ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2014Aids in den USA: Der Traum von einer aidsfreien Generation

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Aids in den USA: Der Traum von einer aidsfreien Generation

Dtsch Arztebl 2014; 111(1-2): A-29 / B-24 / C-24

Schmitt-Sausen, Nora

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Seit den 80er Jahren setzen die Vereinigten Staaten Maßstäbe im Kampf gegen HIV. Doch im eigenen Land ist die Infektionsrate mancherorts so hoch wie in Westafrika.

Anlässlich des Weltaidstages wurde am Weißen Haus eine riesige rote Schleife angebracht. Präsident Obama plant, 23 Milliarden US-Dollar für den Kampf gegen Aids freizugeben.
Anlässlich des Weltaidstages wurde am Weißen Haus eine riesige rote Schleife angebracht. Präsident Obama plant, 23 Milliarden US-Dollar für den Kampf gegen Aids freizugeben.

Washington, D. C., Hauptstadt der Vereinigten Staaten: Nur wenige Meter vom feinen Regierungsbezirk Capitol Hill entfernt, beginnen die wenig charmanten Viertel der Metropole. Auf der anderen Seite des Anacostia-Flusses zeigt sich die Stadt von ihrer hässlichen Seite: verbarrikadierte Häuser, heruntergekommene Bushaltestellen, verlotterte Vorgärten. Dort regieren Armut, Kriminalität und Perspektivlosigkeit. Es grassiert Aids in einem Ausmaß, das vergleichbar mit schwer betroffenen Regionen in Afrika ist.

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Verteilung von fünf Millionen Kondomen

Die Hauptstadt der Vereinigten Staaten ist seit vielen Jahren eine Aidshochburg. Trotz intensiver Bemühungen, der Krankheit Herr zu werden, sind 2,7 Prozent der Bewohner Washingtons mit HIV infiziert. Kaum eine Region der USA ist stärker betroffen – und das obwohl kaum eine Region reicher ist. Doch: 75 Prozent aller HIV-Infizierten in Washington, D. C., sind Afroamerikaner, die überwiegend in den Armenvierteln der Stadt leben. Dort liegt die Infektionsrate bei 4,3 Prozent. Die Vereinten Nationen reden von einer Epidemie, wenn mehr als ein Prozent der Bevölkerung erkrankt ist.

In jüngster Vergangenheit konnten Regierung, lokale Initiativen und Akteure im Gesundheitswesen Erfolge in der Hauptstadt feiern. Seit 2009 sind die Infektionszahlen leicht rückläufig, besagen offizielle Statistiken. Und: Kein Kind sei in den vergangenen vier Jahren in Washington, D. C., mehr mit dem HI-Virus geboren worden. Als Erfolgsgründe gelten Maßnahmen wie das Verteilen von fünf Millionen Kondomen im Jahr 2011, deutlich erhöhte Testzahlen, ein Nadelaustausch-Programm sowie bessere Aufklärung und optimierte Versorgung Infizierter.

Für die Vereinten Nationen gilt Washingtons lokaler Einsatz gegen die Immunschwächekrankheit heute als vorbildlich. Auch deshalb durfte die Stadt im vergangenen Jahr Gastgeber der 19. Internationalen Welt-Aids-Konferenz sein. Dass die USA für ihr Engagement gepriesen werden, war nicht immer so. Der Umgang Amerikas mit HIV-Infizierten stand viele Jahre in der Kritik. Seit 1987 galt in den USA ein Einreise- und Einwanderungsverbot für HIV-Infizierte. Es fiel erst im Jahr 2010 – nach mehr als zwei Jahrzehnten.

Ein Antikörper nährt Hoffnung auf einen Impfstoff

Unstrittig ist jedoch, dass die USA beim Kampf gegen das Aidsvirus eine Vorreiterrolle in der Welt einnehmen. Es waren die Vereinigten Staaten, von denen die Erkrankung Anfang der 80er Jahre in das Licht der Weltöffentlichkeit gerückt wurde. In den Folgejahren investierte das Land Hunderte Millionen US-Dollar in die Aidsforschung, Aufklärung und Behandlung. Forscher konzipierten neuartige Verhütungsmethoden und Testverfahren, arbeiteten an Impfstoffen und entwickelten Medikamente, die heute die Krankheit beherrschbar machen.

Der wissenschaftliche Einsatz der Amerikaner im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit ist ungebrochen. Erst im Frühjahr dieses Jahres machte ein Forscherteam der Duke Universität in North Carolina Schlagzeilen. Es fand einen Antikörper, der Hoffnung auf einen Impfstoff nährt. Amerikanische Ärzte im US-Bundesstaat Mississippi sorgten ebenfalls in diesem Jahr für Furore: Sie haben nach eigenen Angaben ein bei der Geburt mit HIV infiziertes Baby geheilt. Durch eine Infusion mit verschiedenen Medikamenten unmittelbar nach der Geburt sei das Immunsystem des Kindes in der Lage, das Virus selbst zu kontrollieren.

USA: größter Geldgeber im Kampf gegen die Krankheit

Amerikas Tatkraft hat einen gutem Grund. Die USA waren von der Immunschwächekrankheit überaus stark getroffen. Präsident Bill Clinton sah in dem Virus eine „Gefahr für die nationale Sicherheit“. In einigen Jahren der 80er und 90er Jahre starben in den USA mehr Menschen an Aids als an anderen Krankheiten. Im Jahr 1990 beklagte das Land bereits 100 000 Aidstote, 1995 führten die Vereinigten Staaten in ihren Datenbanken eine halbe Million HIV-Infizierte.

Hunderte Millionen US-Dollar wurden in den USA unter anderem in die Aufklärung investiert. Hier unterweist eine Gesundheitsberaterin einen Besucher eines mobilen Testbüros. Fotos (3): picture alliance
Hunderte Millionen US-Dollar wurden in den USA unter anderem in die Aufklärung investiert. Hier unterweist eine Gesundheitsberaterin einen Besucher eines mobilen Testbüros. Fotos (3): picture alliance

Die Bemühungen von Politik und Medizin zeigten erst in der zweiten Hälfte der 90er Jahre Wirkung: 1996 begann die Zahl der Neuinfektionen erstmals seit Ausbruch der Krankheit zu sinken, 1997 sank die HIV-Sterberate in den USA um signifikante 47 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zurückzuführen war dieser Erfolg vor allem auf ein neues aggressives Therapieverfahren.

International sind die Vereinigten Staaten seit vielen Jahren der mit Abstand größte Geldgeber im Kampf gegen die Krankheit. Von den 7,9 Milliarden US-Dollar, die im vergangenen Jahr zur Eindämmung der Immunschwächekrankheit gegeben wurden, schulterten die USA fast 64 Prozent (Deutschland: vier Prozent). Dass die USA weltweit an vorderster Front stehen, ist George W. Bush zu verdanken. Er gab im Jahr 2003 im Rahmen des President’s Emergency Plan for AIDS Relief (PEPFAR) 15 Milliarden US-Dollar für den gezielten, weltweiten Kampf gegen die Immunschwächekrankheit frei und setzte damit neue Maßstäbe.

Amerikas amtierender Präsident, Barack Obama, stellte im Jahr 2010 eine nationale Aidsstrategie vor, um die Anstrengungen gegen Aids im eigenen Land zu verstärken. Dieser Schritt wurde von Medien und Gesundheitsexperten als „historisch“ gefeiert. Das ehrgeizige Ziel: Die Zahl der HIV-Neuinfektionen in den USA soll bis 2015 um 25 Prozent gesenkt werden. Bei seiner Rede zur Lage der Nation formulierte Obama Anfang dieses Jahres eine Vision von „einer aidsfreien Generation“.

Im aktuellen Haushaltsjahr plant Obama, gut 23 Milliarden US-Dollar für den nationalen Kampf gegen Aids freizugeben, steht aber vor dem Hintergrund der Überschuldung der USA unter großem Ausgabendruck. Auch die Gesundheitsreform des Demokraten greift das Thema HIV auf. Als unentgeltliche Präventivleistung ist darin vorgesehen, dass sich alle Amerikaner zwischen 15 und 65 Jahren einem Aidstest unterziehen können. Zudem profitieren HIV-Infizierte als chronisch Kranke von der neuen verpflichtenden Kran­ken­ver­siche­rung und dem Ende der Deckelung von Versorgungsleistungen.

Die Zahl der Neuinfektionen stagniert

Doch sicher ist: Es bleibt noch viel zu tun, bis Obamas Vision von einer aidsfreien Generation Wirklichkeit wird. In den USA leben nach aktuellen Schätzungen 1,1 Millionen Menschen mit HIV. Doch fast einer von fünf ist nicht diagnostiziert. Ein Drittel der Infizierten wird bislang nicht medizinisch versorgt. Und: Nur bei einem von vier Patienten ist das Aidsvirus unter Kontrolle. Die Zahl der Neuinfektionen stagniert nach offiziellen Angaben seit zehn Jahren bei gut 50 000 jährlich. Für Kritiker ist gerade dies ein Zeichen, dass die Vereinigten Staaten die Krankheit noch immer „nicht im Griff“ haben. Mehr als 600 000 Amerikaner sind seit 1981 an der Immunschwächekrankheit gestorben.

Die Bewohner von Washington, D. C., kennen diese Zahlen. Sie haben ein Bewusstsein für die Gefahren der Krankheit wie keine anderen Städter in den USA. Laut Umfragen ist HIV für sie das Gesundheitsproblem Nummer eins. Noch immer.

Nora Schmitt-Sausen

Aufruf zur Solidarität mit HIV-Infizierten

Die Deutsche Aids-Hilfe hat zu mehr Solidarität mit HIV-Infizierten aufgerufen. „Mobbing am Arbeitsplatz, Kündigungen, Abweisung in Arztpraxen oder Termine nur am Schluss der Sprechzeit, all das ist auch heute für viele Menschen mit HIV Realität“, sagte Vorstandsmitglied Carsten Schatz. Die Diskriminierung erhöhe die Hürde, sich überhaupt testen zu lassen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts lebten Ende 2012 schätzungsweise 78 000 HIV-Infizierte in Deutschland. Die Zahl der Neuinfektionen lag bei 3 400, die der Todesfälle bei 550. In Entwicklungsländern sterben unterdessen immer mehr Jugendliche an Aids. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF ist die Zahl in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. kna/dpa

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