ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2013Arzt-Patient: Das Hamsterrad
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Sonia Mikichs berichtete Anmerkungen zum deutschen Gesundheitswesen sind berechtigt – und sie treffen auch für den ambulanten Sektor zu. Dabei sind diese Erkenntnisse alles andere als neu. Es ist beinahe schon peinlich, nach den Bestrebungen einer integrativen, klientenorientierten Medizin, dem erwarteten (und ausgebliebenen) Paradigmenwechsel der späten 80er Jahre, erneut an Michael Balint erinnern zu müssen: Verzettelung der Verantwortung, Spezialistentum, diagnostische Routinen und „clinical pathways“, die Segnungen der sogenannten „evidenzbasierten“ (ein Unwort, gemeint ist: „beweisorientierten“ Medizin) haben im Rahmen der an diesen „Werten“ orientierten Öko­nomi­sierung den Betroffenen und seinen Arzt (oder die Betroffene und ihre Ärztin) in eine ebenso einfache wie absurde Lage manövriert: Wenn ich mich kurz fasse, den Betroffenen nach Medizinerart auf Expertenebene abhandle, mich an die Studienlage, die Leitlinien und dabei auch noch an die ökonomischen Vorgaben (also DRGs in der Klinik, Budgets, Rabattverträge und Heilmittelrichtlinien in der Praxis) halte, dann betreibe ich die Sorte Medizin, die politisch gewollt ist. – Wenn ich mich hingegen verantwortlich fühle (für die Klinik, in der ich arbeite, für die Praxis, die meine ist, für den Menschen, der vor mir sitzt – wenn ich mir die Zeit nehme, ihn in seiner Situation wahr und ernst zu nehmen; wenn ich also Sinn stifte, Verzettelung vermeide, ein gemeinsames Behandlungsziel definiere, dann über diagnostische und therapeutische Strategien einschließlich deren Vorteile und Risiken aufkläre und nicht locker lasse, bevor ein gemeinsam befürworteter Weg gefunden ist), dann kostet mich das Zeit, die nicht honoriert wird, weder im stationären noch im ambulanten Sektor. – Das ist das Hamsterrad der „modernen“ Medizin . . .

Dr. med. Jesko Matthes, 21407 Deutsch Evern

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