ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2014Bayerische Gynäkologen: Mutige Aufarbeitung

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Bayerische Gynäkologen: Mutige Aufarbeitung

Dtsch Arztebl 2014; 111(1-2): A-38 / B-34 / C-32

Jachertz, Norbert

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Ein Musterbeispiel, wie hart, aber schließlich auch wie ehrlich eine wissenschaftliche Fachgesellschaft mit einer belasteten Vergangenheit umgehen kann, liefert die Bayerische Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde (BGGF). Anlässlich ihres hundertjährigen Bestehens im Januar 2012 gab sie diese Festschrift heraus, die mit normalen Produkten dieser Spezies wenig zu tun hat. Es gibt zwar einen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte, auch auf Vorstände und Satzungsänderungen, doch weitaus schwergewichtiger sind die Artikel zu umstrittenen Fragen der jüngeren Vergangenheit, nicht allein aber vor allem der NS-Zeit: so, höchst spannend, die innerärztliche Auseinandersetzung über die „Pille“ und über den Beginn des Lebens, oder über den gar nicht so merkwürdigen Streit, ob die Andrologie nicht auch zur Gynäkologie gehört oder gut gemeinte Bestrebungen zur freiwilligen Sterilisation. Das alles in der Zeit der (jungen) Bundesrepublik. Vor allem aber behandelt die Festschrift die Frage, wie sich das Fach in der Nazizeit darstellte, sich prominente Fachvertreter mit dem System arrangierten und nach 1945, als sei nichts gewesen, Karriere machten.

Auch die BGGF hielt sich, ähnlich anderen Gesellschaften, mit der Aufarbeitung lange dezent zurück. Noch 1987, anlässlich ihres 75-jährigen Bestehens, vermerkt die Gesellschaft zur NS-Zeit schlicht, sie sei „unbewältigt“. Verfehlungen einzelner Repräsentanten entschuldigt sie mit der „politisch schwierigen Zeit“ nach 1933. Als Manfred Stauber, Oberarzt an der 1. Universitätsfrauenklinik München 1991 die Verwicklungen namhafter Kliniker in den NS aufdeckte, sah er sich heftigen Angriffen vieler Kollegen ausgesetzt. Ein Beitrag Staubers in der Festschrift lässt ahnen, was da los war. Staubers Aktivitäten (der einige mutige Kollegen gefolgt sind) führten schließlich zur Aufarbeitung im Fach. 1994 greift die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe unter ihrem damaligen Präsidenten Hermann Hepp (München) das Thema immerhin auf. Doch noch 2011 spart dieselbe nationale Gesellschaft in ihrer Festschrift zum 125-jährigen Jubiläum das Dritte Reich weitgehend aus. Dann die Kehrtwendung in Bayern, eingeleitet durch lokale Initiativen, so in Würzburg und Erlangen – bis hin zu dieser Festschrift, die nach dem Urteil eines Beteiligten nur durch das Zusammentreffen glücklicher Umstände entstehen konnte. Immerhin. Respekt! Norbert Jachertz

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Christoph Anthüber, Matthias W. Beckmann, Johannes Dietl, Fritz Dross, Wolfgang Frobenius (Hrsg.): Herausforderungen. 100 Jahre Bayerische Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde. Thieme, Stuttgart 2012, 328 Seiten, kartoniert, 99,99 Euro

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