ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2013Buenos Aires: Kopftücher gegen das Vergessen

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Buenos Aires: Kopftücher gegen das Vergessen

PP 12, Ausgabe Dezember 2013, Seite 552

Kattermann, Vera

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In Argentinien ringt die öffentliche Auseinandersetzung noch immer um die Verarbeitung der blutigen Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Gedenkorte in Buenos Aires geben Auskunft über die jüngste Vergangenheitsarbeit der Gesellschaft.

Die „Madres de la Plaza de Mayo“ setzen sich bis heute vehement für die Strafverfolgung der Täter und für Aufklärung und Gedenken an ihre ermordeten Söhne und Töchter ein. Fotos: dpa
Die „Madres de la Plaza de Mayo“ setzen sich bis heute vehement für die Strafverfolgung der Täter und für Aufklärung und Gedenken an ihre ermordeten Söhne und Töchter ein. Fotos: dpa

Buenos Aires, die Hauptstadt Argentiniens, ist auch eine der unangefochtenen Hauptstädte der Psychoanalyse: Neben New York und Berlin arbeiten wohl in keiner anderen Stadt der Welt eine solche Vielzahl an Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern und nirgends sonst herrscht eine solche Begeisterung für die psychoanalytische Methode (siehe auch „Nationale Begeisterung für Psychotherapie“ PP, Heft 4/2008). Heilung durch Erinnerung – der Kerngedanke Freuds und etwas salopp formuliert der ideengeschichtliche Exportschlager des 21. Jahrhunderts – ist auch in der argentinischen Gesellschaft ein aktuelles Thema. Denn noch immer ringt die öffentliche Auseinandersetzung um die Verarbeitung der blutigen Militärdiktatur von 1976 bis 1983.

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Sieben Jahre Diktatur sind keine Ewigkeit (erst recht aus deutscher Perspektive nicht), aber der Riss durch die Gesellschaft sitzt auch 30 Jahre nach ihrem Ende tief. Die rigorose Verfolgung, Folterung und Ermordung Andersdenkender (es genügte, die falschen Bücher im Schrank stehen zu haben) hinterließ Narben kollektiver Traumatisierung, spaltet die Gesellschaft in Ankläger und Beschwichtiger der Diktatur und fordert Antworten – politische wie kulturelle.

Kollektives Erinnern

Und wenn nun ganze Nationen die Patienten wären? Geht es um die traumatische Geschichte von Kollektiven, stellt sich die Frage, wie Heilung gelingen kann, noch einmal neu. Denn hier fehlt ja der geschützte Rahmen einer Therapie. Und wie erinnern sich Kollektive überhaupt? Die vielleicht althergebrachteste Form kollektiven Erinnerns materialisiert sich in der öffentlichen Gedenkkultur einer Nation. Gedenkstätten und Mahnmale markieren historische Orte kollektiver Verbrechen, noch mehr als das aber markieren sie öffentliche Diskussionsprozesse. Denn im Streit über die konzeptionelle und inhaltliche Gestaltung der Erinnerungsorte ist eine Integration konträrer Perspektiven zwingend notwendig, der Dialog Voraussetzung. Das öffentliche Ringen um Entwurf und Gestaltung öffentlicher Gedenkstätten erfordert einen gesellschaftlichen Minimalkonsens über die Interpretation der Vergangenheit, die Diskussion darüber ist Teil der gesellschaftlichen Heilung. Insofern macht eine Spurensuche in Buenos Aires neugierig: Was erzählen die Gedenkorte über die jüngste Vergangenheitsarbeit der argentinischen Gesellschaft?

Memoria – Verdad – Justicia (Erinnerung – Wahrheit – Gerechtigkeit) prangt in großen Lettern über einer sandigen Ausgrabungs- und Gedenkstätte, die an politisch verfolgte Inhaftierte der Militärdiktatur erinnert. Ihr Standort – etwas skurril an einer dunklen Unterführung der Stadtautobahn gelegen – markiert eines der fünfhundert Folterzentren im Land. Bis zu seinem Abriss 1977 stand hier ein Geheimgefängnis, in dem etwa 1 500 Menschen inhaftiert waren. In den wenigen Zellen, Folterzimmern und Wachräumen wurden neben den körperlichen Misshandlungen vor allem auch die sadistischen Haftbedingungen selbst als quälend erlebt – die Überlebenden sprechen davon bis heute. Ein Großteil der Gefangenen hat die Qualen nicht überlebt und gilt bis heute, zusammen mit insgesamt 30 000 „Disaparecidos“ als „verschwunden“.

Mit ihren weißen Kopftüchern als Erkennungszeichen setzten sich die Madres selbst während der Militärdiktatur der politischen Verfolgung aus – und erlitten sie auch.
Mit ihren weißen Kopftüchern als Erkennungszeichen setzten sich die Madres selbst während der Militärdiktatur der politischen Verfolgung aus – und erlitten sie auch.
An diesem Mahnmal im grauen Sand unter der Stadtautobahn werden auch Ausgrabungen durchgeführt: 50 Prozent der ehemaligen Kellerräume konnten rekonstruiert werden, Einritzungen der Gefangenen und Alltagsgegenstände aus der Zeit werden fast reliquiengleich herauspräpariert. Darin zeigt sich, wie sehr die Angehörigen der Verfolgten unter der Ungewissheit über das Schicksal ihrer Nächsten leiden.

Geheime Folterzentren

Die Repression im Buenos Aires der Militärdiktatur bündelte sich in über fünfzig dieser geheimen Folterzentren, teilweise waren sie als Autowerkstätten oder Polizeidienststellen getarnt und bis heute wird darum gerungen, die hier ausgeübten Verbrechen zu thematisieren und auszuweisen. Es scheint schwer vorstellbar, wie diese geheimen Folterzentren angesichts einer solch hohen Zahl an Verfolgten unbemerkt funktionieren konnten. Oder wurden sie durchaus bemerkt und sicherte gerade dies die Effizienz der Repression?

Die Madres de la Plaza de Mayo kämpfen bis heute gegen das gesellschaftliche Vergessen und setzen sich vehement für die Strafverfolgung der Täter und für Aufklärung und Gedenken ein. Diese Vereinigung von Müttern beeindruckt durch ihre bedingungslose Unerschrockenheit. Als Kämpferinnen der ersten Stunde demonstrierten sie während der Militärdiktatur jeden Donnerstag für die Aufklärung über den Verbleib ihrer politisch verfolgten Töchter und Söhne – und haben diese Tradition bis heute aufrecht erhalten. Mit ihren weißen Kopftüchern als Erkennungszeichen setzten sie sich während der Diktatur selbst der politischen Verfolgung aus – und erlitten sie auch. Einige von ihnen wurden tatsächlich rigoros verfolgt, gefoltert und ermordet. Als Gemeinschaft, die ständig wuchs, ließen sich die Frauen trotzdem nicht beirren. Es war ein weiblicher Kampf und gerade als Mütter erkämpften sich die Madres bei den Argentiniern nachhaltigen Respekt, letztlich einen ikonenhaft anmutenden Platz im öffentlichen Bewusstsein.

Ihre vielleicht größte Errungenschaft liegt in der baulichen Umwidmung des zentralen Orts der Verbrechen: die frühere Marineschule, Escuela de Mecanica de la Armada (ESMA). Hier liefen die Fäden der Repression zusammen, hier wurden die Geheimpolizisten ausgebildet und geschult, auch ganz praktisch in den geheimen Folterkellern. Nach der Diktatur vom Abriss und damit dem Vergessen bedroht, wurde sie nach zehn Jahren langem politischen Tauziehen und durch massiven Druck der Madres und verschiedener Nachfolgevereinigungen zur zentralen Gedenk- und Erinnerungsstätte umgestaltet. Ein eindrucksvolles Ensemble aus insgesamt 35 Gebäuden in kolonialer Architektur. Verschiedene Ausstellungen zur Geschichte der ESMA vor und während des Terrors informieren die Besucher über die politischen Hintergründe dieses Ortes. Das ebenfalls dort angesiedelte Archivo Nacional de la Memoria sammelt die historischen Dokumente und juristischen Unterlagen in Bezug auf die Verbrechen der Diktatur – der Zugang ist jedoch nur nach Anmeldung möglich. Ein Kulturzentrum organisiert Ausstellungen, Lesungen, Workshops, Kino- und Diskussionsabende. Es ist ein nach außen hin ruhiges Gelände, das fast romantisch verlassen wirkt. Alte Bäume fächeln Stille. Nur das Wissen um die brutalen Folterungen, die hier sowohl geplant als auch ausgeübt wurden, läuft als innerer Schatten mit. Etwa 5 000 Menschen aus ganz Argentinien wurden in der ESMA festgehalten, gefoltert und ermordet – übrigens auch 1978, als in unmittelbarer Nähe die Fußballweltmeisterschaft ausgetragen wurde. Von hier aus wurden auch die etwa 500 heimlichen Folterzentren im ganzen Land koordiniert. Die Madres de la Plaza de Mayo und andere Vereinigungen haben heute eigene Räume auf dem Gelände, hier finden zum Beispiel auch Workshops für Hinterbliebene statt. Ein riesiges Monument in Form eines weißen Kopftuchs, dem Symbol der Madres, mit darauf angebrachten Fotos aller politischen Opfer, markiert den erinnerungspolitischen Sieg.

Kampf gegen Straflosigkeit

Die verantwortlichen Täter wollten und wollen – wie überall auf der Welt – vergessen. Die Erinnerungspolitik nach dem Terrorregime, die zunächst von Präsident Alfonsin und später von Präsident Menem vertreten wurde, folgte einem bizarren Zick-Zack-Kurs. Eine Wahrheitskommission unter Ernesto Sabato klärte zentrale Verbrechen ansatzweise auf und begann mit der juristischen Bestrafung politisch Verantwortlicher. Als diese jedoch mit markanten Drohgebärden protestierten, ersetzte eine Schlussstrich- und Begnadigungspolitik den Aufklärungswillen der ersten Jahre. Die jahrzehntelange Straflosigkeit bewirkte eine Art gesellschaftliche Daueranästhesie. Erst seit 2003 hat nach anhaltendem und vehementem Einsatz der Opferverbände die Aufklärung, Erinnerung und Strafverfolgung wieder eingesetzt und sogar der Militärdikator selbst, Jorge Videla, wurde seitdem für die von ihm verantworteten Verbrechen belangt. Staaten suchen unterschiedliche Wege für die Aufarbeitung politischer Gewalt und für den Umgang mit den verantwortlichen Tätern: Südafrika, Serbien, Ruanda, Spanien – die Zugänge unterscheiden sich, setzen verschiedene Akzente, Patentmodelle fehlen. Und sie fehlen logischerweise, denn Erinnerungspolitik gründet nicht nur auf Konzepten, sondern auch auf kulturellen Praktiken und Gewohnheiten, sicherlich auch auf dem kulturellem Unbewussten.

Unbeirrbare Beharrlichkeit

Das Beispiel Argentinien beeindruckt nicht mit konsequent-beherztem Vorgehen, eher durch seine chronisch-unbeirrbare Beharrlichkeit in der Aufarbeitung, trotz der politischen Hakenschläge. Die Madres de la Plaza de Mayo haben diese Beharrlichkeit von der ersten Stunde an gezeigt: aus dem Kampf um Information und Aufklärung wurde der Kampf gegen die Straflosigkeit. Die nachdrückliche Forderung nach öffentlicher Auseinandersetzung hat kontroverse Diskussionen in der argentinischen Gesellschaft angeregt. Die laufenden Strafverfahren werden in den Medien aufbereitet und tragen über die Fernsehnachrichten die Diskussion über die kollektive Vergangenheit direkt an den Abendbrottisch. Insgesamt wurden in den letzten Jahren über 170 für Folterungen und Ermordungen verantwortliche einstige Täter aus den mittleren und höheren Rängen der Befehlsketten verurteilt. Das ist nicht viel angesichts der weitaus höheren Zahl der Täter. Es ist aber viel angesichts des vehementen Widerstands, den gerade politische Täter überall auf der Welt der juristischen Aufarbeitung entgegensetzen. Die Madres haben dafür gesorgt, dass die Spuren der traumatischen Vergangenheit im Stadtbild sichtbar bleiben. Und sie werden ihre Forderungen nach Auseinandersetzung mit der Geschichte weiterhin lautstark stellen.

Dr. phil. Vera Kattermann

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