ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2013Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Schule: „Die Schule der Zukunft ist bunt“

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Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Schule: „Die Schule der Zukunft ist bunt“

Dtsch Arztebl 2013; 110(50): A-2442 / B-2150

Bühring, Petra

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Jugendliche des Netzwerkes für junge Lesben und Schwule (Lambda) Berlin-Brandenburg e.V. wollen mit der Kampagne queer@ school Homophobie entgegenwirken. Foto: queer@school
Jugendliche des Netzwerkes für junge Lesben und Schwule (Lambda) Berlin-Brandenburg e.V. wollen mit der Kampagne queer@ school Homophobie entgegenwirken. Foto: queer@school

Eine Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung warb für mehr Toleranz gegenüber schwulen, lesbischen, trans- und intersexuellen Lebensweisen an Schulen.

Eigentlich muss man sich nicht wundern, dass sich weder Schüler noch Lehrer outen, wenn sie homosexuell sind, und dass sie ihre Persönlichkeit in der Schule eher nicht entfalten. Dort kursierende Äußerungen wie: „Sieht das schwul aus“, „du Schwuchtel“, „Tunte“ oder „Kampflesbe“ sorgen nicht nur für ein repressives Klima, sondern fördern auch Mobbing an der Schule aufgrund der sexuellen Identität. Tatsächlich sind homosexuelle Jugendliche zu 30 Prozent häufiger von Mobbing betroffen als andere Jugendliche (Gruber & Fineran 2008).

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Die Friedrich-Ebert-Stiftung wollte mit der Veranstaltung „...und das ist auch gut so – sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Schule“, die Ende Oktober in Berlin stattfand, auf Handlungsbedarf hinweisen. Schüler, Lehrer, Eltern, Mitarbeiter von Schulverwaltungen und Politiker sind aufgefordert, sich für eine „Sichtbarmachung von vielfältigen Lebensweisen und für ein tolerantes und respektvolles Miteinander einzusetzen“. Je mehr Jugendliche über das Leben von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen (LSBTI) wüssten, desto eher könne ein demokratisches Bewusstsein geschult und Homophobie entgegengewirkt werden, so die These der Veranstaltung.

Kaum Sanktionen

Einer Umfrage an Berliner Schulen zur Akzeptanz von sexueller Vielfalt zufolge interveniert nur jede 20. Lehrkraft bei homophobem Verhalten von Schülern (Klocke, 2012). Darauf wies Conny Kempe-Schälicke von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft hin, die dort die Initiative „Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“ koordiniert. „Beschimpfung, Mobbing und Ausgrenzung ist Alltag an Berliner Schulen, schon an den Grundschulen, aber es wird kaum sanktioniert“, berichtet die Referentin. Dabei fühlen sich der Klocke-Studie zufolge in den 9. und 10. Klassen zehn Prozent der Schüler zum gleichen Geschlecht hingezogen. Doch LSBTI-Lebensweisen seien meist nicht sichtbar, „und die Lehrer verstecken sich dahinter“, sagt Kempe-Schälicke. Das Thema komme bislang nicht in Schulbüchern vor, werde im Unterricht kaum angesprochen. Der Rahmenplan zur Sexualerziehung, der dies eigentlich vorgibt, ist der Studie zufolge nur 33 Prozent der Lehrer bekannt, ganze fünf Prozent konnten die Vorgaben inhaltlich benennen. Das Gros der Lehrer gebe oftmals sogar Heterosexualität vor, selbst wenn sie in homosexuellen Beziehungen lebten.

Gegen Homophobie an Schulen helfen vielfältige Maßnahmen, die auf Engagement und Mut setzen. „Die Lehrer müssen sich selbst outen“, fordert Kempe-Schälicke. Bei diskriminierenden Äußerungen von Schülern sollten Lehrer sofort intervenieren. Alles andere sei „unterlassene Hilfeleistung“. Sichtbarkeit herstellen sei wichtig, zum Beispiel Plakate aufhängen wie sie queer@school zur Verfügung stellt, das „Demokratieprojekt“ des Jugendnetzwerk für junge Lesben und Schwule (Lambda) Berlin-Brandenburg e.V.. Im Rahmen von Sexualerziehung, beispielsweise im Ethikunterricht, sollten LSBTI-Lebensweisen kein Sonderthema sein, sondern „Bestandteil von Vielfalt“, forderte die Referentin.

Integration in alle Fächer

„In der Lehrerausbildung gibt es für das Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt noch keinen systematischen Ort“, sagte Prof. Dr. Martin Lücke von der Freien Universität (FU) Berlin, Didaktik der Geschichte, Diversitäts- und Intersektionalitätsstudien. Er plädierte dafür, das Thema in alle Fächer zu integrieren, nicht nur in die Sexualerziehung. „Das ist sicherlich eine Herausforderung für die pädagogische Praxis.“ So könne das Thema auch zum Beispiel in das Fach Geschichte integriert werden, betonte der Historiker. Das Webportal www.queerhistory.de stelle Unterrichtseinheiten und multimediale Lernangebote zu Themen „queerer Geschichte“ im 20. Jahrhundert bereit, erarbeitet von Studierenden der FU. Zum Beispiel eine Oberstufenunterrichtseinheit über „Homosexualität in der DDR“, oder einen Audio-Stadtrundgang zu schwul-lesbischem Leben im Berliner Schöneberg der 20er Jahre.

„Ich möchte mich mit meiner Persönlichkeit frei entfalten können“, sagte ein Schüler bei der Veranstaltung. Und: „Die Schule der Zukunft ist bunt.“

Petra Bühring

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