ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2014US-Gesundheitsreform: Online-Beratung statt Arztbesuch

POLITIK

US-Gesundheitsreform: Online-Beratung statt Arztbesuch

PP 13, Ausgabe Januar 2014, Seite 21

Schmitt-Sausen, Nora

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Der Arzt ruft an: Gesundheitsprobleme sollen künftig auch am Mobiltelefon besprochen werden können. Foto: iStockphoto
Der Arzt ruft an: Gesundheitsprobleme sollen künftig auch am Mobiltelefon besprochen werden können. Foto: iStockphoto

Das politische Gezerre um die Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama nimmt kein Ende. Die Gesundheitswirtschaft hat sich dagegen längst auf die Veränderungen im System eingestellt, ihr eröffnet sich ein millionenschwerer Markt.

Nicht nur die Pflicht zur Kran­ken­ver­siche­rung von 2014 an signalisiert elementare Verschiebungen im US-amerikanischen Gesundheitswesen. Barack Obamas fast 1 000 Seiten starkes Reformwerk ist gespickt mit Forderungen an nahezu alle Akteure des Systems. Die Liste der Veränderungen ist lang: Versicherer müssen einen festgelegten Teil ihrer Einnahmen für die Gesundheitsversorgung statt für Profit und Verwaltung ausgeben. Staatliche Zuwendungen an Krankenhäuser werden heruntergefahren und gute Versorgungsleistungen gesondert honoriert. Ärzte werden angehalten, teure Behandlungen zu reduzieren und verstärkt auf Prävention zu setzen. Mehr Unternehmen müssen sich um die Kran­ken­ver­siche­rung ihrer Angestellten kümmern. Über allen Maßnahmen stehen die Schlagworte: Versorgung verbessern, Kosten reduzieren – unterm Strich: effizienter arbeiten, um ein teures und an vielen Stellen verkrustetes System zukunftsfähig zu machen.

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Die Zukunft ist digital

Für die Gesundheitswirtschaft tut sich durch die Systemumwälzungen ein millionenschwerer Markt auf. Die neue Gesundheitsversorgung made in USA ist künftig vor allem eins: digital. Innovative digitale Technologien sollen das Mehr an Effizienz bringen, das von der Regierung eingefordert wird. Vor allem Start-ups reagieren schnell und pfiffig auf das neue Verlangen nach Gesundheitsdienstleitung.

Health Tap bietet Patienten die Möglichkeit, sich via Internet oder Mobiltelefon mit Ärzten in Verbindung zu setzen. Die Patientenfragen werden digital beantwortet, gegen Gebühr können Gesundheitsprobleme erörtert und elektronische Krankenakten und Bilder übermittelt werden. Das Start-up greift nach eigenen Angaben auf ein Netzwerk von fast 50 000 Ärzten zurück.

RedBrick unterstützt Unternehmen dabei, ihre Angestellten in Sportstudios zu locken oder von der Teilnahme an Raucherentwöhnungsprogrammen zu überzeugen. Sie lotsen Angestellte via Onlineplattform und Motivationsanrufe durch ein individuelles Gesundheitsprogramm.

Loopback Analytics identifiziert und betreut Risikopatienten. Ziel des Unternehmens ist es, zu verhindern, dass Patienten zurück ins Krankenhaus gehen. Ein gefragter Service. Denn: Krankenhäuser mit hohen Wiederaufnahmeraten werden seit der Einführung von Obamacare Zuwendungen gestrichen.

Auch in der ambulanten Versorgung sind solche Überwachersysteme im Kommen: Adhere Tech überprüft mit Hilfe ausgereifter digitaler Technik, ob Patienten ihre Medikamente einnehmen. Die Idee: eine mit Sensoren bestückte Pillenbox, die das Einnahmeverhalten dokumentiert und mit dem Patienten kommuniziert. Warnsignale oder automatisierte E-Mails und Textnachrichten aufs Handy informieren den Patienten beispielsweise über Einnahmefehler. Smartphones werden zum medizinischen Gerät umfunktioniert, beispielsweise bei der Diagnostik von Ohrerkrankungen. So sorgt CellScope Oto unterstützt durch einen Aufsatz dafür, dass Fotos vom Innenohr gemacht und digital versendet werden können.

Patientendaten besser nutzen

Obamacare setzt bei Ärzten und Kliniken außerdem Anreize, Patientenakten zu digitalisieren. Ziel ist, den Austausch von Daten zwischen Behandlern zu verbessern. Die Digitalisierung soll auch dazu führen, dass Patientendaten besser genutzt werden können. Zum Beispiel erhält der Behandler eine Erinnerung, damit Screening-Termine nicht vergessen werden. Andere Programme helfen Versorgungsanbietern, Patientenakten auszuwerten. Bereits bestehende digitale Krankenakten werden dank moderner Technologie mit Live-Daten von medizinischen Geräten ergänzt.

Bis zu 30 Millionen neue Patienten, enormer Kostendruck, eine alternde Bevölkerung und Ansätze zur digitalisierten Gesundheitsversorgung: Diese explosive Kombination könnte für die innovationsfreudigen USA nicht nur Ballast, sondern auch Chance sein.

Nora Schmitt-Sausen

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