ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2014Frage der Woche an . . . Dr. Daniel Rosenthal, Präsident der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft

ÄRZTESTELLEN: Frage der Woche

Frage der Woche an . . . Dr. Daniel Rosenthal, Präsident der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft

Gibt es zu viele Operationen an der Wirbelsäule?

Dtsch Arztebl 2014; 111(1-2): [4]

Flintrop, Jens

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Operationen an der Wirbelsäule haben von 2006 bis 2011 um etwa 136 Prozent zugenommen.

Gibt es zu viele Operationen an der Wirbelsäule?

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Rosenthal: Zur Klarstellung: Es gibt zurzeit in Deutschland keine zuverlässigen Zahlen über Wirbelsäulenoperationen. Die Kodierungszahlen, die uns zur Verfügung stehen, sind nicht detailliert genug. Teilweise wird der Chirurg gezwungen, aus einem Eingriff zwei zu verschlüsseln.

Als Beispiel dient die Versteifungsoperation an der Hals-, Brust- oder Lendenwirbelsäule. Bei diesem Vorgang ist das Ausräumen der Bandscheibe ein unerlässlicher Teil der Operation, der die Chancen für das Zusammenwachsen der eingebrachten Knochen in den Bandscheibenraum deutlich erhöht. Kodierungstechnisch müsste das Ausräumen der Bandscheibe mit den gleichen Zahlen wie bei einer Bandscheibenoperation und zusätzlicher Versteifungsoperation aufgenommen werden. So werden statistisch zwei Operationen gezählt.

Als weiteres Beispiel: Jede Injektion in der Wirbelsäule unter computertomographischer Kontrolle wird auch als Operation registriert. Es ist eine invasive Methode, aber keine Operation, die mit einem Kranken­haus­auf­enthalt, Personal und räumlichen Standards verbunden ist. Also ist die Gewichtung eine völlig andere. Wir können, wenn wir seriös arbeiten wollen, uns nicht auf so ein Zahlenmaterial stützen.

Dass die Zahl der Eingriffe gestiegen ist, bleibt unbestritten, aber nicht in dem Ausmaß, das in den Medien verbreitet wird. Zum einem hat die Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen in den letzten Jahrzehnten eine rasante Entwicklung erfahren. Ein Beispiel ist das Einbringen von speziellen Materialien in einen oder mehrere Wirbelkörper bei Osteoporose. Die Methode ist besser bekannt als Vertebroplastie oder Kyphoplastie. Mit einem Eingriff, der nur mit einer Nadel, über die das Material eingespritzt wird, und einem Röntgengerät vorgenommen und vorwiegend in örtlicher Betäubung ausgeführt wird, können Frauen, die an dieser Krankheit leiden, von unerträglichen Schmerzen und Einschränkungen im Alltag schlagartig profitieren. Zudem wird die Einnahme von Schmerzmitteln und anderen spezifischen Medikamenten drastisch reduziert. Ähnlich verhält es sich bei den Operationsmethoden: Die Entwicklung hin zu schonenden Eingriffen hat den Operationsstress, Blutverlust und Komplikationen deutlich reduziert. Vor 15 bis 20 Jahren war bei einer ganz normalen Bandscheibenoperation mit einem Kranken­haus­auf­enthalt von etwa zwei Wochen zu rechnen, heute werden die Patienten nach drei Tagen entlassen. JF

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