ArchivDeutsches Ärzteblatt4/1996Antidepressive Therapie: Häufig zu kurz und zu niedrig dosiert

SPEKTRUM: Akut

Antidepressive Therapie: Häufig zu kurz und zu niedrig dosiert

Blaeser-Kiel, Gabriele

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LNSLNS Sind die depressiv Kranken die Stiefkinder in unserer Gesellschaft, die durch die Maschen des Gesundheitssystems fallen? Daten, die beim SmithKline-Beecham-Satelliten-Symposium "Patients in Mind" im Rahmen des "VIIIth Congress of the European College of Neuropsychopharmacology" in Venedig vorgestellt wurden, lassen das vermuten. Die Depres-I-Studie (Depression Patient Research in European Society) bestätigte frühere Untersuchungen zur Prävalenz. 6,9 Prozent der Erwachsenen leiden an einer Major und 1,8 Prozent an einer Minor Depression, dazu kommen 8,3 Prozent mit "erträglichen" Stimmungsschwankungen. Die Zahlen wurden im Rahmen einer repräsentativen Befragung von rund 80 000 Bürgern in Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und Spanien erhoben.


Bei Hinweisen auf psychische Probleme wurde mit der modifizierten Form des Mini (Mini-International Neuropsychiatric Interview) der Schweregrad genauer spezifiziert. Die Depres-Daten decken zugleich aber auch Mängel in der medizinischen Betreuung von depressiven Patienten auf: Bei 42,5 Prozent der Befragten bestanden die Symptome länger als zwei Jahre und bei 16,6 Prozent länger als zehn Jahre. 69 Prozent der als an einer Major Depression leidend identifizierten Personen hatten aus diesem Grund einen Arzt konsultiert, und in 41 Prozent der Fälle war auch eine medikamentöse Therapie eingeleitet worden, aber nur bei 18 Prozent mit einem Antidepressivum – mit einer Bandbreite zwischen den einzelnen Ländern von 12 bis 26 Prozent, bei der Deutschland eher am unteren Ende rangiert. Als "Ersatz" war in den meisten Fällen, soweit die Befragten Angaben dazu machen konnten, ein Tranquilizer verschrieben worden.


Daß jedoch auch die Verordnung von Antidepressiva nicht unbedingt gleichzusetzen ist mit ad-äquater Behandlung, machen Ergebnisse einer Untersuchung aus Schottland deutlich. Über einen Zeitraum von dreizehn Monaten hatte man in der Region Tayside 85 631 Rezepte, die für 20 226 Patienten mit der Diagnose Depression ausgegeben worden waren, analysiert und in Relation gesetzt zu den von den wissenschaftlichen Gesellschaften empfohlenen Therapierichtlinien – ausreichend hohe Dosis über mindestens neunzig Tage. Diese Kriterien wurden nur bei einer Minderheit von Patienten erfüllt. In 95 Prozent der Fälle wurden trizyklische Antidepressiva und in 60 Prozent selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer in subtherapeutischen Dosen und/oder über einen zu kurzen Zeitraum – im Mittel dreißig Tage – verordnet.
Gabriele Blaeser-Kiel

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