ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2014Psychotherapie traumatisierter Flüchtlinge und Folteropfer: Aktueller Stand der Versorgungsmöglichkeiten

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Psychotherapie traumatisierter Flüchtlinge und Folteropfer: Aktueller Stand der Versorgungsmöglichkeiten

PP 13, Ausgabe Januar 2014, Seite 44

Kattermann, Vera

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Die Psychotherapie traumatisierter Flüchtlinge stellt in vielerlei Hinsicht eine komplexe Herausforderung für Behandler dar: Nicht nur aufgrund des transkulturellen Hintergrundes, der in kulturspezifischen Prägungen und kulturspezifischen Erwartungen an die Psychotherapie Ausdruck findet. Vor allem bedingen die Folgewirkungen der erlittenen Traumatisierungen ebenso wie der Flucht teilweise schwerwiegendste Symptomatiken. Zudem sind die Patienten während der Behandlung Belastungen der Akkulturation oder Anpassung an die Kultur des Aufnahmelandes ausgesetzt, während vorhandene Ressourcen – wie etwa ein gutes soziales Netzwerk – eingeschränkt sind. Als besondere, aktuelle Stressoren summieren sich dazu die unklare oder unsichere aufenthaltsrechtliche Situation, die Gefahr von Abschiebung und die Belastung durch häufig schlechte Wohnbedingungen und finanzielle Knappheit. So ist ein ausreichend guter Einblick in den asylrechtlichen Paragrafendschungel auch in der Therapie unerlässlich.

Weiter ist der therapeutische Prozess abhängig von einer ausreichend guten Verständigung, manchmal nur ermöglicht durch Dolmetscher – wiederum ein ungewohntes Spezifikum für Behandlungen. Als wäre das alles nicht genug, sind Flüchtlinge in Deutschland überwiegend nicht nur einem Klima der Ablehnung und Feindseligkeit ausgesetzt, sondern werden bisweilen auch akut rassistisch bedroht. Es wirkt fast wie ein Wunder, dass Psychotherapien mit traumatisierten Migranten all diesen Belastungsfaktoren zum Trotz stattfinden – und vielfach gut gelingen.

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Umso wichtiger erscheint es, die beschriebenen Herausforderungen innerhalb der psychosozialen Berufsgruppen zu diskutieren und darüber hinaus im Versorgungssystem ein vertieftes Problembewusstsein zu fördern. Mit diesem Ziel tritt der Sammelband an, der aktuelle Behandlungskonzepte für traumatisierte Flüchtlinge und Folteropfer zusammenträgt und mit klinischen Fallbeispielen ergänzt. Die 15 im Band vertretenen Aufsätze decken ein weites Spektrum therapeutischer Zugänge ab, die sowohl im ambulanten als auch in teilstationären und stationären Rahmen entwickelt worden sind. Einige der Aufsätze stellen (teil-)stationäre Behandlungskonzepte vor, die gerade im deutschlandweiten Kontext spannend zu vergleichen sind. Andere fokussieren auf spezifische Behandlungsaspekte, wie etwa psychotische Störungen, die Anwendung der EMDR-Methode im transkulturellen Behandlungskontext oder aber auf spezifische Kasuistiken einzelner Behandlungsverläufe. Ein Aufsatz zur Begutachtung psychisch-reaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren würdigt auch den zwiespältigen Aspekt der Begutachtung.

Herausgekommen ist so ein facettenreiches und vor allem wissenschaftlich fundiertes Buch, das die Vielfalt der genannten therapeutischen Belastungen ebenso transparent macht wie die Vielfalt der methodischen Versuche ihrer Beantwortung. Es ist eine erfreuliche Zusammenschau der Expertise vieler Fachleute, die den Stand der aktuellen Versorgungsmöglichkeiten aufzeigt, wenn auch in ihren Widersprüchen nicht vertiefend würdigen kann. Nach der Lektüre möchte man sich verneigen angesichts der umfassenden existenziellen Herausforderungen, der Asylsuchende in Deutschland heute ausgesetzt sind. Vera Kattermann

Robert E. Feldmann, Günther H. Seidler (Hrsg.): Traum(a) Migration. Psychosozial-Verlag, Gießen 2013, 309 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro

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