ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2013Psychotherapeutische Versorgung: Kassenrationierung

POLITIK: Kommentar

Psychotherapeutische Versorgung: Kassenrationierung

Dtsch Arztebl 2013; 110(50): A-2413 / B-2127 / C-2049

Bühring, Petra

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Die ambulante Psychotherapie sei ein Versorgungsbereich, der mit dem Trinken einer Flasche Bier nicht zu lösen sei – es habe sich gelohnt, ein Positionspapier zur Reform zu erarbeiten, hieß es bei der Sitzung des Verwaltungsrates des GKV-Spitzenverbandes Ende November in Berlin. Inzwischen ist auch der G-BA-Vorsitzende Josef Hecken eines Besseren belehrt, der mit der Bemerkung, man brauche nicht für jeden eine Therapie, eine Flasche warmes Bier tue es manchmal auch, für Entrüstung gesorgt hatte.

Die Autoren des Positionspapiers zur „Reform des Angebots an ambulanter Psychotherapie“ gehen differenzierter an das Problem des steigenden Bedarfs an Behandlungskapazitäten für psychisch Kranke heran. Neben einigen sinnvollen Vorschlägen regt der GKV-Spitzenverband jedoch im Wesentlichen die Verkürzung von Behandlungszeiten an. Das erscheint als ein fragwürdiger Ansatz für eine langfristig bessere Versorgung, die auch zum Abbau der zunehmenden Fehlzeiten und Frühberentungen aufgrund psychischer Erkrankungen beiträgt. Grundsätzlich wollen die Krankenkassen nämlich „ausgabenneutral“ handeln.

Zu den allgemein konsentierten Vorschlägen gehört neben der weiteren Förderung der Gruppenpsychotherapie die Einführung von obligatorischen Sprechstunden bei Psychotherapeuten für eine Basisdiagnostik und Krisenintervention vor den probatorischen Sitzungen. Beides fordert ebenfalls die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK). Nach Ansicht der Kassen sollen diese Sprechstunden auch der Beratung der Patienten zu den verschiedenen Versorgungsangeboten dienen und somit „Steuerungswirkung“ entfachen, etwa das Anraten einer stationären Behandlung oder auch Angebote der Selbsthilfe. Dann sollen, falls erforderlich, drei probatorische Sitzungen folgen und zwölf Stunden Therapie – für alle Richtlinienverfahren. Anschließend ist eine Wartezeit von sechs Wochen vorgesehen, um zum zweiten Behandlungskontingent von weiteren zehn Stunden durchzudringen. In schweren Ausnahmefällen soll eine „Bypassmöglichkeit“ zur mittels Gutachterverfahren (GV) begründeten Langzeittherapie möglich sein. Die ersten 25 Stunden sind ansonsten nicht genehmigungspflichtig, das aufwendige GV entfällt – kurze Therapien werden somit besonders attraktiv. Statt Vorschläge für eine Entschlackung des GV zu machen, schlagen die Kassen den zusätzlichen Einsatz von psychometrischen Instrumenten nach jedem Behandlungskontingent vor.

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Eine grundsätzliche Wartezeit von sechs Wochen komme „einer therapeutischen Katastrophe gleich“, kritisiert die BPtK. Dass eine kontinuierliche Behandlung nur noch in Ausnahmefällen möglich sein soll, sei „fachlich und ethisch nicht zu verantworten“. Eine solche Rationierung sei bei körperlich kranken Menschen undenkbar und deshalb eine Diskriminierung psychisch Kranker.

Petra Bühring, DÄ-Redakteurin
Petra Bühring, DÄ-Redakteurin

Das Positionspapier der Kassen kann also allenfalls ein Anfang zur – notwendigen – Veränderung der psychotherapeutischen Versorgung sein, die sich auch die nächste Bundesregierung in den Koalitionsvertrag geschrieben hat: Wartezeiten reduzieren, zeitnahe Angebote für Kurzzeittherapie, Entbürokratisierung des Gutachterverfahrens, Überarbeitung der Psychotherapie-Richtlinie in einer definierten Frist, Überprüfung der Befugnisbeschränkungen für Psychotherapeuten. Es ist noch viel zu tun.

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E.Hische
am Sonntag, 26. Januar 2014, 19:34

'Der Mensch ist (k)ein Rechenschieber' (E. Jüngel)

Der instruktive Beitrag zu Psychotherapeutische Versorgung: Kassenrationierung

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