ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2013Mangelnde Eignung von angehenden Psychotherapeuten: Vom Umgang mit „schwarzen Schafen“

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Mangelnde Eignung von angehenden Psychotherapeuten: Vom Umgang mit „schwarzen Schafen“

PP 12, Ausgabe Dezember 2013, Seite 550

Sonnenmoser, Marion

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An den Beruf des Psychotherapeuten werden sehr hohe Anforderungen gestellt. Dennoch gibt es keine konkreten Richtlinien für den Umgang mit ungeeigneten Ausbildungskandidaten. Die Thematik wird selten wissenschaftlich untersucht, und es findet auch kaum eine öffentliche Diskussion darüber statt.

Der Psychotherapeut als Person trägt neben dem therapeutischen Verfahren und vielen anderen Faktoren zum Erfolg oder Misserfolg einer Therapie bei. Zu den Anforderungen, die an den Psychotherapeuten gestellt werden, zählen zum Beispiel fachliche und Beziehungskompetenzen. Nach Meinung des US-amerikanischen Psychologen W. Brad Johnson von der U. S. Naval Academy sind darüber hinaus auch moralische Qualitäten wie Ehrlichkeit und Integrität sowie psychische Stabilität und Gesundheit erforderlich, um den Beruf des Psychotherapeuten ausüben zu können.

Um geeignete Kandidaten auszuwählen, setzen viele Ausbildungsinstitute auf eine Kombination aus formalen Kriterien (Zeugnisse, Abschlüsse, Vorerfahrungen) und persönlichen Auswahlgesprächen. Obwohl sich dieses Vorgehen weitgehend bewährt hat, kommt es immer wieder vor, dass nicht geeignete Kandidaten zugelassen, ausgebildet und zertifiziert werden. Ein Grund dafür mag sein, dass mit Hilfe der genannten Auswahlverfahren nicht jedes Defizit entdeckt werden kann, ein anderer, dass manche Defizite erst im Laufe der Ausbildung zutage treten. Hinzu kommt, dass Fachgesellschaft und Ausbildungsinstitute bisher kaum beziehungsweise keine einheitlichen Regelungen für den Umgang mit ungeeigneten Kandidaten gefunden haben und aus diesem Grund mitunter unsicher im Hinblick auf ihre Rolle, die richtige Vorgehensweise und die juristische Sachlage sind. Die Problematik verstärkt sich, wenn die Ausbilder dazu neigen, die Augen vor den Problemen zu verschließen oder die Verantwortung von sich zu weisen, und es vermeiden, entsprechende Konsequenzen zu ziehen.

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Ungeeignete Kandidaten entweder besonders zu fördern, um ihre Defizite zu beseitigen, oder sie von der Ausbildung auszuschließen, ist ein schwieriges und mitunter auch unerfreuliches Unterfangen. Es erfordert, Defizite festzustellen, konkret zu benennen und den Kandidaten damit zu konfrontieren, verschiedene Gespräche mit den Betroffenen und Zuständigen zu führen, Maßnahmen anzubieten oder den Kandidaten eventuell zu entlassen, auch wenn dieser sympathisch ist und schon viel Zeit und Geld in die Ausbildung investiert hat. Diesen Weg zu gehen, ist dennoch notwendig und sogar ethisch verpflichtend, weil es dem Wohl und Schutz der betreffenden Kandidaten ebenso wie der potenziellen Patienten dient. Denn Kandidaten mit schwerwiegenden moralischen, interpersonellen, psychischen oder fachlichen Mängeln können später großen Schaden anrichten. Wie Johnson berichtet, wurden Ausbildungskandidaten, die charakterlich oder psychisch nicht stabil waren und zum Beispiel schon einmal im Gefängnis saßen oder vorbestraft waren oder die eine ernsthafte Persönlichkeitsstörung aufwiesen, später als zertifizierte Psychotherapeuten viermal häufiger wegen Delikten im Rahmen ihres Berufs (zum Beispiel sexueller Missbrauch von Patienten, Erzeugung von Abhängigkeit und Ausnutzung von Patienten, Übertretungen von ethischen und berufsrechtlichen Grenzen, betrügerischer Bankrott) verurteilt wie diesbezüglich unauffällige Kandidaten.

Wie viele Ausbildungskandidaten aufgrund ihrer Defizite nicht geeignet für den Psychotherapeutenberuf sind, haben die Psychologen Dr. Steffi Nodop und Prof. Dr. Bernhard Strauß vom Universitätsklinikum Jena untersucht. Sie befragten 129 Institutsleiter staatlich anerkannter psychotherapeutischer Ausbildungsstätten in Deutschland und fanden heraus, dass nach deren Einschätzung etwa vier bis fünf Prozent der Ausbildungskandidaten nicht kompetent genug für den Psychotherapeutenberuf waren. Am häufigsten wurden Mängel bei der persönlichen Kompetenz (50 Prozent), gefolgt von Mängeln bei den Beziehungskompetenzen (33 Prozent), bei der Lebenserfahrung (sechs Prozent) und der Fachkompetenz (vier Prozent) genannt. Im Hinblick auf Mängel bei der persönlichen Kompetenz wurden eine problematische Persönlichkeitsstruktur (fehlende strukturelle Reife, Instabilität der Persönlichkeit), allgemeine psychische Probleme (nichtbearbeitete eigene Störungsanteile, unbewusste Konflikte) sowie konkrete Störungsbilder (narzisstische Persönlichkeit, Psychosen, Sucht) erwähnt. Hinsichtlich der Beziehungskompetenzen stellten ein Mangel der Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Menschen zu formen, mangelnde Kommunikationsfähigkeit, interpersonelle Probleme und mangelnde soziale Kompetenz Kriterien für die Nichteignung dar. Weitere Defizite waren zum Beispiel mangelnde Introspektions- und Reflektionsfähigkeit (mangelnde Problemeinsicht und Kritikfähigkeit), ein Mangel an Empathie sowie ideologische Rigidität (theoretische Fixierung). Es fällt auf, dass hauptsächlich persönlichkeitsnahe Mängel genannt wurden, wohingegen fachliche Defizite relativ selten festzustellen waren. In US-amerikanischen Studien werden mangelnde klinische Fähigkeiten hingegen häufiger genannt, ebenso wie eine höhere Anzahl an ungeeigneten Absolventen.

Offener Umgang mit dem Thema in den USA

Nach Nodop und Strauß gibt es im deutschsprachigen Raum noch keine konkreten Richtlinien für den Umgang mit ungeeigneten Ausbildungskandidaten auf der Ebene etwa von Fachgesellschaften, die Thematik wird selten wissenschaftlich untersucht, und es findet auch kaum eine öffentliche Diskussion darüber statt. In den USA geht man mit der Thematik hingegen offensiver um. So hat die American Psychological Association beispielsweise Richtlinien für den Umgang mit Ausbildungskandidaten mit Kompetenzproblemen aufgestellt. Sie gibt im Internet zahlreiche Links und Adressen an, die Ausbildern und Ausbildungskandidaten Informationen zur Thematik vermitteln. Es wird außerdem in Fachartikeln und auf Tagungen diskutiert, welche Rollen den Ausbildungsleitern und Institutsleitungen zukommen, wie vorgegangen werden sollte, um einen Kandidaten auf seine Mängel anzusprechen oder welche Mängel überhaupt relevant sind und geändert werden können und welche nicht.

Solche Fragen sind keinesfalls einfach zu beantworten, ebenso wie die Frage, wessen Aufgabe es ist, Defizite festzustellen und darauf zu reagieren. Fest steht, dass die betreffenden Ausbildungskandidaten selbst nur sehr selten Defizite bei sich bemerken und dies gegenüber dem Ausbildungsleiter ansprechen oder die Ausbildung abbrechen. Ihre Ausbildungskollegen bemerken Defizite eher, fühlen sich aber meist nicht zuständig und hilflos, weil sie die Statuten nicht kennen und nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie selbst betroffen sind oder wenn ihnen ein Kollege negativ auffällt. Die von Nodop und Strauß befragten Institutsleiter meinten, dass in der Regel die Supervisoren eine mangelnde Eignung offiziell feststellen, gefolgt von der Ausbildungs- und Ambulanzleitung. Das Gespräch mit den betreffenden Kandidaten zu suchen und Maßnahmen einzuleiten, ist oft ein gestufter Prozess, der viel Sensibilität erfordert und an dem mehrere Verantwortliche beteiligt sein sollten.

Üblicherweise werden den Kandidaten verschiedene Möglichkeiten vorgeschlagen, um die Defizite zu beseitigen, zum Beispiel eine Erhöhung und Fokusveränderung der Supervision, eine Erhöhung der Patientenkontakte oder eine intensive eigene Therapie. Ob diese Maßnahmen jedoch wirklich etwas nutzen, ist nicht sicher und wird in der Regel auch nicht überprüft. Johnson und andere Autoren bezweifeln sogar gänzlich ihren Nutzen, weil manche Defizite so gravierend sind (zum Beispiel Persönlichkeitsstörungen), dass sie sich kaum in verhältnismäßig kurzer Zeit beheben lassen. Einige Studien weisen zudem darauf hin, dass sich die Defizite mit den genannten Maßnahmen nicht in einem befriedigenden Ausmaß beseitigen lassen. Darüber hinaus kann das „Nachbessern“ nicht eine sorgfältige Auswahl der Kandidaten ersetzen.

Ausbildungsinstitute in der Rolle von Aufpassern

Um allen Beteiligten mehr Sicherheit und Klarheit im Umgang mit der Thematik zu verschaffen, sollten nach Meinung von Johnson und anderen Autoren wie etwa der Psychologin Nancy Elman von der University of Pittsburgh (USA) einheitliche Standards und Richtlinien geschaffen werden. Sie sollten nicht nur das Vorgehen bei Defiziten regeln, sondern auch eine regelmäßige Überprüfung der aufgenommenen Kandidaten vorsehen und außerdem festlegen, welche Eigenschaften in der Ausbildung förder- und korrigierbar sind und welche vorausgesetzt werden müssen. „(. . .) es sollten alle Anstrengungen unternommen werden, damit psychisch kranke Patienten nicht von ungeeigneten Psychotherapeuten behandelt werden“, sagen Nodop und Strauß. Jedes Ausbildungsinstitut sollte über schriftliche Regelungen verfügen und diese öffentlich machen, damit Institutsleiter, Supervisoren und Ausbildungskandidaten wissen, was im Fall von Defiziten zu tun ist. Darüber hinaus wäre es notwendig, dass sich Institutsleiter, Supervisoren und Fachgesellschaft noch stärker in der Rolle von „Aufpassern“ begreifen, um den Ruf und die Seriosität der Ausbildungseinrichtungen und des Berufsstands zu wahren. Ihnen obliegt es, entsprechende Regelungen zu formulieren, Interventionen zu entwickeln und Konsequenzen zu ziehen, um „schwarze Schafe“ möglichst frühzeitig ausfindig zu machen und um zu gewährleisten, dass nur solche Kandidaten später Psychotherapeuten werden, die für diesen Beruf in jeder Hinsicht auch geeignet sind.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

@Informationen, Literatur und Links der APA für Ausbilder und Ausbildungskandidaten: http://www.apa.org/ed/graduate/competency-resources.aspx

1.
Elman N, Forrest L: Psychotherapy
in the remediation of psychology trainees. Professional Psychology 2004; 35(2): 123–30.
2.
Johnson WB, Campbell C, Kupko E,
Porter K: Character and fitness requirements for professional psychologists.
Professional Psychology 2005; 36(6): 654–62.
3.
Nodop S, Strauß B: Mangelnde Eignung
bei angehenden Psychotherapeuten.
Psychotherapeut 2013; 58(5): 446–54.
1.Elman N, Forrest L: Psychotherapy
in the remediation of psychology trainees. Professional Psychology 2004; 35(2): 123–30.
2.Johnson WB, Campbell C, Kupko E,
Porter K: Character and fitness requirements for professional psychologists.
Professional Psychology 2005; 36(6): 654–62.
3.Nodop S, Strauß B: Mangelnde Eignung
bei angehenden Psychotherapeuten.
Psychotherapeut 2013; 58(5): 446–54.

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