ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2014Dr. med. Sabine Schellert, Medizinischer Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) Nordrhein: Aus dem OP zum Medizinischen Dienst

THEMEN DER ZEIT: Porträt

Dr. med. Sabine Schellert, Medizinischer Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) Nordrhein: Aus dem OP zum Medizinischen Dienst

Dtsch Arztebl 2014; 111(1-2): A-23 / B-20 / C-20

Hibbeler, Birgit

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Ob als Chirurgin oder beim Medizinischen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK): Dr. med. Sabine Schellert zeigt immer vollen Einsatz. Für die Arbeit des MDK wünscht sie sich manchmal mehr Akzeptanz – und weniger Vorurteile.

Foto: Lajos Jardai
Foto: Lajos Jardai

Dr. med. Sabine Schellert (48) mag Farben. Ihr violetter Blazer zerstreut sofort jeden Verdacht, dass sie in einem düsteren Büro beim Medizinischen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) tagein, tagaus verstaubte Akten wälzt. An der Wand gegenüber ihres Schreibtisches hängt eine große Leinwand: blauer Untergrund mit einer abstrakten Darstellung in Weiß, Gelb, Grün und Rot. „Auf das Bild haben mich viele Kollegen angesprochen. Da bin ich schon die Exotin hier“, berichtet sie. Ob sich eine Geschichte dahinter verbirgt? Hat sie das Bild etwa selbst gemalt oder vielleicht ein befreundeter Künstler? Nein. „Das Bild kommt aus einem Möbelhaus“, sagt Schellert. Sie habe es schon während des Studiums gekauft.

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Chirurgen sagt man eine gewissen Bodenständigkeit nach. Sabine Schellert ist Chirurgin. Schon als Kind war das ihr Berufswunsch. „Ich weiß noch, wie ich mit Verdacht auf einen gebrochenen Arm vor der Notaufnahme saß und das unheimlich interessant fand, was da hinter der Tür passierte“, erinnert sie sich. Sie studierte Medizin und wurde Fachärztin. Vor allem die plastische Chirurgie hat ihr viel Spaß gemacht – besonders die Handchirurgie. Wenn Schellert heute über die Flure der MDK-Niederlassung in Köln geht, dann hat sie einen zügigen, festen Schritt. Wohl noch aus dem Krankenhaus.

Als sie aus der Klinik zum MDK Nordrhein wechselte, schien anfangs irgendwie der Wurm drin zu sein: Ihr erstes Vorstellungsgespräch musste Schellert absagen. Sie hatte keine Zeit. Denn die Geburt ihres Sohnes stand unmittelbar bevor. Beim zweiten Termin klappte es dann. Und danach ging alles ganz reibungslos. Was in den meisten Kliniken undenkbar ist – die Neueinstellung einer frischgebackenen Mutter – war beim MDK kein Problem. Wenige Wochen nach der Entbindung, im Januar 2005, trat Schellert ihre neue Stelle als Gutachterin an, zunächst in Düsseldorf.

Aus dem OP zum MDK – wie kam es dazu? Schellert muss nicht lange überlegen. Nach 16 Berufsjahren hatte sich eine „gewisse Klinikmüdigkeit“ eingestellt. „Ich war einfach ausgepowert und suchte eine neue Perspektive“, erinnert sich Schellert. „Außerdem wollte ich nach der Geburt meines ersten Kindes weiter Vollzeit arbeiten“, ergänzt sie. Aber wie sollte das gehen mit den Diensten? „Zumindest funktioniert das nicht, wenn man das nicht nur als Job sieht. Ich wollte ja auch noch was erreichen“, berichtet sie. Und dann sah sie die Stellenanzeige im Deutschen Ärzteblatt.

Die Entscheidung für den MDK hat sie bis heute nicht bereut. Viele Kollegen hätten ihr zuvor prophezeit, dass ihr die Arbeit in der Klinik bestimmt eines Tages fehlen würde. „Ich habe immer darauf gewartet, dass ich diesen Blues kriege. Das ist aber nie eingetreten.“ Beim MDK erlebte sie viele Dingen, die sie aus der Klinik gar nicht kannte: „Es gab ein sehr stringentes Einarbeitungsprogramm.“ Sie hatte einen Mentor, der immer für Fragen zur Verfügung stand. Die Fachkompetenz beim MDK habe sie beeindruckt, sagt sie. Facharztbezeichnung und Promotion seien Einstellungsvoraussetzung. Auch die Perspektiven, die sie sich erhoffte, haben sich als realistisch erwiesen. Die Chirurgin leitet heute den Verbund Süd des MDK Nordrhein. Sie ist für etwa 190 Mitarbeiter in Köln und Bonn verantwortlich, davon 50 Ärzte. Schellert hat mittlerweile zwei Kinder im Alter von vier und neun Jahren. Ihr Mann ist Unternehmensberater, also ebenfalls beruflich stark eingespannt.

Über ihren heutigen Arbeitgeber wusste sie wenig, bis sie sich bewarb. Natürlich habe sie als Krankenhausärztin mit MDK-Anfragen zu tun gehabt. „Aber ich fand das auch plausibel, dass da mal jemand schaut, wie sich ein Fall entwickelt“, betont sie. Dass die Medizinischen Dienste eher ein schlechtes Image haben, ist ihr aber bewusst. „Ich will ja auch nicht sagen, dass bei uns nie Fehler passieren“, gibt sie zu. Doch manchmal ärgere sie die Darstellung in der Presse. „Wir gelten ja häufig als die Spaßbremsen im Gesundheitswesen, die Leistungsverweigerer“, kritisiert Schellert. Sie gibt zu bedenken: Irgendjemand müsse Grenzen ziehen. Es sei nicht im Interesse der Versicherten, wenn immer alles bezahlt werde. „Dass man sich da nicht immer Freunde macht, liegt in der Natur der Sache.“ Schade findet sie, dass kaum bekannt ist, dass der MDK viele beratende Funktionen habe.

Der Medizinische Dienst wird aktiv, wenn er den Auftrag erhält. „Es geht um eine konkrete Fragestellung einer Krankenkasse, und die soll mit hoher Fachkompetenz und unter definierten Begutachtungsregeln beantwortet werden“, erläutert sie. Diese Richtlinien seien meist bundesweit gültig. „Es ist nicht so, dass ich morgens aufstehe und denke: Heute lehne ich mal besonders viel ab“, stellt Schellert klar. In ihrer Arbeit fühlt sie sich unabhängig. MDK-Mitarbeiter seien nicht bei den Kassen angestellt. Das habe der Gesetzgeber bewusst anders geregelt. „Wir haben keinerlei Erfolgsquoten. Unsere Bezahlung ist unabhängig vom Ergebnis.“

Wegen des Themas Arbeitsunfähigkeit (AU) stand der MDK kürzlich im Fokus der Öffentlichkeit. „Das wurde so dargestellt, als würden wir einfach so Leute wieder arbeiten schicken, obwohl sie eigentlich noch krank sind“, bemängelt sie. Beim MDK landeten AU-Bescheinigungen in erster Linie, wenn eine Krankheit über einen sehr langen Zeitraum bestehe. „Wir werden zumeist bei komplexen Fällen eingeschaltet“, berichtet die Sozialmedizinerin. Da gehe es um existenzielle Fragen, etwa, ob jemand seine Arbeit noch ausüben könne, und wenn ja, wie man ihm dabei helfen könne. Es sei keine Dauerlösung, wieder und wieder eine AU-Bescheinigung auszustellen. Der MDK entscheide auch nicht immer nach Aktenlage, wie oft behauptet werde. Wenn es nötig und sinnvoll sei, finde ein Patientenkontakt statt.

So auch bei einer Patientin, die heute zur Untersuchung in der Kölner MDK-Niederlassung war. Sie hat eine psychische Erkrankung und ist seit fast einem Jahr krankgeschrieben. Ist eine Rehabilitation indiziert oder ein Klinikaufenthalt? Wie geht es weiter? Das soll gemeinsam mit der Patientin und dem behandelnden Arzt geklärt werden. „Ein ganz großer Teil unserer Arbeit besteht darin, Ärzte zu kontaktieren“, sagt Schellert. Da entstünden mitunter Netzwerke. „Wenn sich das Verhältnis etabliert hat, kommt auch ein Anruf von der anderen Seite“, erläutert sie. Wenn eine solche Vernetzung funktioniert, dann sei das ein Erfolgserlebnis.

Heute ist Schellert nicht mehr als Gutachterin tätig, sondern hat als Leiterin des Verbundes Süd organisatorische Aufgaben und Personalverantwortung. Und sie befasst sich mit Grundsatzfragen der Versorgung: So ist zum Beispiel eine engere Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein geplant. Bei sozialmedizinischen Fragen könne der MDK mit seinem Know-how helfen. Das werde leider in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig wahrgenommen.

Dr. med. Birgit Hibbeler

Fakten zum MDK

Der Medizinische Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) berät die gesetzlichen Krankenkassen. Dabei geht es häufig um die Überprüfung von Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen, Verordnungen von Hilfsmitteln und Anträge auf Rehabilitation. Hinzu kommen Pflegeeinstufungen und die Überprüfung von Krankenhausbehandlungen. Der MDK berät aber die Kassen nicht nur in Einzelfällen, sondern auch in Grundsatzfragen.

Es gibt nicht „einen“ MDK, sondern 15. Die Medizinischen Dienste sind auf Ebene der Bundesländer organisiert und unterstehen der Aufsicht des zuständigen Landesministeriums. Die MDK-Mitarbeiter sind nicht bei den gesetzlichen Krankenkassen angestellt. Wohl aber zahlen die Kassen auf Landesebene einen Betrag in einen Topf, aus dem der MDK finanziert wird.

Die bundesweit übergeordnete Einrichtung der MDKen ist der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen. Die Medizinischen Dienste haben haben insgesamt 7 800 Mitarbeiter, davon 2 100 Ärzte.

Leserkommentare

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Avatar #2546
Dr. Sascha Baller
am Montag, 27. Januar 2014, 08:27

Die Finanzierung des MDK ist das Problem!

Ein Grundproblem des MDK ist die finanzielle Abhängigkeit von den Kran­ken­ver­siche­rungen. Neutralität und Unabhängigkeit ist doch praktisch nicht möglich, wenn der eigene Arbeitsplatz von den Kran­ken­ver­siche­rungen bezahlt wird. Krankenkassen werden heutzutage wie Wirtschaftsunternehmen geführt, die an ihrem Jahresergebnis gemessen werden. Die Interessenslage ist eindeutig: Wenn weniger Geld für Versicherte und Leistungserbringer ausgegeben wird, bleibt am Jahresende mehr Geld für ein positives Jahresergebnis übrig. Über das Verhältnis von Wertschöpfung und notwendigen Verwaltungsstrukturen bei Kran­ken­ver­siche­rungen/MDK und Patienten/Leistungserbringern sollten wir bei dieser Gelegenheit vielleicht auch mal grundsätzlich nachdenken.
Dr. Sascha Baller
Dr. Baller | Medizincontrolling
www.drg24.de
Avatar #653267
asklepion
am Sonntag, 26. Januar 2014, 13:05

MDK: Leben in der Illusion

Die Kollegin Schellert beschreibt das Bild welches der MDK gerne von sich selbst verbreitet sehen möchte. Allerdings ist die vom MDK gelebte Realität, mit der die angestellten Kollegen und die selbstständigen Niedergelassenen tagtäglich konfrontiert werden eine gänzlich andere.
Der MDK wird von der jeweiligen Krankenkasse beauftragt dem behandelnden Arzt eine ärztliche Meinung entgegenzusetzen um der Krankenkasse Geld zu sparen. Ob dies in einer Änderung einer DRG, einer Verweigerung einer ambulanten Leistung oder ähnlichem besteht ist dabei erst einmal nebensächlich.
Besonders entlarvend wirkt hier die Bemerkung der Kollegin Schellert „Aber ich fand das auch plausibel, dass da mal jemand schaut, wie sich ein Fall entwickelt“, denn im stationären wird ja gerade ex post geprüft und entschieden, wenn man die Entwicklung eines "Falles" (in der Regel sind es Patienten und somit menschliche Wesen) nicht mehr beeinflussen kann und nur noch um eine Reduktion des Erlöses verhandelt wird.
Im ambulanten Bereich drängen die Kassen auf eine Vermeidung der 7. Woche und schreiben ab der 4. Woche die Patienten an. Hierbei wird pauschal behauptet, die Kasse habe sich mit dem behandelnden Arzt und dem MDK zusammengesetzt, um den besten Weg zur Erlangung einer schnellstmöglichen Arbeitsfähigkeit zu bestimmen. In enger zeitlicher Abstimmung flattert dem behandelnden Arzt das Ersuchen um ausführliche Auskunft (meist vage am Formular 52) inkl. der vollständigen Übersendung der Krankenunterlagen, zwecks Weiterleitung an den MDK über die Kasse ins Haus, gerne auch per Fax. In den wenigen Fällen, die mir persönlich gekannt wurden, in denen der MDK tatsächlich mit einer Beurteilung beauftragt wurde, erfolgte diese nach Aktenlage des behandelnden Arztes. Der "Mehrwert" war erwartbar gering.
In wie fern eine Promotion als Einstellungsvoraussetzung zur Kompetenz des MDK beiträgt bleibt das Geheimnis der Kollegin Schellert.
Auch ihre kritische Bemerkung in Sachen "Spaßbremse" kann man nicht unkommentiert lassen. Der Dreiklang ist uralt: die Kassen verweigern die Bewilligung der Leistung im notwendigen Ausmass mittels Budget, der MDK bescheinigt der Kasse, nach Aktenlage die Rechtmässigkeit der Verweigerung der über das übliche Mass hinausgehenden Leistungen und der Arzt muss das dem Patienten gegenüber vertreten.
"Es sei nicht im Interesse der Versicherten, wenn immer alles bezahlt werde."
Hier stimme ich uneingeschränkt zu. Allerdings sehe ich das Einsparpotential sicher in einem anderen Bereich als die Kollegin Schellert. Mehr Einsparungen in der Verwaltung von GKV, KV und MDK= mehr Leistung für die Patienten ohne höhere Kosten.

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