizin, da hier Missbrauch oder Misshandlungen gerichtsfest dokumentiert werden können. pb

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