ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2013Bundeswehrsoldaten: Besseres Screening

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Bundeswehrsoldaten: Besseres Screening

PP 12, Ausgabe Dezember 2013, Seite 554

Hillienhof, Arne; Bühring, Petra

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Psychische Störungen bei Bundeswehrsoldaten werden häufig nicht erkannt. Dies besagt eine Studie der Technischen Universität Dresden.

Bundeswehrsoldaten benötigen vor Auslandseinsätzen eine gründlichere ärztliche Untersuchung. Damit sollten vor allem psychische Vorerkrankungen entdeckt werden, heißt es in einer Studie des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität (TU) Dresden, die am 26. November vorgestellt wurde.

Unter dem Titel „Prävalenz, Inzidenz und Determinanten von traumatischen Ereignissen, posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und anderen psychischen Störungen bei Soldaten mit und ohne Auslandseinsatz“ hatte ein Psychologenteam der TU bereits 2011 eine Querschnittsstudie mit Soldaten abgeschlossen, die in Afghanistan im Einsatz waren. Nun liegen die Ergebnisse einer Längsschnittstudie vor, die Soldaten unmittelbar vor und durchschnittlich zwölf Monate nach der Einsatzrückkehr untersucht hat. Danach ist die Verbreitung von PTBS geringer als bislang gedacht. „Bei Anlegen gleicher methodischer Standards sind die PTBS-Raten der deutschen Soldaten etwas, aber nicht bedeutsam niedriger als bei britischen, jedoch gravierend niedriger als bei US-amerikanischen Soldaten, die im Irak oder in Afghanistan im Einsatz waren“, so lauten die Erkenntnisse der Forscher um den Institutsleiter Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen.

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Hohe Belastungen

Wesentlich unterschätzt hingegen sei bislang das Risiko anderer psychischer Störungen. Die Soldaten seien bei den Einsätzen hohen Belastungen ausgesetzt, die das Ersterkrankungsrisiko für Angststörungen sowie den Beginn einer Alkoholabhängigkeit offenbar massiv erhöhten. Zudem hätten Soldaten mit einer Vorgeschichte an affektiven Störungen ein erhöhtes Risiko, wiederum eine depressive Episode zu erleiden.

Die Wissenschaftler der TU befragten für die Studie etwa 1 500 Soldaten mit und 900 ohne Einsatzerfahrung. Den Ergebnissen zufolge hatte jeder Vierte in seiner vier- bis sechsmonatigen Einsatzzeit mindestens ein traumatisches Erlebnis. Die möglicherweise daraus resultierenden psychischen Störungen werden bei 44 Prozent nicht erkannt. Von den übrigen 56 Prozent wurden nur 18 Prozent zumindest teilweise therapiert. 2,9 Prozent der Soldaten, die aus dem Auslandseinsatz zurückkehren, erkranken laut Studie an PTBS. 3,6 Prozent bekommen Angststörungen sowie 1,8 Prozent Depressionen und 1,5 Prozent ein Alkoholproblem.

Gut validierte Instrumente

Einsatzbezogene psychische Störungen würden nicht hinreichend frühzeitig erkannt, selten diagnostiziert und noch seltener behandelt. „Für die Bundeswehr ergibt sich daraus die Herausforderung eines verbesserten klinisch-diagnostischen Screenings vor Einsätzen“, so die Wissenschaftler.

Hierfür lägen gut validierte Instrumente wie zum Beispiel die CIDI-Screening Skalen (Composite International Diagnostic Interview) vor, erklärt der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, Prof. Dr. Rainer Richter. Erst bei auffälligen Werten müsse dann ein Gespräch bei einem Facharzt oder Psychotherapeuten erfolgen. „Psychische Erkrankungen sind gut behandelbar“, so Richter. „Es spricht also nichts dagegen, dass ein erfolgreich behandelter Soldat seinen Dienst weiter fortsetzt – und auch an Auslandeinsätzen teilnimmt.“

Arne Hillienhof, Petra Bühring

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