ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2014Bundeskunsthalle: Das Grauen in Bilder gefasst

KULTUR

Bundeskunsthalle: Das Grauen in Bilder gefasst

PP 13, Ausgabe Januar 2014, Seite 46

Traub, Ulrich

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300 Werke – Malerei, Plastiken und dokumentarische Fotos – untersuchen die Bedeutung der Kriegserfahrungen für die Kunstproduktion.

Otto Dix, Selbst bildnis als Mars 1915, Öl auf Leinwand, Foto: Städtische Sammlungen Freital, Schloss Burgk
Otto Dix, Selbst bildnis als Mars 1915, Öl auf Leinwand, Foto: Städtische Sammlungen Freital, Schloss Burgk

George Grosz forderte „Brutalität! Klarheit, die wehtut!“, während Ernst Ludwig Kirchner notierte: „Ich bin innerlich zerrissen und geimpft nach allen Seiten, aber ich kämpfe, auch das in Kunst auszudrücken.“ Radikale Thesen, wie kam es dazu? Auf welche Erfahrungen blickten die Künstler zurück? Es waren die Geschehnisse im Ersten Weltkrieg, die Grosz und Kirchner seelisch so verletzten, dass sie Hilfe in Sanatorien suchen mussten. Nach dem Krieg hatte sich ihre Sicht auf die Kunst geändert. Das illustriert die Ausstellung „1914. Die Avantgarden im Kampf“, die die Bundeskunsthalle in Bonn zurzeit zeigt. 300 Werke untersuchen die Bedeutung der Kriegserfahrungen für die Kunstproduktion.

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Dabei hatte das Jahrhundert für die Kunst doch so bahnbrechend begonnen. Grenzüberschreitend wurde kubistisch gearbeitet. Man wagte erste Schritte in die Abstraktion und der „Blaue Reiter“ schwelgte im Rausch der Farben. Dass viele Künstler dann doch freiwillig in den Krieg gegen ihre Freunde zogen, das kann auch diese Schau nur feststellen und nicht abschließend erklären. An die Sinnhaftigkeit des Krieges glaubten nicht wenige. Futurist Gino Severini feierte in frühen Bildern den Krieg. Für ihn war er Garant des technischen Fortschritts. Franz Marc war sich sicher, dass der Gewaltausbruch „Europa reinigen“ werde. 1916 war er tot.

„Kriege scheinen nötig zu sein“, glaubte auch Max Liebermann, „um den im Frieden wuchernden Materialismus einzudämmen“. Folglich setzte er die plumpen Parolen des Kaisers in Zeichnungen um. „Jetzt wollen wir sie dreschen“ zeigt einen das Schwert schwingenden Pickelhauben-Reiter. Aufseiten der Gegner zeichnete Raoul Dufy harmlose Szenen, deren Titel wie „Schießen Sie als Erste, meine Herren Franzosen!“ ihr propagandistisches Potenzial verraten. In Wladimir Majakowskis bunten Bilderbögen kommen die deutschen Soldaten nicht gut weg: Sie werden als tumbe, willfährige Opfer verhöhnt.

Die zusammenbrechende Welt und den entwurzelten, invaliden Menschen ahnte Ludwig Meidner voraus. Während des Krieges haben dann immer mehr Künstler versucht, das Grauen in Bilder zu fassen. Gegenüber Frans Masereels Holzschnitten, die drastische Anklagen sind, wirkt Félix Vallottons naives Mappenwerk „Das ist der Krieg“ eher verharmlosend. Tod und Leid allenthalben – bei Otto Dix, Erich Heckel und Hans Richter, Natalja Gontscharowa und Ossip Zadkine. In Max Slevogts „Finale“ (1917) ist die Welt ein Friedhof, an dem ein Kriegsversehrter vorbeihumpelt. Das Martyrium in mehreren Schritten hat Max Beckmann festgehalten. Fast alle diese Arbeiten sind schwarz-weiß.

Nach dem Krieg konnte nichts mehr so sein wie zuvor, das deutete sich schon 1915 in Zürich an. Dada erklomm die Bühne und protestierte laut gegen den Krieg und auch sonst fast alles. Die meisten Künstler verschlug es aber wieder ins Atelier. In Kirchners „Tischgesellschaft im Sanatorium“ und „Aufruhr“ von Grosz scheint hinter den krakeligen Strichen die Verstörung auf. Paul Klee zog sich in rätselhafte Fantasieformationen zurück. Unterdessen ebneten Marcel Duchamp mit seinen Ready-mades und Früh-Surrealist Carlo Carrà radikal Neuem den Weg.

Es sind weniger die weitgehend vertrauten biografischen wie kunsthistorischen Positionen, sondern die vielen kaum bekannten Werke, die Kurator Uwe M. Schneede zusammengetragen hat, die diese Schau, die ohne neue, schneidende These auskommt, sehenswert machen.

Ulrich Traub

„1914. Die Avantgarden im Kampf“; bis 23. Februar 2014; Bundeskunsthalle Bonn; Information: 0228 9171-200, www.bundeskunsthalle.de; Katalog 39 Euro

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