ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2014Psychische Erkrankungen: Besonders hohe Krankheitslast

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Psychische Erkrankungen: Besonders hohe Krankheitslast

PP 13, Ausgabe Januar 2014, Seite 16

Bühring, Petra

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Dem G-BA-Vorsitzenden Josef Hecken stellt sich die Frage, wie man mit Lebenskrisen umgehen soll. Foto: DGPPN
Dem G-BA-Vorsitzenden Josef Hecken stellt sich die Frage, wie man mit Lebenskrisen umgehen soll. Foto: DGPPN

Wie beeinflusst die Diskussion um Befindlichkeitsstörungen versus behandlungsbedürftige psychische Erkrankungen den hohen Versorgungsbedarf bei langen Wartezeiten? Beiträge am Rande des DGPPN-Kongresses

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) hat eine klare Botschaft an die nächste Bundesregierung: Dem Versorgungsbedarf psychisch kranker Menschen müsse stärker Rechnung getragen werden, indem die notwendigen Strukturen geschaffen und das Fach der sprechenden Medizin gestärkt werden. Prof. Dr. med. Wolfgang Maier stellte beim Jahreskongress seiner Fachgesellschaft Ende November in Berlin fest: „In keinem anderen Fach klaffen Versorgungsbedarf und -angebot so weit auseinander.“ Dies sei kaum nachvollziehbar, weil psychische Erkrankungen aufgrund der zunehmenden Fehlzeiten und Frühverrentungen „immense Folgekosten“ verursachten.

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Maier, auch Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn, hält das im Koalitionsvertrag aufgenommene Ziel, mehr Betroffenen eine zeitnahe Kurzzeittherapie anbieten zu können, für sehr wichtig. Sehr sinnvoll sei auch die „indizierte Prävention“, also bei Frühwarnzeichen Hilfesuchenden auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Präventionsangebote zu unterbreiten: „Damit können Krankheiten verhütet werden – doch die Kassen zahlen das bislang nicht“, kritisierte der DGPPN-Präsident. Ebenso fordert er eine Aufwertung der ärztlichen Gesprächsleistungen – diese seien vor allem im Vergleich zur Richtlinien-Psychotherapie völlig unterbewertet.

In Bezug auf die Revision der US-amerikanischen Klassifikation psychischer Störungen, DSM-5, die dem Vorwurf ausgesetzt ist, neue psychische Krankheiten zu produzieren, warnte Maier vor einer „Pathologisierung resilienzfördernder Faktoren“. „Bei der Ausweitung der Grenzen psychischer Störungen müssen wir vorsichtig sein, sonst besteht die Gefahr, harmlose Befindlichkeitsstörungen und gesellschaftliche Probleme zu medikalisieren.“ Die resultierenden Leistungsansprüche könnten das Versorgungssystem überlasten – vor allem zum Nachteil von schwer psychisch Kranken.

Medikalisierung vermeiden, aber auch Bagatellisierung

Die Herausforderung der diagnostischen Praxis bestehe darin, Medikalisierung zu vermeiden, aber auch die Bagatellisierung von Beschwerden mit der Folge, dass trotz erheblicher Belastungen Angebote nicht oder erst sehr spät in Anspruch genommen werden, betonte Prof. Dr. rer. nat. Frank Jacobi, Psychologische Hochschule Berlin. „Ob ein Behandlungsbedarf besteht, ist schwer und niemals absolut zu bestimmen.“ Dies sei jedoch ein grundsätzliches Problem bei der Frage des „medizinisch Notwendigen“ und nicht auf psychische Störungen beschränkt. Aufgrund der besonders großen Krankheitslast bestehe bei einer psychischen Diagnose jedoch immer Bedarf weiterer Abklärung und Beobachtung, sagte Jacobi.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Heinz vom Vorstand der DGPPN schlug eine Krankheitstheorie vor, die dann von einer behandlungsbedürftigen Erkrankung spricht, wenn wesentliche Funktionen oder auch die soziale Teilhabe deutlich beeinträchtigt seien. „Die Krankheit muss für den Betroffenen von erheblichem Nachteil sein“, sagte der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, „aber nicht jeder Leidenszustand ist eine Erkrankung“. Das DSM-5 habe nicht lauter neue Diagnosen beschrieben, sondern neue Kategorien festgelegt, wenngleich es in einzelnen Fällen die Grenze zwischen sozial beeinträchtigenden Störungen und Krankheiten im eigentlichen Sinne aufweiche (siehe auch „Hilfestellung zur Indikation“, DÄ, Heft 49/2013).

Der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA), Josef Hecken, war nach seiner Äußerung, man brauche nicht für jeden eine Psychotherapie, denn eine Flasche warmes Bier tue es manchmal auch, vielfach angriffen worden. „Ich wollte auf das Problem einer belastbaren Abgrenzung zwischen behandlungsbedürftigen Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen hinweisen“, erklärte Hecken nun. Er nutzte den DGPPN-Kongress, „um mich zu entschuldigen und meine fachlich nicht fundierte Bemerkung zurechtzurücken“. Ihm stelle sich die Frage, wie man mit Lebenskrisen oder fortgesetzten Überforderungen umgeht: „Werden Menschen manchmal nicht viel zu früh für krank erklärt, obschon sie eine Lebenskrise auch allein oder mit Hilfe ihres sozialen Umfeldes bewältigen können?“ Es gehe ihm nicht um eine Ressourcendiskussion und auch nicht um eine Bagatellisierung, versicherte Hecken. Doch man müsse darauf achten, dass nicht bei einer Vielzahl von neuen leichteren Störungen, wie sie das DSM-5 zum Teil kategorisiere, die zur Verfügung stehenden Ressourcen grundlos eingesetzt würden. „Dies umso mehr, als das DSM-5 präjudizierende Wirkung für die kommende neue ICD-11 haben wird“, gab Hecken zu bedenken.

Ziele des Koalitionsvertrags zügig umsetzen

Liege indes eine behandlungsbedürftige Erkrankung vor, müssten ausreichende Behandlungsoptionen zeitnah zur Verfügung stehen, forderte der G-BA-Vorsitzende weiter. Alle im Koalitionsvertrag vorgesehenen Ziele, wie die Verringerung der Wartezeiten, zeitnahe Kurzzeittherapie sowie die Überarbeitung der Psychotherapie-Richtlinie durch den G-BA, sollten deshalb zügig umgesetzt werden. Zur Reduzierung der Wartezeiten habe der G-BA außer der Bedarfsplanung kein Instrument zur Steuerung, erläuterte Hecken. „Obwohl bundesweit mehr als 28 000 Personen für den Bereich Psychotherapie zur Verfügung stehen – bei 52 000 Hausärzten zum Vergleich –, haben wir in ländlichen Regionen Versorgungslücken.“ Alle neuen Praxissitze für Psychotherapeuten, aber auch für Nervenärzte sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten seien deshalb für diese Regionen vorgesehen. Hecken wies darauf hin, dass ab 1. Januar 2014 wahrscheinlich knapp 300 Sitze übergangsweise für Psychologische Psychotherapeuten freigegeben würden, die von ärztlichen Psychotherapeuten nicht besetzt werden konnten. Eine Entscheidung stehe noch vor Weihnachten im G-BA an.

Petra Bühring

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