ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2014Psychoanalytische Psychotherapie: Bedrohliches Übertragungschaos

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Psychoanalytische Psychotherapie: Bedrohliches Übertragungschaos

PP 13, Ausgabe Januar 2014, Seite 26

Moser, Tilmann

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Doppel- und Mehrfachübertragung: über die Entwirrung von Stagnation und Widerstand in Psychoanalyse und Psychotherapie

Foto: iStockphoto
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Alle Psychoanalytiker wissen, dass Übertragungen sich oft fast mit Urgewalt in den Vordergrund, aus dem Unbewussten ins Vorbewusste drängen. Sie werden damit verstehbar, wenn der Therapeut fähig ist, sie zu entziffern und zu deuten, vorausgesetzt, er hat genügend Assoziationen, Träume, Verhaltens- oder körperliche Hinweise erhalten. Es mag ihm auch sein bisheriges Wissen über die Lebensschicksale des Patienten helfen, seine Intuition oder Gegenübertragungsgefühle, deren Impulse ihm zuerst vielleicht fremd, vielleicht bekannt vorkommen. Psychoanalytiker wissen auch, dass oft mehrere Übertragungen gleichzeitig darauf warten, aktiviert und erkannt zu werden. Verschiedene Anlässe, die als Auslöser wirken, können zu abrupten Übertragungsveränderungen führen, etwa wenn bei länger dauernder Vaterübertragung durch ein Ereignis, das an ein Erlebnis mit der Mutter erinnert, diese als Übertragungsfigur in den Vordergrund rückt.

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Ein Hilfsmittel zur Entzifferung eines „Übertragungssalates“ kann sein, die infrage kommenden, manchmal miteinander um Priorität rivalisierenden Introjekte auf leeren Stühlen simultan präsent zu machen. Ein Verfahren, dass in der klassischen Analyse noch viel zu wenig zur Orientierung in verwirrenden Konstellationen benutzt wird.

Übertragungsfiguren, die auf Entdeckung warten

Die Übertragungsfiguren können psychisch auf einer ähnlichen Ebene im Unbewussten gespeichert sein und auf Entdeckung warten, soweit sie sich nicht längst vorgedrängt haben und die Atmosphäre der Therapie massiv bestimmen. Nicht selten sind massive Übertragungen auf verschiedene Personen auch auf weit auseinander liegenden Ebenen angesiedelt. Ein Beispiel: die unbewusste prägende Erinnerung eines Patienten an ein Klima zwischen Mutter und erstem Kind aus dem ersten Lebensjahr und eine Übertragung auf die Mutter, die sich durch ein drittes Kind vier Jahre später vom Erstgeborenen auf entwertende Weise abwendet.

Es ist das typische Schicksal von mehrfach entthronten Kronprinzen oder Kronprinzessinnen. Der Patient kann gelegentlich schwelgen im Gefühl früher Verschmelzung mit dem Therapeuten; dann beobachtet er den für seine Wahrnehmung fröhlich triumphierenden Gesichtsausdruck seiner Vorgängerpatienten auf der Couch oder dem Sessel, und es durchfährt ihn ein stechender Schmerz, den er noch nicht orten kann, der aber ein Ergebnis seines Gefühls unaufhebbarer Zurücksetzung durch die Mutter ist. Dann bemerkt er beim Abschied, wie sehr ihn eine bestimmte Geste des Therapeuten plötzlich an tröstende Spaziergänge mit dem Vater zu jener Zeit erinnert, und er fühlt sich plötzlich liebevoll an der Hand genommen und vorerst gerettet vor dem emotionalen Absturz. Es hat sich zu den zwei Mutterübertragungen ein positives Vaterfragment eingestellt. Es können weitere Übertragungsteile dazutreten; die Sache verkompliziert sich, wenn sich eine tief verborgene Rachebindung an die Mutter darunter schiebt, die aber aus Überlebensgründen noch stärker verdrängt werden muss. Und die oft höchst ambivalente Bindung an den oft abwesenden Vater kann überlagert werden durch eine wiederum abgespaltene Idealisierung als den verständnisvollen Retter aus der Entthronungsnot.

Das nicht leicht zu überschauende Übertragungsbündel kann sich beliebig komplizieren durch die Beziehung zu den Geschwistern, zu Hausmädchen, intimen Schulfreunden, Großeltern, kultisch verehrten Stars oder Beziehungen zu Gott, Jesus oder Maria. Es gibt außerdem durchaus wirksame Übertragungsmöglichkeiten auf das Klima der Elternehe, das Selbstverständnis der Familie und anderes, das ebenfalls je nach Auslöser aktiviert werden kann.

Nicht alle Übertragungen werden auch in einer langen Analyse gleich gründlich angegangen werden können. Es ist aber sinnvoll, im Laufe der Arbeit immer wieder einmal nachzufragen, auf welcher seelischen Ebene sich die verschiedenen Introjekte befinden, ob sie ruhiggestellt sind oder sich in Träume und überraschende Affekte einmischen. Es gibt aber nicht nur sich kompliziert durchmischende Doppel- , sondern auch Mehrfachübertragungen, deren wechselndes Auftauchen eng mit dem Grad der Kooperation oder des Widerstandes zusammenhängen, sogar mit den unterschiedlichen Stimmungen des Therapeuten, die unmittelbar neue Übertragungsfragmente triggern.

Wenn man einem Patienten erklärt, warum der Therapeut gelegentlich eine zusätzliche Orientierung braucht über das Gestrüpp der Übertragungen, so erhält man leicht die Zustimmung zur Inszenierung der komplizierten Verknotungen. Wenn Analytiker und Patient das Coucharrangement als feststehendes Setting nicht aufgeben wollen, weil sie Störungen befürchten oder einen Wechsel in den vorübergehend veränderten Rollen nicht eingehen wollen, so bietet es sich auch an, im Liegen den Stand der Übertragungsbeziehungen zu den wichtigen Personen oder Introjekten nacheinander anzusprechen. Auch dies kann beim ersten Mal zunächst Erstaunen auslösen, aber beide Partner werden belohnt durch einen wachsenden Überblick über die noch anstehende Konfliktspannung zu den betroffenen Figuren.

Der „Saboteur“ des Behandlungsfortschritts

Im Zusammenhang mit der viel diskutierten und vielschichtigen Frage der „negativen therapeutischen Reaktion“ verweise ich nur andeutend auf die Wirksamkeit einer sehr geheimen Übertragung, der ich den Namen eines destruktiven Introjekts gegeben habe: Es ist der „Saboteur“ des Fortschritts der Behandlung, und man ist schon ein gutes Stück weiter mit der Erhellung einer zerstörerischen destruktiven Doppel- oder Mehrfachübertragung, wenn man ihn mit Namen und Funktion dingfest gemacht hat. Es besteht dann die Hoffnung, seinen Ursprung und seine Macht zu entschlüsseln und zu bekämpfen. Hinter seiner Existenz können sich aber wiederum eine Vielzahl von hemmenden Faktoren verstecken.

Den Anlass zu diesen Überlegungen bekenne ich mit leichter Beschämung: Über ein Jahr arbeitete ich vierstündig pro Woche mit einer 45-jährigen Psychotherapeutin, die seit sehr früher Kindheit den Zugang zu ihren Gefühlen verloren hatte. Sie war, obwohl erstes Kind, als Mädchen unwillkommen, eine in einer Kampfehe verbitterte Mutter ließ sie die Last spüren und verlangte dennoch aufopferungsvolle Hilfe der Tochter gegen ihre Krankheiten, ihre Lebensenttäuschung und ihre Depression. Der Vater erwählte sie dagegen zu seinem Herzblättchen – unter der Bedingung, dass sie extrem fügsam sich seinem Willen unterwarf, seine Ansichten teilte und ihn damit stützte in seinem zerbrechlichen Selbstbewusstsein. Sie wurde sozusagen sein seelisches Eigentum, einschließlich einer wachsenden übergriffigen, aber nicht körperlich ausagierten erotischen Inanspruchnahme, die ihr aber von Anfang an zuwider war. Aber gegen diese konnte sie sich zunehmend durch Nichtbeachtung der lüsternen Anspielungen wehren, wenngleich um den Preis der Nichtbeachtung und der strafenden Abwendung durch ihn. Zwischen den Eltern tobten, neben der spürbaren wechselseitigen Entwertung, ideologische Kämpfe religiöser Art, so dass die Patientin immer zerrissen war zwischen den wechselnden Loyalitäten und stets des Verrats am jeweils anderen Elternteil bezichtigt wurde. Es gab kaum Gespräche, dafür oft erbittertes Schweigen oder hasserfüllte Ausbrüche der Mutter mit viel Geschrei und Schlägen. Das Mädchen gewöhnte sich an, „nichts zu fühlen“, was die schlagende Mutter noch mehr in Rage brachte.

Die Patientin kam oft leblos und tief resigniert in die Stunde. Sie hatte eine langjährige Analyse absolviert, ohne ins Leben zurückzufinden. Sie liebte so abgöttisch wie dienend ihre drei Kinder, aber zwischen ihr und ihrem Mann hatte sich eine ähnliche Atmosphäre der Entwertung, des Missverstehens und der Häme eingeschlichen, so dass die mit Halt gebender Berührung verbundenen Stunden trotz deutlicher Belebung in ihrem Ergebnis immer wieder untergingen. Es machte sich immer erneut eine Stimmung der Hoffnungslosigkeit breit.

Resignation und belastende Ohnmachtsgefühle

Viele Deutungen über die Gründe eines regelmäßigen Wiederverschwindens zaghafter Lebenszeichen führten zu nichts. Das zerstörerische Eheklima entfaltete eine so lähmende Wirkung, dass ich in meiner Not ihr nahezubringen versuchte, dass ich ohne einen vorübergehenden Auszug aus der Wohnung keine Chance für einen Erfolg sähe. Sie hing an unserer Arbeit, verurteilte sich hart wegen der mangelnden Fortschritte, sah die Notwendigkeit einer vorübergehenden Trennung gedanklich ein, aber machte keinerlei Vorbereitungen für eine Initiative. Sie schob die Kinder und das Durchhalten eines Ehegelöbnisses vor, und ich selbst übernahm schließlich zunehmend ihre tiefe Resignation und ein belastendes Ohnmachtsgefühl.

Über einige Monate häuften sich gegen Ende des Jahres die stereotypen Behauptungen, dass ich wohl einen „schweren Anschiss“ vorbereite oder gar plane, sie rauszuschmeißen. Für diese fast stereotypen massiven Übertragungen, mit denen sie die Stunden eröffnete, fand ich keinen inneren Widerhall, um so mehr, als ihr verborgener charmanter und zutraulicher Teil, verbunden mit ihrer auch schmeichelhaften Idealisierung meine Sympathie am Leben erhielt. Ich glaubte auf einen zähen Trotz zu stoßen, aber sobald ich das Wort verwendete, sank sie in sich zusammen und bekam körperlich fühlbare Ängste, so dass ich einmal sagte, sie mache den Eindruck, als ob sie, wie früher von der Mutter, geschlagen würde.

Ich hatte einen ein halbes Jahr vorausliegenden Zeitpunkt genannt, zu dem ich die Analyse unterbrechen würde, bis sie sich einen von der Familienwohnung getrennten Schutzraum gesucht habe. Sie wirkte ungläubig, entsetzt, fassungslos und verbreitete eine Stimmung von Weltuntergang, die mich immer wieder zweifeln ließ an meinen harten Bedingungen. Aus der Arbeit mit jugendlichen Strafgefangenen und mit Sozialpädagogen in Notstandsgebieten wusste ich, dass bei manchen Familienverhältnissen eine Resozialisierung nur gelingen konnte durch deren Entfernung aus ihrem familiären und sozialen Milieu. Das festigte auch meine Überzeugung, dass ich mich nicht länger der vergeblichen Arbeit aussetzen sollte. Sie vermittelte mir den Eindruck der Sisyphos-Strafe, bei der ein schwerer Stein knapp vor dem Ziel immer wieder den Berg hinunter rollte. Kurz vor dem Termin des einseitig von mir geplanten Auszugs überraschte sie mich mit dem Erfolg, den ich bewundern sollte, dass sie den Ehemann zu einem partiellen Auszug veranlasst hatte. Sie hatte ihre eigene Entfernung aus der Wohnung stillschweigend hintertrieben.

Wir entdeckten erschüttert, dass sie sich heimlich geweigert hatte, meinen Vorschlag überhaupt ernst zu nehmen. Ich fühlte mich regelrecht ausgetrickst, und wir entdeckten weiter, dass es eine tiefere Ebene der Übertragung gab, in der sie eine frühe Haltung den Eltern gegenüber, nämlich diese weder ernst zu nehmen noch ihre Anregungen und Befehle aufzunehmen, sozusagen wörtlich wiederholte, bei gleichzeitiger starker Zuneigung, Scheingehorsam, Kooperativität und Entwirklichung unserer Beziehung.

Eine komplexere Form begegnete mir mit einer anderen Patientin, bei der ebenfalls eine Stagnation zu genauerer Erforschung der Schichtung führt: als sehr früh gestörte Borderline-Patientin konnte sie zum Selbstschutz vor der tiefsten Ebene der Störung, einem massiven Stilltrauma, die Ebenen unberechenbar wechseln, ich notiere nur die wichtigsten: auf die des Traumas folge der am leichtesten triggerbare intensive frühe Hass auf die unberechenbar versagende Mutter, verbunden mit sehr verborgener Verachtung; darüber eine Vaterübertragung mit zärtlichen Gefühlen, aber unmittelbar auftretenden Schlageängsten (vor unberechenbaren Schlägen bei seinen ebenso unberechenbaren Kränkungen); eine fast wahnhafte Eifersucht bei Anwesenheitsspuren anderer Mitpatienten oder Begegnungen mit ihnen; Verstummen in lauerndem Misstrauen bei verändertem Stimmklang bei vermuteter plötzlicher Feindseligkeit bei mir; Umschlag in Fürsorglichkeit für mich bei Husten oder Zeichen von Müdigkeit (Lungenkrebserkrankung des Vaters und früher Tod); Verstoßungsangst (bei kleinen Verspätungen und Terminmissverständnissen). Erst viel später gelang es ihr, die rapiden Wechsel „wie von außen“ zu betrachten und ihre Verzahnung zu reflektieren. Gelegentlich half aber nur die Bitte, sich auf der Couch aufzusetzen, mich zu betrachten und zum Bild der wohlwollenden und zuverlässigen Person zurückzufinden. Freundliche Kommentare zu einem plötzlichen Umsturz der Affekte konnten ebenfalls hilfreich sein, konnten aber zu einer weiteren feindseligen Übertragung führen: „autoritärer Besserwisser“ (Vater oder ein demütigender Lehrer) mit Verstummen in Trotz oder Kränkung, gelegentlich verbunden mit körperlicher Erstarrung und Fluchtgedanken.

Schwere Borderline-Störungen werden erst seit einigen Jahrzehnten als therapierbar angesehen, mit viel Geduld und wachsender theoretischer Einsicht. Aber warum fasziniert mich das Thema der durcheinander fließenden Mehrfachübertragungen so stark? Es hat biografische Gründe: Als depressiver Borderline-Student erwies ich mich in meinen ersten beiden längeren Analyseversuchen als unbehandelbar und erhielt beim zweiten Scheitern den typischen nachgeworfenen Deutungsdreck: „Ich wusste nicht, dass Sie für das kostbare Instrument der Analyse gar nicht tauglich waren.“

Erst durch eine späte Kombination von Psychoanalyse, Körperarbeit und inszenierender Konfrontation lernte ich das Durcheinander der Übertragungen zu verstehen und allmählich zu handhaben. Damit will ich diese Methode nicht einfach idealisieren. Aber die Einsicht in die komplizierte Schichtung und das oft unberechenbare Auftauchen von gleichzeitig wirksamen Mehrfachübertragungen könnte manche Therapeuten und Analytiker bewahren vor schmerzhafter Stagnation und schwer zu beherrschender und destruktiv wirkender Ungeduld.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2014; 1(12): 26–8

Anschrift des Verfassers
Dr. phil. Tilmann Moser
Aumattenweg 3, 79117 Freiburg
tilmann.moser@gmx.de,www.tilmannmoser.de

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