ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2014Wissenschaftliche Fachgesellschaften: Ein schmerzhafter Prozess

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Wissenschaftliche Fachgesellschaften: Ein schmerzhafter Prozess

PP 13, Ausgabe Januar 2014, Seite 22

Jachertz, Norbert

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Die „Aufarbeitung“ der NS-Zeit läuft. Die Kontinuitäten nach 1945 machen vielen wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften zu schaffen.

Lange wurde schamhaft geschwiegen und der Mantel der Solidarität über prominente Fachkollegen und verehrte Lehrer ausgebreitet, doch inzwischen vergeht kaum ein Kongress einer der bedeutenden medizinischen Fachgesellschaften, auf dem nicht deren Rolle in der NS-Zeit beleuchtet wird. Soeben erst, im September in Nürnberg, die Gastroenterologen, Ende November erneut die Psychiater und Neurologen in Berlin. Im September letzten Jahres die Hämatologen, 2011 die Chirurgen und die Urologen. Andere, so die Internisten, sind an der Arbeit.

Die Medizinhistoriker der Technischen Universität Aachen hatten offenbar das richtige Gespür, als sie mit einer Tagung am 8. und 9. Oktober 2013 eine erste Bestandsaufnahme solcher Bemühungen angingen. Tagungsleiter Matthis Krischel blickt auf einschlägige Erfahrungen zurück; er war an dem Urologenprojekt maßgeblich beteiligt. 14 Fachgebiete, die wissenschaftlich ihre Rolle in der Nazizeit beleuchten, hatte das Aachener Institut aufgelistet. Die oben genannten waren (bis auf die Psychiater) nicht einmal darunter. Zusätzlich aber Standesorganisationen der Ärzte und (weniger mit Ergebnissen, wohl mit Absichtserklärungen) der Zahnärzte.

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Bestimmtes Ablaufmuster

Wie auch immer. Auf der Aachener Tagung zeichnete sich ein gewisses Muster ab, nach dem die wissenschaftlichen Fachgesellschaften in der NS-Zeit und danach agierten: Schnelle Gleichschaltung, Rauswurf der jüdischen Kollegen, Übernahme der nationalsozialistischen Ideologie (vom Führerprinzip bis zur Rassenhygiene), Verschweigen bis Verleugnen der Verfehlungen und vielfache personelle Kontinuitäten nach 1945. Schließlich der schmerzhafte Prozess der Aufarbeitung.

Die Aufarbeitung setzte relativ spät ein. Zu den ersten Fachgesellschaften zählte die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde (heute für Kinder- und Jugendmedizin), die 1995 den Freiburger Historiker und Pädiater Eduard Seidler mit der Aufklärung des Geschicks jüdischer Kinderärzte beauftragte. Seidlers Untersuchung kam 2000 heraus. Zehn Jahre später erklärte sich die Gesellschaft dann auch zu den Medizinverbrechen. Gleichfalls 2010 bekannten sich die Psychiater. Doch manche Fachgesellschaft tut sich schwer, gerade dann, wenn es um die Beteiligung von Fachkollegen an Medizinverbrechen geht.

Die Schwierigkeit, sich offen zu erklären, scheint an der ausgeprägten Lehrer-Schüler-Solidarität zu liegen. Eine Krux vieler Fachgesellschaften sind Ehrenmitgliedschaften, eine weitere nicht selten die obersten Repräsentanten. In beiden Fällen sind zumeist im Fach bekannte Ärzte betroffen, manchmal sogar hervorragende Wissenschaftler. Und nach 1933 waren diese prominenten Ärzte mehr oder weniger dem System verpflichtet. Was tun mit ihnen? Die Ehrenmitgliedschaft aberkennen? Schwierig, vor allem, wenn es sich um einen Säulenheiligen des Faches handelt. Ein prominentes Beispiel wurde in Aachen durch Philipp Rauh (Erlangen) vorgestellt – der Arbeitsmediziner Ernst Wilhelm Bader, opportunistischer NS-Anhänger und zugleich Gründervater der westdeutschen Arbeitsmedizin. Baader wusste seine Netzwerke sowohl in der Nazizeit wie in der Bundesrepublik geschickt für seine Karriere zu nutzen. Die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin trägt schwer an ihm. Zunächst stellte sie sich, auf Baaders politische Wendungen angesprochen, taub. Jetzt lässt sie nachforschen. Ein gewisser Aufschub. In absehbarer Zeit muss aber entschieden werden. Das könnte auf jenen Mittelweg hinauslaufen, den auch schon andere gegangen sind: Die Veröffentlichung ehrlicher Biografien und das Eingeständnis, in der NS-Zeit bereitwillig mitgemacht zu haben.

Komplexe Angelegenheit

Eine Institutionengeschichte der wissenschaftlichen Fachgesellschaften der Medizin, die Heiner Fangerau (Ulm) in Aachen ansprach, dürfte noch lange auf sich warten lassen. Das zeigte die Aachener Bestandsaufnahme. Fürs Erste scheinen die Gesellschaften, sofern sie das Thema anfassen, ausreichend mit sich beschäftigt. Zudem ist der Gegenstand höchst komplex. Zwar hätten die Fachgesellschaften vieles gemeinsam, bemerkte Fangerau. Aber bei näherem Hinsehen ergäben sich doch feine Unterschiede im Verhalten gegenüber dem NS.

Dazu kommen ganz praktische Probleme: Die Archive der meisten Fachgesellschaften sind mager bestückt. Es fehlen die Akten, und die offiziellen Tagungsberichte sowie die Reden von Vorsitzenden „sagen atmosphärisch wenig aus“ (Fangerau), wenn sie nicht sogar geschönt sind. Manchmal helfen Gegenüberlieferungen und, solange sie noch leben, Zeitzeugen – die, wie man weiß, eine wichtige, aber auch problematische Quelle sind. Und schließlich die Frage, mit der Veranstalter Krischel die Aachener Tagung beschloss: Wer zahlt das?

Norbert Jachertz

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