ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2013Nierenfunktion und kardiovaskuläre Risiken: Cystatin C besser als Kreatinin für die Risikobewertung

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Nierenfunktion und kardiovaskuläre Risiken: Cystatin C besser als Kreatinin für die Risikobewertung

Dtsch Arztebl 2013; 110(50): A-2427 / B-2138 / C-2060

Heinzl, Susanne

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Die Prävalenz chronischer Nierenerkrankungen (CKD) bei Erwachsenen wird auf 10 bis 15 % geschätzt. In der Risikogruppe der älteren Menschen ist das übliche Kreatinin-basierte Verfahren zur Schätzung der glomerulären Filtrationsrate (eGFR) wenig zuverlässig: der Biomarker wird von Alter, Geschlecht und Muskelmasse beeinflusst. Daher untersuchte eine internationale Forschergruppe in einer Metaanalyse, ob sich über eine Cystatin-C-Bestimmung die Diagnostik von CKD verbessern lässt. „Bei Patienten mit einer CKD sind die Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen dramatisch erhöht“, erläutert Prof. Dr. med. Mark Dominik Alscher, Ärztlicher Direktor der Robert-Bosch-Krankenhaus GmbH in Stuttgart. „Wir benötigen eine präzise Risikostratifizierung.“

In verschiedenen Studien war gezeigt worden, dass Cystatin C ein empfindlicherer Marker für die GFR ist als Kreatinin. Allerdings gab es lange weder Referenzstandards für Cystatin C, um die Messungen zu kalibrieren, noch Cystatin-C-basierte Formeln, die aus einer Population mit einer breiten Spanne der Nierenfunktion abgeleitet worden sind. Vor kurzem wurden nun internationale Referenzstandards für Cystatin C eingeführt und und optimierte Formeln zur Berechnung der GFR publiziert. Dies veranlasste das Chronic Kidney Disease Prognosis Consortium (CKD-PC) zu einer Metaanalyse mit 16 Studien: fünf Kohortenstudien mit 2 960 nierenkranken Patienten und elf Untersuchungen in der Allgemeinbevölkerung mit 90 750 Personen. Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen einer GFR, die auf Basis der Cystatin-C- und/oder der Kreatinin-Werte berechnet wurde, und der Gesamtsterblichkeit, der kardiovaskulären Sterblichkeit und der Häufigkeit einer terminalen Nierenerkrankung. In den Kohorten der Allgemeinbevölkerung gab es bei Cystatin-C-basierter GFR-Berechnung häufiger einen Wert unter 60 ml/min auf als bei Kreatinin-basierter Berechnung (13,7 % versus 9,7 %). Die auf Cystatin C oder auf der Kombination von Cystatin C und Kreatinin basierte berechnete GFR ergab eine lineare Beziehung zum Sterberisiko, nicht aber die ausschließlich auf dem Kreatinin-Wert basierende GFR-Berechnung.

Eine aufgrund der Cystatin-C-Bestimmung errechnete höhere GFR ging mit einem geringeren Letalitätsrisiko und einem geringeren Risiko für terminale Niereninsuffizienz einher. Bei 42 % der Studienteilnehmer mit einer Kreatinin-basierten GFR von 45 bis 59 ml/min lag die mit Cystatin-C bestimmte GFR über 60 ml/min. Bei diesen neu klassifizierten Patienten war das Letalitätsrisiko um 34 % reduziert. Kamen die Teilnehmer aufgrund der Cystatin-Messung in eine niedrigere GFR-Kategorie, ging dies mit einer Erhöhung des Letalitätsrisikos einher.

Risiko für Tod jeglicher Ursache in Abhängigkeit von der auf drei verschiedenen Verfahren basierenden Schätzung der glomerulären Filtrationsrate (Adjustierte Hazard Ratio)
Risiko für Tod jeglicher Ursache in Abhängigkeit von der auf drei verschiedenen Verfahren basierenden Schätzung der glomerulären Filtrationsrate (Adjustierte Hazard Ratio)
Grafik
Risiko für Tod jeglicher Ursache in Abhängigkeit von der auf drei verschiedenen Verfahren basierenden Schätzung der glomerulären Filtrationsrate (Adjustierte Hazard Ratio)

Fazit: „Die Studiendaten zeigen, dass Cystatin C alleine oder in Kombination mit Kreatinin die Risikostratifizierung deutlich verbessert“, kommentiert Alscher. „Es ist zu wünschen, dass präzise Bestimmungen der Nierenfunktion für die Ärzte den gleichen Stellenwert wie die Cholesterinwerte einnehmen.“ Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

  1. Shlipak MG, et al.: Cystatin C versus creatinine in determining risk based on kidney function. NEJM 2013; 369: 932–43. MEDLINE
  2. Ingelfinger JR, et al.: Estimated GFR and risk of death—is cystatin C useful? NEJM 2013; 369: 974–5. MEDLINE
Risiko für Tod jeglicher Ursache in Abhängigkeit von der auf drei verschiedenen Verfahren basierenden Schätzung der glomerulären Filtrationsrate (Adjustierte Hazard Ratio)
Risiko für Tod jeglicher Ursache in Abhängigkeit von der auf drei verschiedenen Verfahren basierenden Schätzung der glomerulären Filtrationsrate (Adjustierte Hazard Ratio)
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Risiko für Tod jeglicher Ursache in Abhängigkeit von der auf drei verschiedenen Verfahren basierenden Schätzung der glomerulären Filtrationsrate (Adjustierte Hazard Ratio)

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