ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2014Orthorexie: Sinnvoll oder pathologisch?

WISSENSCHAFT

Orthorexie: Sinnvoll oder pathologisch?

PP 13, Ausgabe Januar 2014, Seite 29

Sonnenmoser, Marion

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

„Orthorexia nervosa“ ist eine extreme Form gesundheitsbewussten Ernährungsverhaltens. Die Betroffenen legen sich selbst strenge Einschränkungen auf, indem sie nur biologisch „reine“ Nahrung zu sich nehmen. Ob es sich um eine eigenständige Störung handelt, ist noch unklar.

Foto: fotolia/Goran Bogicevic
Foto: fotolia/Goran Bogicevic

Die meisten Menschen strebten in den vergangenen Jahrhunderten danach, überhaupt satt zu werden. In Zeiten des Nahrungsüberflusses, mit dem die ständige Verfügbarkeit und eine beinahe unübersichtliche Vielfalt an Nahrungsmitteln einhergehen, gedeihen jedoch zunehmend Störungen, die diesen Luxus geradezu konterkarieren. Eine davon ist die Orthorexie. 1997 prägte der US-amerikanische Arzt Steven Bratman den Begriff der „Orthorexia nervosa“ als eine extreme Form gesundheitsbewussten Ernährungsverhaltens. Menschen, die unter dieser Störung leiden, können sich nicht am breiten Angebot an Nahrungsmitteln erfreuen und es genießen. Stattdessen legen sie sich selbst strenge Einschränkungen auf, indem sie nur biologisch „reine“, von chemischen Zusatzstoffen freie Nahrung zu sich nehmen. Sie beschäftigen sich täglich stundenlang mit gesunder Ernährung, suchen ständig nach noch gesünderen Ernährungsweisen und befolgen selbst aufgestellte Ernährungsregeln, die mit der Zeit immer strenger und rigider werden. Darüber hinaus verbringen sie viel Zeit damit, die „richtigen“ Lebensmittel auszuwählen und zuzubereiten.

Anzeige

Gefühl der Überlegenheit

„Der Wunsch, Gewicht zu verlieren, steht meist nicht im Vordergrund, vielmehr scheint die Angst, durch ungesunde Ernährung krank zu werden, von Bedeutung zu sein“, sagen die Psychologen Friederike Barthels und Reinhard Pietrowsky von der Universität Düsseldorf. Die Qualität der Lebensmittel ist den Betroffenen wichtiger als der Genuss oder die Quantität. Auf Lebensmittel, die früher gerne gegessen wurden, wird zunehmend verzichtet, um die „richtigen“ Lebensmittel zu essen. Der Verzehr solcher Lebensmittel steigert das Selbstwertgefühl der Betroffenen und vermittelt ihnen Gefühle der vermeintlichen Sicherheit und Kontrolle sowie ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber Personen, die sich nicht gesund ernähren. Wenn die Betroffenen hingegen von ihrer Ernährungsweise abweichen, empfinden sie Angst, Schuld und Selbstablehnung. Da sie von der Richtigkeit ihrer praktizierten Ernährungsweise meist absolut überzeugt sind, entwickeln sie nicht selten eine Art Missionierungseifer und versuchen, andere von ihrem Essverhalten zu überzeugen. Außerdem weisen sie nur eine geringe Änderungsmotivation und eine verminderte Einsicht darin auf, dass ihr Ernährungsverhalten krankhaft und schädigend sein könnte. Zu den negativen Folgeerscheinungen zählen zum Beispiel Mangelernährung, unerwünschter Gewichtsverlust, soziale Isolation, kognitive Fixierung und Zwangsrituale.

Während sich die Massenmedien gerne der Störung widmen, hat sich die Forschung bisher kaum damit befasst. Daher gibt es fast keine gesicherten Erkenntnisse. Man nimmt an, dass die Störung oft im Zuge einer Ernährungsumstellung, zum Beispiel auf eine vegetarische oder vegane Ernährung, beginnt. Sie dient anfänglich dazu, den Gesundheitszustand zu verbessern oder Erkrankungen zu behandeln, später stehen andere Beweggründe wie etwa die Angst, durch „kontaminierte“ Lebensmittel zu erkranken, im Vordergrund. Es ist außerdem zu vermuten, dass aktuelle Lebensmittelskandale die Furcht vor krankmachenden Nahrungsmitteln schüren und dass häufige Berichte über neue Diät- und Ernährungsformen sowie Er­näh­rungs­emp­feh­lung­en dazu beitragen, dass eine übertriebene Fixierung auf „gesunde“ Lebensmittel entsteht. Als Risikogruppen gelten unter anderem Personen, die sich professionell mit der Ernährung befassen wie etwa Diätassistenten, Ernährungsberater oder Fitnesstrainer, aber auch Personen, denen die Einhaltung von Normen wichtig ist und die sich intensiv mit der Gesundheit beschäftigen. Als komorbide Störungen treten beispielsweise soziale Ängste, Phobien und Depressionen auf.

Widersprüchliche Ergebnisse

Wie verbreitet die Störung ist, ist kaum bekannt. Die momentan zur Verfügung stehenden Untersuchungsinstrumente, wie etwa der „Orthorexia Self-Test“ oder die „Düsseldorfer Orthorexie-Skala“, lieferten bisher widersprüchliche Ergebnisse. Anzunehmen ist, dass etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung vom Vollbild der Störung betroffen sind, wobei ein wesentlich höherer Prozentsatz möglicherweise subklinische Ausprägungen aufweist. Ferner weiß man nicht, in welchem Zusammenhang soziodemografische Variablen wie etwa Alter, Geschlecht oder Bildung mit der Störung stehen, und es wurde auch noch nicht erforscht, ob Orthorexie in allen Kulturkreisen oder nur in westlichen, wohlhabenden Ländern auftritt.

Auch ist nicht sicher, ob es sich bei orthorektischem Ernährungsverhalten um eine eigenständige Störung handelt und welche nosologische Klassifikation angemessen ist. Da mit der Orthorexie Symptome verschiedener Störungen einhergehen, wird sie unter anderem in die Ess-, Zwangs- oder somatoformen Störungen eingeordnet, aber auch der Hypochondrie oder der anamkastischen Persönlichkeitsstörung zugerechnet. Ebenfalls ungeklärt ist die Frage, wann gesundheitsorientiertes Ernährungsverhalten vorbildlich und sinnvoll ist und einem aktuellen Trend folgt und wann es pathologisch wird.

Eigenständig oder komorbid

Aufgrund der fehlenden Klassifikation und dem Mangel an spezifischen Interventionen bleibt es jedem Behandler im Moment noch selbst überlassen, ob er die Orthorexie als eigenständige Störung anerkennt oder sie als komorbide Störung mitbehandelt und welche Verfahren er einsetzt. Empfehlenswert können unter anderem Psychoedukation mit Ernährungsberatung sein, kognitive Umstrukturierung oder Reizkonfrontation, um die Angst vor vermeintlich ungesunden Nahrungsmitteln abzubauen. Allerdings ist die Orthorexie in einigen Bereichen so spezifisch und weicht von den Krankheitsbildern anderer Ess- und Zwangsstörungen so deutlich ab, dass es unumgänglich ist, dass sich Wissenschaftler und Kliniker stärker mit der Erkrankung befassen und störungsspezifische Manuale und Interventionen entwickeln.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

@
www.orthorexia.com

1.
Barthels F, Pietrowsky R: Orthorektisches Ernährungsverhalten. Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 2012; 62(12): 445–9. CrossRef MEDLINE
2.
Brytek-Matera A: Orthorexia nervosa – an eating disorder, obsessive-compulsive disorder or disturbed eating habit? Archives of Psychiatry and Psychotherapy 2012; 14(1): 55–60.
3.
Janas-Kozik M, Zejda J, Stochel M, Brozek G, Janas A, Jelonek I: Orthorexia – a new diagnosis? Psychiatria Polska 2012; 46(3): 441–50. MEDLINE
1.Barthels F, Pietrowsky R: Orthorektisches Ernährungsverhalten. Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 2012; 62(12): 445–9. CrossRef MEDLINE
2.Brytek-Matera A: Orthorexia nervosa – an eating disorder, obsessive-compulsive disorder or disturbed eating habit? Archives of Psychiatry and Psychotherapy 2012; 14(1): 55–60.
3.Janas-Kozik M, Zejda J, Stochel M, Brozek G, Janas A, Jelonek I: Orthorexia – a new diagnosis? Psychiatria Polska 2012; 46(3): 441–50. MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema