ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2014Deutsch-russische Gesundheitskooperation: Fortschritte trotz Divergenzen

POLITIK

Deutsch-russische Gesundheitskooperation: Fortschritte trotz Divergenzen

Dtsch Arztebl 2014; 111(1-2): A-10 / B-8 / C-8

Ankowitsch, Eugenie

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So angespannt wie zuletzt war das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland schon länger nicht mehr. Trotzdem arbeitet das Koch-Metschnikow-Forum unbeirrt daran, deutsch-russische Projekte im Gesundheitswesen auszubauen.

Kontrollen von politischen Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen, ein umstrittenes Homosexuellen-Gesetz, willkürlich erscheinende Verurteilungen von Künstlern und Oppositionellen: Die Liste der Vorkommnisse und Entscheidungen, die das deutsch-russische Verhältnis belasten, ließe sich fortsetzen. Vor diesem schwierigen Hintergrund fanden Anfang Dezember zwei Veranstaltungen mit deutsch-russischer Beteiligung statt: Das „Zweite Walter Scheel Forum für deutsch-russische Beziehungen“ in Bad Krozingen und der „Petersburger Dialog“ in Kassel. Er wurde im Jahr 2001 ins Leben gerufen und soll die Verständigung zwischen den Zivilgesellschaften beider Länder fördern (siehe auch Kasten).

Bei Letzterem ging es 2013 vor allem um das Thema „soziale und politische Rechte als Bedingung für eine freie Gesellschaft“. Zu den „sozialen Menschenrechten“ gehört in erster Linie das Recht auf Gesundheit, dem beim diesjährigen „Petersburger Dialog“ hohe Priorität eingeräumt wurde.

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Stolz auf stabile Kooperation mit den russischen Partnern

Auf die gute deutsch-russische Zusammenarbeit im Bereich Gesundheit habe die gesamtpolitische Situation glücklicherweise so gut wie keinen Einfluss, betont Prof. Dr. med. Helmut Hahn, Vorsitzender des Koch-Metschnikow-Forums (KMF) und Ausländisches Mitglied der Russischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Das Forum entstand im Jahr 2006 als Initiative des „Petersburger Dialogs“ und ist alljährlich mit eigenen Beiträgen dort vertreten.

Hahn und viele andere Engagierte organisieren über das Forum Gesundheitsprojekte in Russland (siehe auch DÄ, Heft 11/2011) und einigen anderen osteuropäischen Ländern und tragen so mit dazu bei, das im Jahr 2010 verabschiedete deutsch-russische Gesundheitsabkommen mit Leben zu erfüllen. „Die politischen Ereignisse werden zwar diskutiert, behindern aber nicht die eigentliche Arbeit. Das haben wir der Stabilität der wissenschaftlichen Kooperationen zu verdanken“, ergänzt Prof. Dr. med. Timo Ulrichs, stellvertretender KMF-Vorsitzender und Leiter der Tuberkulose-Sektion des KMF.

Gerade im Kampf gegen die Tuberkulose gibt es nach Darstellung von Ulrichs eine sehr enge und erfolgreiche Zusammenarbeit mit russischen Wissenschaftlern und Ärzten, und zwar schon seit 2001. Die Tuberkulose stellt in Russland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion immer noch ein ernst zu nehmendes Gesundheitsproblem dar. Nachdem das Forum Kooperationen in der Grundlagenforschung auf den Weg gebracht hat, arbeiten Ulrichs und andere mit russischen Partnern nun daran, Diagnostik- und Therapiestandards sowie Qualitätskontrollen in Laboren zu etablieren. Längst spielen auch Fragen der Surveillance sowie der Gesundheitsvor- und -fürsorge bei der Tuberkulose eine wachsende Rolle.

Die Tuberkulose-Sektion ist dabei nur eine von 14 beim KMF. Weitere kümmern sich um Themen wie HIV/AIDS, Mutter-Kind-Gesundheit, eHealth oder Endokrinologie und Diabetologie – alles Aufgabenfelder, denen das föderale russische Ge­sund­heits­mi­nis­terium besondere Bedeutung beimisst.

Gemeinsame Interessen auf dem Gebiet Public Health haben zudem, berichtet Ulrichs, 2012 zur Gründung des „Koch Mechnikov International Center for Research and Education in Public Health“ an der Staatlichen Metschnikow-Universität in Sankt Petersburg geführt: „Hier soll ein Master-Studiengang in Public Health nach Bologna-Kriterien etabliert werden, der auf die Bedürfnisse in Russland zugeschnitten und zugleich international anerkannt ist.“ Deutsche Partner sind neben dem KMF das Berliner Universitätsklinikum Charité und die Universität Bielefeld. Angeschlossen an das Center ist ein Forschungsverbund Public Health.

Netzwerk von Smolensk bis Ulan-Ude in Südsibirien

Wichtige Grundlage für eine erfolgreiche, beständige Zusammenarbeit ist das umfangreiche Netzwerk der Organisation. Das KMF habe gute Kontakte zum föderalen russischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium und zur Akademie der Medizinischen Wissenschaften, berichtet Hahn, und ergänzt: „Man erzielt nur dann Ergebnisse, wenn die richtigen Leute zusammenkommen. Wir wissen, wo in Deutschland und Russland fachkompetente Ansprechpartner arbeiten, und vermitteln Kontakte zwischen ihnen.“ Inzwischen reicht das Netzwerk geografisch von Smolensk und Sankt Petersburg in Westen über Nowosibirsk in Westsibirien bis Ulan-Ude nahe der mongolischen Grenze. Im Fokus der Kontakte stehen dabei vor allem Universitätsstädte und andere große medizinische Zentren.

Die Zusammenarbeit ist dennoch kein Selbstläufer. „Zwar stimmt oft die Chemie. Dennoch braucht man vor allem am Anfang eines Projekts einen ziemlich langen Atem“, gibt Ulrichs zu. Deshalb sei es sinnvoll, immer wieder nach Russland zu reisen und dort persönlich Projekte anzuschieben und weiterzuentwickeln. Ulrichs hat dafür ein schönes Motto: „Die Kühe werden nur unter den Augen des Bauern fett.“

Eugenie Ankowitsch

WEITER IM DIALOG BLEIBEn

Foto: picture alliance
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Zum 13. Mal hat 2013 der „Petersburger Dialog“ stattgefunden, dieses Mal in Kassel. Das deutsch-russische Gesprächsforum wurde vom ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder und vom heutigen Präsidenten Wladimir Putin angeregt.
Es sollte ein Forum für den Dialog der Zivilgesellschaften werden und wurde regelmäßig von deutsch-russischen Regierungskonsultationen begleitet – und von Kritik: zu viel Symbolik und Glamour, zu wenig Arbeit und Ergebnisse.

Beim Dialog 2013 war das Koch-Metschnikow-Forum (KMF) erstmals mit einer eigenen Veranstaltung vertreten – und richtete damit den Fokus auf das Thema Gesundheit. Das KMF ist eine Nichtregierungsorganisation, in der sich Ärzte und der Medizin nahestehende Personen engagieren, zudem Unternehmen aus der Arzneimittel-, IT- und Medizinprodukteindustrie. Benannt hat es sich nach dem Entdecker des Tuberkuloseerregers, Robert Koch, und dem Entdecker der Phagozytose, Elias Metschnikow. Das Forum finanziert sich durch seine Unterstützer, externe Gelder (Beispiel: Akademischer Austauschdienst) mit Kofinanzierungen von russischer Seite.

Das „2. Walter Scheel Forum für deutsch-russische Beziehungen“ im Dezember geht auf eine Initiative des Fördervereins Walter Scheel zurück. Das Forum wurde von KMF und Auswärtigem Amt unterstützt. Scheel hatte als erster Bundespräsident 1970 die Sowjetunion besucht. Russische und deutsche Vertreter aus Politik und Ärzteschaft diskutierten über Rehabilitationsmedizin, Würde und Recht im Alter und Gesundheitssysteme zwischen staatlicher Steuerung und persönlicher Verantwortung. Rie

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