ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2014Die Sieben Todsünden: Mehr als nur genug

KUNST + PSYCHE

Die Sieben Todsünden: Mehr als nur genug

PP 13, Ausgabe Januar 2014, Seite 2

Kraft, Hartmut

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Mit den Bildern zur Wollust („Luxuria“) hat unsere neue Serie zu den „Sieben Todsünden“ begonnen, nun folgen Arbeiten zur Völlerei oder Gefräßigkeit („Gula“), der anderen der beiden sogenannten fleischlichen Todsünden. Wir schauen auf eine Gesellschaft von Dickwansten, die sich in der Küche um einen großen Tisch versammelt hat. Schinken und Würste hängen zuhauf von der Decke, im offenen Kamin wird ein Ferkel am Drehspieß gebraten. Mehrere Bedienstete sind mit der Zubereitung der Speisen beschäftigt. Mit dem Rücken zum wärmenden Feuer sitzt ein schon etwas älterer Mann, vermutlich der Hausherr. Ein Mitzecher dreht dem Betrachter den Rücken zu, ein anderer beißt genüsslich in ein Fleischstück oder einem Laib Brot, während eine stark übergewichtige Frau ein Kind an ihre Brust gelegt hat und zugleich genüsslich einen Weinbecher betrachtet. Der BMI ist bei allen Personen längst im roten Bereich angekommen – und selbst Hund und Katz kommen in diesem kulinarischen Überfluss nicht zu kurz. Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit spielen in diesem Haus des Überflusses allerdings keine Rolle, wie eine Szene am rechten Bildrand zeigt. Dort wird ein Spielmann oder Bettler mit einem Fußtritt aus dem Fenster gejagt. Für ihn ist kein Platz an der überreich bestückten Tafel der reichen Prasser. Insofern haben wir es hier nicht mit einer Darstellung einer harmlosen Feier oder gar des Schlaraffenlandes zu tun. Stattdessen beinhaltet dieser kleine, weniger als postkartengroße Kupferstich eine deutliche Kritik an den hier dargestellten Verhältnissen. Durchaus nicht jeder ist berechtigt, die Küche aufzusuchen, wie es die Textzeile unter dem Bild empfiehlt. Auch wenn der Zusammenhang dieses mit der Nummer 42 versehenden Bildes nicht bekannt ist, so eignet er sich zweifellos zur Illustration der „Gula“, der Völlerei oder Gefräßigkeit in ihren antisozialen Aspekten. Dass der Hausherr sich einen feisten Mönch mit der linken Hand vom Leibe hält, unterstreicht diesen Aspekt. Auch wenn der zum Spielmann blickende Mönch selbst Teil der zechenden Gesellschaft ist, so ist doch gerade von ihm ein mahnendes Wort zum Umgang mit dem spindeldürren hungrigen Spielmann zu erwarten. Eine Mahnung, die der Hausherr offensichtlich nicht anhören will.

Johannes Theodor de Bry: Ut ventri bene sit, praesentem quaere culinam („Damit es dem Bauch gut geht, suche unverzüglich die Küche auf.“). Kupferstich mit Textzeile, Entstehungsjahr unbekannt, 10,2 × 9,5 cm
Johannes Theodor de Bry: Ut ventri bene sit, praesentem quaere culinam („Damit es dem Bauch gut geht, suche unverzüglich die Küche auf.“). Kupferstich mit Textzeile, Entstehungsjahr unbekannt, 10,2 × 9,5 cm

Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie es um die Versorgung mit Lebensmitteln im 16./17. Jahrhundert bestellt war, so wird der Aspekt der in diesem Bild dargestellten Völlerei noch deutlicher: Es galt als Ausdruck von Wohlstand, wenn man der Verwandtschaft bei großen Familienfesten Fleisch vorsetzte, gar in mehreren Gängen. Das Alltagsessen der Bevölkerung war weitestgehend fleischlos und der Sonntagsbraten sprichwörtlich. Die Bauern lebten wochentags von einem Brei aus Getreide und Gemüse, Adlige hingegen leisteten sich die Jagd als Vergnügen und das erlegte Wildbret als Gaumenschmaus. Der heutige hohe Fleischkonsum breiter Schichten der Bevölkerung war seinerzeit ebenso unvorstellbar wie der Reichtum an dargestellten Lebensmitteln auf diesem Kupferstich von Johannes Theodor de Bry.

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Dr. med. Hartmut Kraft

Biografie Johannes Theodor de Bry

Geboren 1561 in Lüttich als Sohn des Kupferstechers und Radierers Theodor de Bry, mit dem er später oft zusammenarbeitete. Er war ein gefragter Kupferstecher, der zahlreiche Arbeiten nach berühmten Gemälden anfertigte und auch eigene Motive entwarf. Eine seiner beiden Töchter heiratete Matthias Merian d.Ä. (1593–1650), der später den renommierten Verlag seines Schwiegervaters de Bry in Frankfurt übernahm. Gestorben 1623 in Frankfurt.

1.
Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid & Co. in Therapie und Seelsorge. Berlin und Heidelberg: Springer 2012.
2.
Wappenschmidt K, Hüsers K: Völlerei – Genug kann nie genügen. Katalog zur Ausstellung im Kulturzentrum Sinsteden, Rommerskirchen-Sinsteden 2012.
1.Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid & Co. in Therapie und Seelsorge. Berlin und Heidelberg: Springer 2012.
2.Wappenschmidt K, Hüsers K: Völlerei – Genug kann nie genügen. Katalog zur Ausstellung im Kulturzentrum Sinsteden, Rommerskirchen-Sinsteden 2012.

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