ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2014Sándor Ferenczi: Sehnsüchtige Abhängigkeit von Freud

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Sándor Ferenczi: Sehnsüchtige Abhängigkeit von Freud

PP 13, Ausgabe Januar 2014, Seite 42

Moser, Tilmann

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„Nie hat er seine – unmittelbare oder übertragene – Feindseligkeit gegenüber Freud, seinem Analytiker und verehrtem Meister, wirklich äußern können, der übrigens solche Äußerungen auf Seiten seiner Anhänger nicht gut vertragen konnte“, schreibt die französische erste Herausgeberin des Tagebuchs von 1932, dem letzten Lebensjahr des Pioniers, in ihrem überaus klugen Vorwort von 1968. Bis dahin lag es im Giftschrank der Psychoanalyse. Das Zitat kennzeichnet in kürzester Form gleich beide Partner einer lebenslangen ambivalenten und tragisch endenden Freundschaft zwischen Freud und seinem Lieblingsschüler, erhofften Erben und Kronprinzen wie Analysanden und Freund und Reisebegleiter – eine Vielfalt der Funktionen, an der auch die als heilsam erhoffte quasi erste „Lehranalyse“ scheitern musste.

Ferenczi selbst nennt sich einen Verehrer, der so hörig wie sehnsüchtig abhängig blieb, dessen Experimente Freud scharf verurteilte und den Freud auch in Briefen, selbst an ihn, scharf diagnostizierte. Aber in der so schmerzhaften wie zweifelnden und stolzen Selbstprüfung im letzten Lebensjahr äußert sich Ferenczi fast erbarmungslos über therapeutische und theoretische Mängel des Meisters und wirft ihm seine mangelhafte Analyse, vor allem die der verkappten negativen Übertragung vor. Aber wer hätte in der Frühzeit und aus solcher Nähe die vielschichtigen Neurosen des Schülers angemessen analysieren können und wollen?

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Ferenczi buhlte um Freuds Anerkennung, blieb zuletzt unerlöst einsam und wusste sich doch therapeutisch dem Lehrer überlegen, dessen fast nur männliche, auch den Patienten gegenüber verächtliche Analytikerhaltung dem Schüler angesichts seiner männlich-weiblichen Doppelidentität oft grausam, ja retraumatisierend erschien. Der faszinierende Dialog mit sich selbst im Tagebuch ist das Selbstgespräch eines einsamen und unermüdlichen Experimentators, der bis zur Erschöpfung heilen will, auch wenn er die Sitzungen auf bis zu drei Stunden und notfalls auch ins Wochenende ausdehnt, Patienten zu Hause aufsucht, ja, sie zur Genesung fast zwingen will. Freud nannte es geringschätzig seinen „furor anandi“, also Ferenczis Heilungswut um fast jeden Preis. Das führte auch zur „wechselseitigen Analyse“ von Analytiker und Patienten, bei denen Ferenczi Patienten anzapfen und sich gleich mitheilen wollte aus seiner selbstquälerisch im Text wie vor den Analysanden ausgebreiteten Grundstörung. Freuds Biograf Ernest Jones hat ihn früh für seelisch krank erklärt, und mehrere Generationen von Analytikern haben sein Urteil ungeprüft übernommen.

Der riesige, genial-verrückte Steinbruch (nicht im Jonesschen Sinne) des Tagebuchs ist deshalb weitgehend unerschlossen geblieben, und ist auch heute anzuraten, man sollte es nur diskutierend im Kollegenkreis lesen, um den Reichtum zu erschließen und das Übertriebene und Unbrauchbare begründet zur Seite zulegen. An Ferenczis Einsamkeit mit den Gefahren des Sich-Verrennens kann man ermessen, welcher Segen es ist, heute in einer kleinen vertrauensvollen „Intervisionsgruppe“ sich prüfend auszutauschen, gegen Scham, Kleinheits- und Größenfantasien und offensichtliche (rest)neurotische Trübungen von Diagnostik und Behandlungsform. Aber keiner wäre damals schon Ferenczis ungezügeltem Vorwärtsstürmen gewachsen gewesen, zumal Freuds Skepsis und späteres Verdikt allmählich bekannt wurde und wohl keiner den Mut gehabt hätte, bei dem kühnen und manchmal sich verirrenden Genie tolerant und kritisch auszuharren. Außerdem hätte dieser wohl auch keinen Kollegen ausgehalten, den er nicht als kongenial anerkannt hätte, und die gab es nur, wenn überhaupt, in weiter Ferne.

Ferenczi wagte Tiefengrade von Einfühlung in seine Patienten wie in sich selbst, die ein langsames Nachschwingen bei der Lektüre erfordern, auch um die unweigerlich einsetzende Selbstüberprüfung der eigenen Identität auszuhalten und fruchtbar zu machen. So aber mischen sich Bewunderung, Verwirrung und Schrecken über Ferenczis Abgründe, in die er sich hineintraut. Selbst sein ihn bewundernder Schüler und Analysand Michael Balint glaubte zuerst noch, die nachwachsenen Kollegen vor dem Sturm der Entdeckungen und Übertreibungen wie der massiven Kritik an Freud schützen zu müssen und überlegte, ob zunächst nur ausgewählte Passagen, sozusagen ad usum delphini, publiziert werden sollten. Es ist aber nicht übertrieben zu sagen: Die Geschichte der Psychoanalyse wäre anders verlaufen ohne Freuds Ablehnung und Unverständnis und Jones Diffamierung, vor allem aber ohne die erschütternde Einsamkeit des Genies, an dessen hoffentlich als vorläufig wahrgenommenem „Scheitern“ er selbst einen gewichtigen Anteil hatte. Und vor allem: Die Psychoanalyse wäre nicht eine reine „Sprachkur“ geblieben, das Wort hätte zum Körper und der Körper zum Wort gefunden. Tilmann Moser

Sándor Ferenczi: Das klinische Tagebuch. Psychosozial-Verlag, Gießen 2013, 299 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro

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