ArchivDeutsches Ärzteblatt20/1996Kirchen nehmen Stellung zur Sterbehilfe: Absage an aktive Euthanasie

POLITIK: Leitartikel

Kirchen nehmen Stellung zur Sterbehilfe: Absage an aktive Euthanasie

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Die katholische und die evangelische Kirche haben sich gemeinsam gegen jede Form von aktiver Sterbehilfe gewandt. In einer Schrift mit dem Titel "Im Sterben: Umfangen vom Leben" sprechen sich die Kirchen für eine "Begleitung Schwerkranker und Sterbender als eine christliche und menschliche Aufgabe" aus. Leitlinien zur ärztlichen Begleitung Sterbender wurden auch beim diesjährigen Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie vorgestellt.


Heutzutage forderten "immer mehr Menschen und auch Organisationen: Wenn das Leiden eines Sterbenden unerträglich ist, sollte aktive Sterbehilfe erlaubt werden", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Karl Lehmann, in Bonn. Es solle eine Lebensverlängerung vermieden werden, welche die Menschenwürde bedroht. Gerade die Möglichkeiten der modernen Medizin trügen wesentlich zu einer unnötigen Verlängerung des Leidens bei. Und mit dieser Forderung eines "menschenwürdigen Sterbens" verbinde sich oft gleichzeitig die Forderung nach einer individuellen Selbstbestimmung über das eigene Leben und den eigenen Tod.


Schmerztherapie
Anlaß zur Sorge besteht für die Kirchen wohl auch deshalb, weil in den Niederlanden Ärzte, die aktive Sterbehilfe leisten, unter bestimmten Voraussetzungen straffrei ausgehen. "Die Stellungnahme der Kirchen ist schließlich auch ein Beitrag in dem Streit um die Thesen des australischen Ethikers Peter Singer", stellte der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Dr. Klaus Engelhardt, fest: "Singer und alle, die ihm folgen, öffnen – auch wenn sie es nicht wollen – mit der Befürwortung der aktiven Beendigung von menschlichem Leben in einzelnen Fällen die Büchse der Pandora."
Die Ablehnung aktiver Sterbehilfe wurde von Bischof Lehmann begründet:
1 Die Bitte um aktive Sterbehilfe gründe oft in der Angst vor unnötigen Schmerzen. "Demgegen-über ist zu erwidern, daß die moderne Schmerztherapie eine weitgehende Schmerzlinderung möglich macht. Die Kirchen fordern, daß dieses Wissen unter den Ärzten noch stärker als bisher verbreitet wird."
1 Das deutsche Recht verbiete es dem Arzt, das Leben eines Todgeweihten durch aktives Eingreifen gezielt zu verkürzen. Grundlage des Vertrauensverhältnisses von Arzt und Patient sei seit jeher der ärztliche Auftrag, menschlichem Leben nicht zu schaden, sondern es zu erhalten und zu fördern.
1 Es bestehe außerdem die Gefahr, daß eine Rechtsordnung, die aktive Sterbehilfe zuließe, den Lebensschutz zum Schaden aller mindert und Schleusen zur Vernichtung angeblich sinnlosen oder unnützen Lebens öffne.
1 Der Ruf nach dem erlösenden Tod sei oftmals ein "Schrei nach Nähe und Begleitung sowie die Bitte, nicht allein gelassen zu werden".
Ethisch verantwortlich und rechtlich unbedenklich seien die passive und die indirekte Sterbehilfe. Passive Sterbehilfe ist nach Definition der Kirchen "der Verzicht auf eine lebensverlängernde Behandlung bei einem unheilbar Kranken, dessen Tod bald zu erwarten ist. Sie setzt die Zustimmung des Patienten voraus". Indirekte Sterbehilfe werde geleistet, "wenn tödlich Kranken ärztlich verordnete schmerzlindernde Medikamente gegeben werden, die als unbeabsichtigte, aber unvermeidbare Nebenfolge den Todeseintritt beschleunigen können".
Ausdrücklich gewürdigt wurde von den Kirchen das Engagement der Hospize. Im Mittelpunkt der Hospizidee stehe die persönliche Zuwendung zum Patienten, so Landesbischof Engelhardt.


Wille des Patienten
In der Leitlinie zur ärztlichen Begleitung Sterbender widmet sich die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie ebenfalls ausführlich der Notwendigkeit einer menschlichen Zuwendung zum Patienten und der Linderung von Beschwerden während des Sterbevorgangs. Der Entwurf der Chirurgen betont zwar ausdrücklich, daß auch Behandlungsbegrenzung zum ärztlichen Auftrag gehören kann. Eine Entscheidung darüber müsse streng individuell und für die jeweils gegebene Situation getroffen werden. Besondere Bedeutung mißt der Entwurf in diesem Zusammenhang dem Willen der Patienten bei. Der Arzt sei verpflichtet, den Willen beziehungsweise den mutmaßlichen Willen des Patienten für die gegebene Situation festzustellen. Therapiebegrenzung habe, so die Leitlinie, das Ziel, einem Patienten Belastungen durch eine spezielle Therapiemaßnahme zu ersparen, wenn diese für seine individuelle Situation keine Hilfe bringt.
Auf der anderen Seite grenzen sich die Chirurgen ebenso wie die Kirchen deutlich von jeglicher Form aktiver Euthanasie ab. Sie betonen, daß Hilfen zur Selbsttötung und intendierte Tötung generell nicht zur "ärztlichen Sterbebegleitung" und nicht zum ärztlichen Behandlungsauftrag gehören. Gisela Klinkhammer

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