ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2013Neuer Transplantationskodex: Verantwortung gegenüber Spendern und Empfängern

POLITIK

Neuer Transplantationskodex: Verantwortung gegenüber Spendern und Empfängern

Dtsch Arztebl 2013; 110(51-52): A-2465 / B-2174 / C-2094

Viebahn, Richard; Greif-Higer, Gertrud

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Ethikkommission der Deutschen Transplantations- gesellschaft hat sich mit den ethisch relevanten Themen befasst und stellt die wesentlichen Grundsätze vor.

Ethische Fragestellungen sind in der Transplantationsmedizin von großer Bedeutung. Die Unregelmäßigkeiten im deutschen Transplantationswesen haben das erneut verdeutlicht. Die Ethikkommission der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) hat sich mit den ethisch relevanten Themen befasst und einen überarbeiteten Transplantationskodex vorgelegt. Bereits 1987 wurde von der damaligen Arbeitsgemeinschaft Deutscher Transplantationszentren in Marburg unter der Leitung von Prof. Dr. med. Rudolf Pichlmayr ein Transplantationskodex verabschiedet. 1992 erfolgten unter der Leitung von Prof. Dr. med. Friedrich Wilhelm Eigler bei der ersten Jahrestagung der DTG in Essen eine Aktualisierung und Implementierung durch die Fachgesellschaft. Dieses Dokument war die Grundlage für den am 24. Oktober von der DTG verabschiedeten Transplantationskodex.

Ausgewählte Positionen

Anzeige

Organentnahme beim Verstorbenen: Die Organentnahme bei einem Verstorbenen zum Zweck einer Transplantation ist ethisch vertretbar.

Bei der Feststellung des Hirntodes wird auf den Erkenntnisstand der medizinischen Wissenschaften, die Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer und das Transplantationsgesetz (TPG) verwiesen. Die Würde des Verstorbenen ist zu wahren.

Einwilligung in die Organentnahme: Der dokumentierte Wille des Verstorbenen genießt oberste Priorität. Das bedeutet, dass bei einem vorliegenden Organspendeausweis die vom Verstorbenen getroffenen Regelungen eine Verpflichtung für seine Hinterbliebenen und das Krankenhaus darstellen – im Konfliktfall haben sie Priorität. Es gilt die „Botenfunktion“ von Angehörigen oder dem Verstorbenen nahestehender Personen entsprechend dem TPG als Ersatz für einen Organspendeausweis.

Lebendspende: Die Organentnahme von Lebenden ist subsidiär gegenüber der postmortalen Organspende. Es besteht Offenheit für künftige Entwicklungen, die zur Neubewertung des Verfahrens führen. Die Nachsorge der Lebendspender soll verpflichtend am Transplantationszentrum stattfinden – verbunden mit der Forderung an die Kostenträger, diese Nachsorge kostendeckend zu finanzieren.

Organaustausch und Organvermittlung: Die DTG bekennt sich zur Notwendigkeit der Einhaltung von Richtlinien und gesetzlichen Vorgaben und lehnt Manipulationen der Angaben zur Warteliste ausnahmslos ab. Für die Erstellung von Richtlinien wird die Basis der wissenschaftlichen Evidenz gefordert und besonders auf das Problem hingewiesen, das entstehen kann, wenn die Problematik eines Patienten oder seiner Erkrankung durch die Richtlinien nicht abgebildet werden kann. Die Abwägung zwischen Dringlichkeit und Erfolgsaussicht bedarf der ständigen fachübergreifenden und gesellschaftlichen Diskussion.

Finanzierung: Durch die derzeitigen Finanzierungsregelungen ist sichergestellt, dass Kostengründe einer Transplantation nicht entgegenstehen. Die Mitglieder der DTG betrachten jedoch mit Sorge, dass die finanzielle Absicherung von Vorbereitung und Nachsorge nicht gewährleistet ist. Eine angemessene Vergütung aller an der Transplantation beteiligten Personen ist die Voraussetzung für einen den Standards entsprechenden Betrieb im Gesundheitswesen. Anreizsysteme, die zur Fehlsteuerung führen, werden abgelehnt.

Weiterentwicklung der Organtransplantation: Die Fachgesellschaft begrüßt die gesetzliche Regelung der Einführung von Transplantationsbeauftragten in Krankenhäusern und befürwortet die verbindliche Aufnahme des Themas „Organspende und Transplantation“ in die Unterrichtspläne der Schulen, die Curricula des Medizinstudiums sowie die Ausbildung im Gesundheitswesen. Klinische Studien sollen von der DTG in Bezug auf Integrität der Wissenschaft und Forschung verantwortlich begleitet werden. Die Verantwortung gegenüber Organspendern und Empfängern fordert ein ethisch verantwortliches Handeln in allen Bereichen des Transplantationswesens.

Kommentar

Der Kodex formuliert die wesentlichen Grundsätze der DTG zur Organtransplantation in Deutschland. Damit soll einer Haltung Ausdruck gegeben werden, die auch dann Bestand hat, wenn Gesetzes- oder Richtlinienänderungen erfolgen. So waren wesentliche medizinische Entwicklungen der letzten 15 Jahre durch das TPG verboten. Sie widersprachen dem damals bestehenden Kodex nicht, dessen Einhaltung jedoch das aktuell zu beklagende Fehlverhalten ausgeschlossen hätte.

Für die Ethikkommission der
Deutschen Transplantationsgesellschaft:

Prof. Dr. med. Richard Viebahn
Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus, Universitätsklinikum Bergmannsheil, Bochum

Dr. Gertrud Greif-Higer M. A.
Universitätsmedizin Mainz

@Der Volltext des Dokuments:
www.aerzteblatt.de/132465

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige