ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2013Umgang mit schweren Behandlungsverläufen: Strukturierte Hilfe in der Not

THEMEN DER ZEIT

Umgang mit schweren Behandlungsverläufen: Strukturierte Hilfe in der Not

Dtsch Arztebl 2013; 110(51-52): A-2474 / B-2179 / C-2097

Flintrop, Jens

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Die Fachgesellschaft und der Berufsverband der Anästhesisten veröffentlichen Empfehlungen zum Umgang mit belastenden Verläufen.

Wohl jeder Arzt erinnert sich an eine furchtbare Situation in seinem Berufsleben, die ihn psychisch so stark mitgenommen hat, dass er sich selbst hätte krankschreiben müssen, um sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden: das schlimm zugerichtete Unfallopfer, dem nicht mehr zu helfen war; die junge Mutter, deren Tumor einfach immer weiter wucherte; der betagte Patient, zu dem man über viele Jahre eine persönliche Beziehung aufgebaut hat und der nun plötzlich an Herzversagen gestorben ist.

Doch welche Ärztin, welcher Arzt zieht sich in einer solchen Situation selbst aus dem Verkehr? Oder spricht mit einem Kollegen über die persönliche Betroffenheit bei schicksalhaften Behandlungsverläufen? Das ist doch unprofessionell, ein Zeichen von Schwäche und womöglich das Karriereende, so die Gedanken der Betroffenen. Und was sollen die Kollegen denken? Dann der Gedanke, der über allem schwebt: Habe ich mir persönlich etwas vorzuwerfen? Habe ich einen Fehler gemacht? Kann ich haftbar gemacht werden? Die oberste juristische Regel in solchen Fällen lautet doch „Schweigen ist Gold“ – da ist es bestimmt besser, den Mund zu halten.

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„Ärztliche Behandlung kann aus der Natur der Sache folgend mit keiner Erfolgsgarantie verbunden sein“, betonen jetzt die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und der Berufsverband der Anästhesisten (BDA) im Vorwort zu ihren bemerkenswerten Empfehlungen zum „Umgang mit schweren Behandlungskomplikationen und belastenden Verläufen“*. Trotz aller Bemühungen drohten stets objektiv unvermeidliche planwidrige Behandlungsverläufe, Komplikationen oder das schicksalhafte Verfehlen von Behandlungszielen. Auch könnten vom Arzt erzeugte oder gar durch Behandlungsfehler verursachte Komplikationen nie sicher ausgeschlossen werden: „Die Auseinandersetzung mit Behandlungszwischenfällen findet aber viel zu oft allein und im Stillen statt“, postulieren DGAI und BDA in ihren in der Zeitschrift „Anästhesiologie und Intensivmedizin“ veröffentlichten Empfehlungen. Schlimmstenfalls drohten schwere Konsequenzen: Depression/Burn-out, soziale Isolation, Suizid. Zudem erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit erneuter Behandlungszwischenfälle.

Die ärztlichen Kollegen sind gefordert

Unmittelbar nach einem tödlichen Behandlungsverlauf oder gravierenden Komplikationen sollte der betroffene Arzt zunächst den Oberarzt/Chefarzt involvieren und den Fall (auch als Gedächtnisprotokoll) gut dokumentieren, empfehlen DGAI und BDA. Alsdann sei schnell eine erste interdisziplinäre Falldiskussion zu veranlassen. Danach gelte: reden, reden, reden. Denn je häufiger der Arzt den Fall oder die resultierende Belastung im beruflichen und privaten Umfeld kommuniziere, desto leichter falle die Verarbeitung. Zu beachten ist hier allerdings, dass am Behandlungsgeschehen beteiligte Ärzte von der Staatsanwaltschaft als Zeugen geladen werden könnten. Für nicht direkt Beteiligte gilt das weniger. Betroffene Ärzte, die nach ein bis zwei Wochen immer noch „Flash backs“ von dem Vorfall haben, unter Alpträumen und Schlaflosigkeit leiden oder insgesamt kaum noch Arbeits- und Lebensfreude empfinden, sollten sich den Empfehlungen zufolge professionelle Hilfe holen. In dieser Behandlungssituation gilt dann natürlich auch die ärztliche Schweigepflicht.

Die ärztlichen Kollegen seien in einer solchen kritischen Situation gefordert, dem betroffenen Arzt Gesprächsbereitschaft zu signalisieren und – „soweit aus juristischer Sicht möglich“ – Vertraulichkeit zuzusichern, empfehlen DGAI und BDA. „Erfahrungsgemäß hilft das kollegiale Fachgespräch dem Betroffenen oft mehr als das private Gespräch mit medizinischen Laien“, hat Prof. Dr. med. Hinnerk Wulf, Sprecher der DGAI-Kommission „Berufliche Belastung“ beobachtet (Interview). Das Bedürfnis, den dramatischen Behandlungsverlauf im Nachhinein zu verstehen und eigene Fehler möglichst auszuschließen, sei immer groß.

Am meisten Raum im „psycho-sozialen (emotionalen) Notfallkoffer“ nehmen die Empfehlungen für Vorgesetzte ein – das zeigt deren große Bedeutung für die Arbeits- und Fehlerkultur in einer Klinik. Nach einem tragischen Ereignis sollte sofort der Vorgesetzte die Betroffenen über mögliche physische, kognitive, emotionale und verhaltensspezifische Symptome informieren, empfehlen DGAI und BDA. Die Betroffenen sollten dann nicht unbedingt nach Hause geschickt, sondern außerhalb des OP, der Intensivstation und des Notarztwagens eingesetzt werden. Grundsätzlich sei es ratsam, standardisiert zu jedem Behandlungszwischenfall eine Mortalitäts- und Morbiditätskonferenz vorzusehen. Denn wenn nach einem tödlichen Verlauf, bei dem ein Behandlungsfehler im Raum stehe, ausnahmsweise eine solche Maßnahme ergriffen werde, bekomme dies leicht einen „Tribunalcharakter“. Sinnvoll sei es auch, institutionalisierte niederschwellige Anlaufstellen zu etablieren, an die sich Ärzte im Krisenfall wenden können.

Jens Flintrop

*veröffentlicht in: Anästh Intensivmed 2013; 54: 490–4

Empfehlungen für Betroffene

  • Ziehen Sie sich nicht zurück, sondern suchen Sie das Gespräch.
  • Involvieren Sie sofort den Oberarzt/Chefarzt.
  • Führen Sie das erste Gespräch mit Angehörigen nie am Telefon.
  • Führen Sie Gespräche mit Angehörigen möglichst immer im interdisziplinären Team.
  • Erwirken Sie schnell eine erste interdisziplinäre Nachbesprechung.
  • Berücksichtigen Sie, dass Sie vorerst nicht verkehrstüchtig sind.
  • Dokumentieren Sie den Fall gut.
  • Erwägen Sie, eine angemessene Auszeit zu nehmen.
  • Versuchen Sie, eigene Ressourcen zur Stressreduktion zu aktivieren.
  • Suchen Sie bei Zeichen von Burn-out, Depression, Angstzuständen, posttraumatischer Belastungsstörung professionelle Hilfe.
  • Suchen Sie das Gespräch (mit einem möglichst stabilen Gegenüber und in einer geschützten Umgebung).

Empfehlungen für Kollegen

  • Beteiligen Sie sich nicht an Schuldzuweisungen, Ausgrenzungen oder Mobbing.
  • Schreiten Sie ein, falls es im Team dennoch dazu kommt.
  • Signalisieren Sie aktiv Gesprächsbereitschaft, wenn Sie sich selbst stabil genug dafür fühlen.
  • Sichern Sie, soweit möglich, Vertraulichkeit zu.
  • Sprechen Sie sowohl über fachliche als auch über emotionale Aspekte.
  • Seien Sie wachsam für Symptome der Belastungsstörung bei Ihren Kollegen.
  • Überwinden Sie Rückzug und Kommunikationsverweigerung Ihres Gegenübers.
  • Schicken Sie den Betroffenen nicht unbedingt nach Hause, sondern setzen ihn außerhalb des OP im Haus ein.
  • Bei länger anhaltender Problematik schlagen Sie eine psychologische beziehungsweise psychosomatische Fachbehandlung vor.

Empfehlungen für Vorgesetzte

  • Nutzen Sie präventiv Erfahrungsaustausch, Schulung und Coaching zum Thema Umgang mit Zwischenfällen und Fehlern.
  • Seien Sie präsent! Signalisieren Sie aktiv Gesprächsbereitschaft.
  • Der Behandlungszwischenfall ist ein Notfall, für Patient und Behandlungsteam!
  • Achten Sie auf psychische Belastungssymptome Ihrer Mitarbeiter nach Behandlungszwischenfällen, auch längerfristig.
  • Sichern Sie Vertraulichkeit zu (unter Beachtung juristischer Limitationen, gegebenenfalls vermitteln Sie einen Gesprächspartner, der Vertraulichkeit zusichern kann).
  • Überwinden Sie Schutzmechanismen wie Rückzug und Kommunikationsverweigerung.
  • Erteilen Sie Vorverurteilungen, Schuldzuweisungen, Mobbing im Team eine klare Absage.
  • Setzen Sie gegebenenfalls einen erfahrenen Kollegen längerfristig als Mentor ein.
  • Schicken Sie den Betroffenen nicht unbedingt nach Hause, sondern setzen ihn außerhalb des OP im Haus ein.
  • Planen Sie eine Mortalitäts- und Morbiditätskonferenz (nicht erst oder nur) zu dem Fall.
  • Schaffen Sie institutionalisierte, möglichst niederschwellige Anlaufstellen (Betriebsarzt, Selbsthilfegruppen, geschulte Peers).
  • Führen Sie Veranstaltungen und Diskussionen zum Thema durch.

Leserkommentare

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Avatar #675131
gollygee04
am Donnerstag, 9. Januar 2014, 16:03

Überschrift nicht eindeutig zuzuordnen

bei der Überschrift auf dem Deckblatt des DÄ : "Traumatische Erlebnisse in der Klinik; Hilfe für Kollegen in Not" habe ich primär an Mobbing gedacht; ich denke das wäre mindestens ein ebenso wichtiges Thema, bei dem es um traumatisierte Ärzte und Ärztinnen geht; kenne genug Kollegen, die ein Lied davon singen können.
Avatar #674611
Martin Hambrecht
am Donnerstag, 26. Dezember 2013, 09:33

Kritik an Begrenzung dieser wichtigen Initiative auf die Ärzte

Unsere eigene Erfahrung an einer großen psychiatrischen Abteilung an einem Allgemeinkrankenhaus zeigt: Dieses wichtige Thema ist nicht auf die Ärzteschaft begrenzt. Medizin ist Teamwork und gerade nicht-ärztliche Berufsgruppen (vom Rettungsdienst über die Pflege in der Notaufnahme bis zur Helferin auf der Demenzstation) sind von traumatischen Erfahrungen besonders betroffen. Ergänzend zu unserem umfassenden Deeskalationskonzept haben wir daher an unserem Haus ein dreistufiges Modell der Hilfe für traumatisierte Mitarbeiter (jeglicher Berufsgruppe) entwickelt, das bedarfsorientiert zuerst die kollegiale Untersuchung vor Ort, dann die Betreuung durch eine multiprofessionelles Notfallberaterteam aus dem eigenen Haus und auf Wunsch dann auch (über den D-Arzt geregelt) die Vermittlung in eine externe professionelle, durch die Berufsgenossenschaft etablierte Traumaberatung und ggf. -therapie vorsieht. Die Erfahrungen sind sehr gut, insbesondere für den Zusammenhalt und den professionellen Umgang mit Krisen. Die Berufsgenossenschaft fördert unseren Ansatz als vorbildliches Projekt. Auf Wunsch geben wir gerne weitere Informationen und Materialien.
Prof. Dr. Dr. Martin Hambrecht
Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
AGAPLESION ELISABETHENSTIFT Evang. Krankenhaus gGmbH
Darmstadt
Avatar #674611
Martin Hambrecht
am Donnerstag, 26. Dezember 2013, 09:31

Kritik an Begrenzung dieser wichtigen Initiative auf die Ärzte

Unsere eigene Erfahrung an einer großen psychiatrischen Abteilung an einem Allgemeinkrankenhaus zeigt: Dieses wichtige Thema ist nicht auf die Ärzteschaft begrenzt. Medizin ist Teamwork und gerade nicht-ärztliche Berufsgruppen (vom Rettungsdienst über die Pflege in der Notaufnahme bis zur Helferin auf der Demenzstation) sind von traumatischen Erfahrungen besonders betroffen. Ergänzend zu unserem umfassenden Deeskalationskonzept haben wir daher an unserem Haus ein dreistufiges Modell der Hilfe für traumatisiernde Mitarbeiter (jeglicher Berufsgruppe) entwickelt, das bedarfsorientiert zuerst die kollegiale Untersuchung vor Ort, dann die Betreuung durch eine multiprofessionelles Notfallberaterteam aus dem eigenen Haus und auf Wunsch dann auch (über den D-Arzt geregelt) die Vermittlung in eine externe professionelle, durch die Berufsgenossenschaft etablierte Traumaberatung und ggf. -therapie vorsieht. Die Erfahrungen sind sehr gut, insbesondere für den Zusammenhalt und den professionellen Umgang mit Krisen. Die Berufsgenossenschaft fördert unseren Ansatz als vorbildliches Projekt. Auf Wunsch geben wir gerne weitere Informationen und Materialien.
Prof. Dr. Dr. Martin Hambrecht
Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
AGAPLESION ELISABETHENSTIFT Evang. Krankenhaus gGmbH
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