ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2014Störungen des Sozialverhaltens: Aufräumen mit Mythen

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Störungen des Sozialverhaltens: Aufräumen mit Mythen

PP 13, Ausgabe Januar 2014, Seite 45

Hopf, Hans

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Als Psychotherapie-Gutachter stellt man fest, dass neben den Angststörungen am häufigsten Störungen des Sozialverhaltens, also aggressives Verhalten in unterschiedlicher Gestalt psychotherapeutisch zur Behandlung kommen. Nicht selten treten beide auch komorbid auf. Das Buch, das die neueste Forschung zur Aggression und Gewalt referiert, ist darum erwünscht.

Die Autoren handeln zwölf Themenbereiche ab, die sie in den vergangenen Jahren beforscht haben. Es ist faszinierend, wie die Autoren mit einigen Mythen hinsichtlich aggressiven Verhaltens „aufräumen“. Zum Beispiel: „Aggressive Kinder sind niemals Opfer.“ Auch aggressive Täter sind Opfer (nämlich ihrer traumatisierenden Kindheit) und brauchen Verständnis. Der Satz „Wenn man genug Liebe erfahren hat, wird man im Leben niemals aggressiv“, ist ebenso ein Mythos. Natürlich macht er eine umfassende Definition von Liebe erforderlich, denn Liebe braucht immer Begrenzung und Struktur. Und hoffentlich ist inzwischen jedem klar, dass ein kathartisches Ausagieren aggressives Verhalten nicht abbauen kann. Viele Abschnitte mit prägnanten Überschriften gliedern die einzelnen Kapitel. Äußerst hilfreich ist, dass nach jedem Kapitel eine sorgfältige Zusammenfassung erfolgt, samt Schlussfolgerungen.

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Die ersten drei Kapitel führen in die Thematik ein, Klassifikation, Komorbidität und Verlauf sowie die Entstehung aggressiven Verhaltens. Weitere aktuelle Fragestellungen werden beim Mobbing, bei den Gewalt-Computerspielen behandelt und natürlich bei Prophylaxe, Prävention und Therapie – Hinweise auf pädagogische Förderung und Behandlung ziehen sich durch das gesamte Buch. Die Autoren machen deutlich, dass aggressiv-dissoziales Verhalten aus einem komplexen Zusammenspiel bio-psycho-sozialer Risikofaktoren resultiert.

Das Buch wurde aus der Perspektive der Klinischen Kinderpsychologie verfasst, weil es die Erfahrungswelt der Verfasser ist. Auf keinen Fall wollten sie andere Erklärungen ausschließen oder gar die eigene Sicht als bessere bewerten, aggressives Verhalten zu erklären – eine solche Bescheidenheit ist nicht überall zu finden. Es ist ein gelungenes Buch, mit vielen Fakten, Erklärungen und aktuellen Untersuchungen. Das Buch ist gut lesbar und gut strukturiert, mit vielen Fallbeispielen und Praxishinweisen. Es ist wegen seiner Klarheit und hilfreichen Struktur vor allem Psychoanalytikern ans Herz zu legen, Verhaltenstherapeuten sowieso. Sie alle werden vielleicht einige Vorurteile aufgeben, und sie werden Hilfen für ihre Diagnostik erfahren. Hans Hopf

Franz Petermann, Ute Koglin: Aggression und Gewalt von Kindern und Jugendlichen. Springer, Berlin 2013, 207 Seiten, gebunden, 34,99 Euro

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