ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2013Soziale Neurowissenschaft: Vergnügliche Unterhaltung mit rigoroser Polemik

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Soziale Neurowissenschaft: Vergnügliche Unterhaltung mit rigoroser Polemik

PP 12, Ausgabe Dezember 2013, Seite 570

Kattermann, Vera

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Die Hirnforschung scheint es zu belegen: Soziale Ablehnung wird schmerzhaft wahrgenommen und dies nicht nur auf seelischer Ebene, sondern auch durch Aktivierung des Schmerzzentrums im Gehirn, das für die Empfindung körperlicher Schmerzen zuständig ist. Umgekehrt mindern Zuneigung, soziale Unterstützung und Gruppenzugehörigkeit die neuronalen und psychologischen Auswirkungen von sozialem ebenso wie von physischem Schmerz. Was entwicklungsgeschichtlich im Sinne der Sicherung des Überlebens nur folgerichtig scheint, erklärt den engen Zusammenhang von Depressionen, die quasi immer mit sozialem Rückzug einhergehen, mit Schmerzerkrankungen. Und es ist spannend, dass sich diese Effekte ganz besonders in der Adoleszenz nachweisen lassen, innerhalb derer die Empfindlichkeit gegenüber sozialem Ausschluss besonders hoch zu sein scheint.

Es ist das Verdienst von Manfred Spitzer, diese und andere aufregende Erkenntnisse der Hirnforschung anschaulich und gut verständlich zu beschreiben und so die oft etwas trockene Materie bekömmlich und lesevergnüglich aufzubereiten. Andere Kapitel seines Buches diskutieren etwa hirnphysiologische Dimensionen der Korruption, wie Improvisieren gelernt wird oder – für Therapeuten eine essenzielle Frage – ob und wie pathologische und pathogene Gedächtnisspuren gelöscht werden können – ein vielfältiger, unterhaltsamer und spannender Einblick in die soziale Neurowissenschaft.

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Problematisch wird das Buch aber da, wo es um Spitzers rigorose Polemik gegen die Nutzung des Internets geht. Im Kapitel etwa, das der Frage nachgeht, inwiefern Facebook-Nutzung die soziale Kompetenz steigert, gewinnt man als Leser den Eindruck, der Beweis eines negativen Einflusses vor allem auf Kinder und Jugendliche müsse doch sehr vehement zusammengezimmert worden sein. Notwendige Nuancen und Schattierungen einer zweifelsfrei komplexen Thematik scheinen hier zugunsten einer einfachen Schwarz-Weiß-Malerei aufgehoben – und dieser Eindruck verstärkt sich in den vielen anderen Kapiteln, die sich mit der Computernutzung beschäftigen. Spitzer stilisiert sich hier als Künder einer unwillkommenen Wahrheit, der hierfür allgemeine Diskriminierung erfährt, doch wünscht man sich als Leser eigentlich nur eine differenziertere Argumentation.

Einen Ausweg aus dem Dilemma mag hier die Einsicht bieten, dass die Neurowissenschaft zwar eine scheinbar unhinterfragbare Objektivitätsautorität genießt, letztlich aber auf vielfach vagen Interpretationen relativ manipulierbaren Datenmaterials beruht. Felix Hasler hat dies im Buch „Neuromythologie“ jüngst eindrucksvoll diskutiert. So darf man Spitzers Buch insgesamt mit einer freudigen Gelassenheit lesen, die nicht nach Wahrheiten, sondern nach Unterhaltung sucht, die dann zum Selbstdenken und Hinterfragen anregt. Vera Kattermann

Manfred Spitzer: Das (un)soziale Gehirn. Wie wir imitieren, kommunizieren und korrumpieren. Schattauer, Stuttgart 2013, 284 Seiten, kartoniert, 19,99 Euro

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