ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2014Arbeitsplatz Krankenhaus: Was die jungen Wilden wollen

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Arbeitsplatz Krankenhaus: Was die jungen Wilden wollen

Dtsch Arztebl 2014; 111(1-2): [2]

Kopf, Sören

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Die Generation Y verändert die Krankenhäuser und das Arztsein gleich mit.

Foto: Fotolia/Minerva Studio
Foto: Fotolia/Minerva Studio

Die Legende lautet so: Eine junge Assistenzärztin, wenig bis keine Berufserfahrung, bewirbt sich um eine Stelle an einer großen Klinik. Es folgt ein Gespräch mit dem Chefarzt, an dessen Ende man sich die Hände mit den Worten schüttelt: „Was Sie gesagt haben, hat mir sehr gefallen. Damit stehen Sie auf meiner Liste ganz oben.“ Doch kam dies nicht aus dem Mund des Chefarztes. Es waren die Worte der Bewerberin. Sicherlich mehr Legende als Wahrheit, trifft diese Szene doch im Kern die Realität. Die jungen Wilden, also Assistenzärztinnen und -ärzte, die gerade ins Berufsleben starten und mit dem fast schon wieder abgenutzten Begriff der Generation Y umschrieben werden, halten Einzug und wirbeln dabei ordentlich Staub auf.

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Dabei könnte alles so einfach sein. Arbeit von sieben bis 17 Uhr, bis zu sechs Dienste pro Monat, Promotion, Veröffentlichungen, ein Vortrag auf einer Konferenz. Im Gegenzug ein ordentliches Gehalt und das höchste Ansehen aller Berufsgruppen. Der Arzt als Forscher, Heiler und Lehrender. Doch den Jungen passt dieses Modell nicht so richtig. Virchows Ideal als Auslaufmodell?

Wer die Ypsiloner verstehen will, muss wissen, wer sie sind. Zwei Drittel sind weiblich, knapp die Hälfte aller Assistenzärzte ist in der Familienplanung, bei circa einem Viertel ist dies bereits geschehen. Spätestens, wenn der Nachwuchs da ist, wollen mehr als die Hälfte in Teilzeit arbeiten. Dass Professoren, Chefärzte und Oberärzte, die allesamt aus Generationen stammen, in denen der Dienst nach 24 Stunden nicht zu Ende war, darüber die Nase rümpfen, ist irgendwie verständlich.

Jede Generation baut sich ihre Welt aus den eigenen Nachteilen und Vorteilen. Der größte Vorteil der Ypsiloner? Die Demografie. Hinzu kommen ein Ärztemangel, immer mehr Ältere mit chronischen Krankheiten, gestiegene Ansprüche an die Kommunikationsfähigkeit, Internationalisierung und Flexibilität. Gehen die Babyboomer in den nächsten zehn Jahren in Rente, gibt es nicht nur mehr Patienten. Es gibt im Verhältnis auch weniger Ärzte. Schon jetzt stehen viele Kliniken in Konkurrenz miteinander – um Patienten, Mitarbeiter, Geld. Wer mitspielen will, braucht die Generation Y. Doch was will sie?

  • Aufmerksamkeit. Etwa 25 Prozent der zwischen 1980 und 2000 Geborenen sind Einzelkinder, knapp die Hälfte wuchs mit einem Geschwisterkind auf. Das garantiert volle Ressourcenausschöpfung der gut gebildeten, gut situierten Eltern. Auslandsjahr, Auslandssemester, das erste Auto zum Abitur, spätestens zum Physikum. Smartphone, WhatsApp, Facebook. Warten ist nicht ihre Stärke. Unsichtbarkeit wird als Beleidigung empfunden. Jeder ist etwas Besonderes im sozialen Netzwerk. So erwartet diese Generation sofortige Einbindung in die Klinikstrukturen, individuelles Coaching, Verantwortung unter enger Supervision. Das heißt nicht, den Laden nach drei Wochen führen zu wollen. Aber im OP nur Haken halten und zunähen? Da wird schon mal die Kündigung getippt.

Für Kliniken besteht die Herausforderung darin, in einer sich schnell verändernden Welt diesen Aufmerksamkeitsappetit zu nutzen. Wissensnetzwerke, DRG-Ökonomie, Roboterchirurgie – die neuen Wilden wollen lernen, wollen leisten. Nur Stillstand, das wollen sie nicht.

  • Individuelle Entwicklung. Die einen wollen voll durchstarten. Volles Gehalt, volle Karriere. Neben der 50-Stunden-Woche noch forschen und veröffentlichen. Nächster Stopp Oberarzt.

Die anderen wollen Zeit. Für Familie, Freunde, ein gutes Buch. Der Arzt als Beruf, nicht als Berufung. Doch wie soll das gehen? Wie will man nötige Erfahrung und Fertigkeiten sammeln, wenn man seine Zeit mit Freunden und Familie verbringt, anstatt auf Station oder im OP. Kritik wird laut, dass Wissen und Fähigkeiten als Grundlage für das gesamte berufliche Leben nicht in Teilzeit gewonnen werden können. Dabei ist der Ruf nach Teilzeitmodellen und Kindergartenplätzen nur Symptom, nicht Ursache. Die Jungen sind gar nicht so Schmalspur, wie man ihnen vorwirft. Die Generation Y will vor allem Flexibilität. Mal Vollzeit, mal Teilzeit, je nach Lebenssituation und Anspruch. Das Berufsleben wird schließlich im Krankenhaus geplant. Wenn man noch 45 Jahre Stationsarbeit vor sich hat, müssen die Strukturen anpassbar sein.

  • Sinn. Bäume retten, den Welthunger bekämpfen, aus einem großen Haus heraus mit einem weißen Zaun, zwei Kindern, ein Junge, ein Mädchen und einem Golden Retriever, der die Zeitung bringt. Dieser Generation wurde von ihren Workaholic-Eltern ein sinnerfülltes Leben versprochen, von ihren Xer-Vorgängern ein materiell zwangloses Leben vorgelebt. Wen wundert es, dass sie jetzt beides einfordern. Arbeiten nur, um Geld zu verdienen, war gestern. Heute stellt sich die Frage des „Warum?“ und des „Wozu?“.

Die Generation Internet spricht zwar mehrere Fremdsprachen, ist aber der eigenen Region und den konservativen Werten eng verbunden. Krankenhäuser können durch eigene Projekte begeistern. Die Arbeit des Arztes am Patienten auf der einen Seite, der Beitrag des Krankenhauses als Unternehmen zur Region auf der anderen. Die Ypsiloner sind voller Ansprüche und Widersprüche. „Leben, um zu arbeiten“ und „Arbeiten, um zu leben“, das waren andere. „Beim Arbeiten leben“ ist das neue Ideal, und es ist nur folgerichtig. Y kommt bekanntlich nach X, und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Aber eben auch nicht direkt daneben.

Die Generation Y verändert die Krankenhäuser und das Arztsein gleich mit. Ihre Ideale und Illusionen werden zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Denn desillusionieren kann man sie nicht. Hollywood sei Dank.

Sören Kopf

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0114

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