ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2013Beschneidungsgesetz: Ärzte halten an ihrer Kritik fest

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Beschneidungsgesetz: Ärzte halten an ihrer Kritik fest

Dtsch Arztebl 2013; 110(51-52): A-2460 / B-2171 / C-2091

Osterloh, Falk

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Im Dezember 2012 hat der Bundestag das Beschneidungsgesetz verabschiedet. Ein Jahr später mahnen Ärzteverbände, dass sich für die betroffenen Jungen nichts verbessert habe: Zirkumzisionen würden in Deutschland noch immer ohne Schmerzausschaltung vorgenommen.

Foto: dpa
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Das Kölner Landgericht hatte im Mai 2012 die Beschneidung von Jungen als Straftat bewertet und damit eine heftige Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern einer nicht medizinisch indizierten Zirkumzision aus religiösen Gründen ausgelöst. Auch innerhalb der Ärzteschaft wurde kontrovers diskutiert (siehe DÄ, Heft 39/2012). Die Politik reagierte mit dem „Gesetz über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männliches Kindes“, das der Bundestag am 12. Dezember 2012 beschloss.

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„In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes dürfen auch von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen Beschneidungen durchführen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung der Beschneidung vergleichbar befähigt sind“, heißt es darin. Zudem darf bei einem „nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kind“ eine „medizinisch nicht erforderliche Beschneidung“ vorgenommen werden, wenn sie „nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll“.

Ärzte- und Kinderschutzverbände haben ihre Kritik an dem Gesetz nun, ein Jahr nach dessen Verabschiedung, wiederholt. „Das Gesetz hat die Situation für die Neugeborenen, Säuglinge und Kleinkinder nicht verbessert“, sagte der Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, Prof. Dr. med. Manfred Gahr, am 12. Dezember auf einer Pressekonferenz in Berlin. Denn ein nichtärztlicher Beschneider dürfe keine wirksame Anästhesie durchführen, weder eine Allgemeinnarkose noch eine örtliche Betäubung. Folglich würden in Deutschland bei Neugeborenen Beschneidungen ohne Schmerzausschaltung vorgenommen. „Das halten wir für grausam und nicht ethisch vertretbar“, so Gahr.

Kinderärzte: Betroffene müssen zuerst einwilligen

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie, Prof. Dr. med. Bernd Tillig, wies in diesem Zusammenhang auf ein Dilemma hin: Auch eine Narkose sei für Neugeborene mit besonderen Risiken behaftet. Selbst ein Mediziner, der eine Narkose vornehmen dürfte, müsste sie also aus seinem Ethos heraus ablehnen. Und Emla-Creme, die bei Beschneidungen zur örtlichen Betäubung mitunter verwendet werde, sei ungeeignet und habe lediglich eine „Alibifunktion“. Tillig kritisierte zudem, dass vor der Verabschiedung des Gesetzes viel zu kurz über dessen Inhalte diskutiert worden sei: „Wir mussten erleben, dass die meisten seriösen Stellungnahmen zu dem Beschneidungsgesetz überhaupt nicht beachtet wurden.“ Rechtssicherheit sei deshalb lediglich für die Beschneider eingeführt worden, nicht aber für die beschnittenen Kinder.

„Eine Zirkumzision aus rituellen oder religiösen Gründen lehnen wir ab“, bekräftigte der Pressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Dr. med. Ulrich Fegeler. Beschneidungen ohne therapeutischen Nutzen dürften frühestens nach Erreichen der notwendigen Einwilligungsfähigkeit der Betroffenen durchgeführt werden – nur so sei sichergestellt, dass der Betroffene sich der Tragweite dieser Entscheidung bewusst sei.

Abschließend kündigte Tillig die Erstellung einer Konsensus-Leitlinie zu diesem Thema an, deren Inhalte zurzeit zusammen mit anderen Fachrichtungen diskutiert würden: „Wir wollen den gegenwärtigen Wissensstand zusammentragen, um auf diese Weise eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen und aufzuklären – die Öffentlichkeit, aber auch unsere ärztlichen Kollegen.“

Falk Osterloh

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