ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2014Subjektivität: Der Geist als ein offenes System

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Subjektivität: Der Geist als ein offenes System

PP 13, Ausgabe Januar 2014, Seite 43

Koch, Joachim

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Wie in einer ansonsten deterministischen Welt die Subjektivität in den menschlichen Geist kommt, ist das Thema von Wolfgang Prinz. Die Antwort hier gleich am Anfang: Das Individuum kann sich nur in und durch die Kommunikation und Interaktion mit anderen erschaffen und erfinden. Der Geist wird als ein offenes System gedeutet, das so konstruiert ist, dass es seine Architektur durch die Kommunikation und Interaktion mit dem Geist anderer Personen aufbaut und formt, ja der Geist benötigt sogar eine grundlegende Offenheit für andere geistbegabte Wesen. Diese Prinzsche Konzeption steht dem klassischen Paradigma, das den Geist in einem geschlossenen auf sich selbst bezogenen System sieht, diametral gegenüber.

Prinz entwickelt seine Argumentation in vier Buchteilen. Im ersten werden wichtige Theorien des menschlichen Geistes sowie Forschungsansätze vorgestellt. Im zweiten Teil stellt der Autor Spiegelsysteme vor. Durch Spiegelsysteme und Spiegelspiele stimmen sich einzelne geistbegabte Wesen aufeinander ab und gestalten den eigenen Geist nach dem Vorbild des anderen.

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Im dritten Teil geht es um die Volition. Durch den Willen kann sich der Mensch steuern (Handlungssteuerung). Der Wille wurzelt in Spiegeln und Spiegelspielen. Durch soziale Spiegelung oder genauer gesagt, durch ein Wechselspiel von Zuschreibung, Selbstzuschreibung und Aneignung wird die Einzelperson mit einem privaten Mechanismus zur Handlungssteuerung ausgestattet. Dieser Mechanismus gründet auf öffentlich ausgehandelten Interpretationen des Handelns und der Handlungssteuerung. Die kollektive Steuerung individueller Handlungen ist der Grund für die außergewöhnlichen sozialen Fähigkeiten der Menschen, die weit mehr als andere soziale Lebewesen ihre Handlungen durch Arbeitsteilung koordinieren können.

Im vierten Teil geht es um die Kognition. Hier lautet die These, dass die funktionale Organisation menschlicher Kognition durch das Wechselspiel von Aneignung und Zuschreibung stark strukturiert ist: Menschen werden dadurch zu Wahrnehmenden und Denkenden, dass sie sich das aneignen, was sie anderen zuschreiben, und was sie wahrnehmen, das andere Personen ihnen selbst zuschreiben. Die Zukunft wird zeigen, ob sich der von Prinz entwickelte Ansatz gegenüber anderen Theorien durchsetzen wird; die wissenschaftlichen Kontroversen werden mit Spannung erwartet. Joachim Koch

Wolfgang Prinz. Selbst im Spiegel. Die soziale Konstruktion von Subjektivität. Suhrkamp, Berlin 2013, 502 Seiten, gebunden, 39, 95 Euro

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